Zu schlechte Noten für das Ausland

Die Sorge der Studenten ist nicht unberechtigt. WU-Studenten klagen über eine strenge Benotung im internationalen Vergleich. In Deutschland macht hingegen die Inflation guter Zensuren Sorgen.

c Die Presse Clemens Fabry

Wien/Berlin. 584 Prüflinge und 455„Nicht Genügend“: Das ist die Bilanz der Prüfung „Accounting&Management Control II“ der Wirtschaftsuniversität Wien (WU), die im Oktober stattgefunden hat. Zum Vergleich: Ein „Sehr Gut“ ging bei dieser Prüfung gerade einmal an vier Kandidaten. Kein Wunder also, dass die Hochschülerschaft (ÖH) der WU laut aufschreit: Die Benotung sei viel zu streng. Das Resultat: Vor allem bei internationalen Bewerbungen hätten WU-Absolventen große Nachteile. Denn einem Vergleich mit den Zeugnissen anderer internationaler Studenten könnten sie zumeist nicht standhalten.

Dass die Sorge der Studenten nicht unberechtigt ist, bestätigt auch Romed Neurohr, Verleger des „Bergson Master Guide“. In diesem Guide wurden die 300 relevantesten europäischen Masterprogramme im Bereich Betriebswirtschaft verglichen und gereiht. Neurohrs Recherchen zeigten: Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern haben österreichische Absolventen von Wirtschaftsstudien deutlich schlechtere Notendurchschnitte. Das beeinträchtige auch die Aufnahmewahrscheinlichkeit an einer ausländischen Uni, sagt Neurohr im Gespräch mit der „Presse“.

 

Studentenranking soll helfen

Selbst WU-Rektor Christoph Badelt macht kein Hehl daraus, dass die an der Wirtschafts-Uni vergebenen Prüfungsnoten vergleichsweise schlecht sind. Seine Erklärung dafür: „Wir baden hier etwas aus, das durch den ungeregelten Zugang entstanden ist.“ Die österreichischen Unis müssen alle Studierwilligen aufnehmen, ohne über die entsprechenden Kapazitäten zu verfügen. Deswegen würden sich die Unis in überlaufenen Studienrichtungen mit schwierigen Prüfungen behelfen, um die Studierenden zu selektieren. Die tatsächliche Leistungsfähigkeit eines Studenten spiegeln die Zeugnisnoten also zumeist nicht wider.

Die WU sei sich des Problems bewusst, sagt Edith Littich, Vizerektorin für Lehre an der Wirtschafts-Uni. Deshalb habe man auch ein sogenanntes Studentenranking etabliert. Dabei werden alle WU-Studierenden entsprechend ihres Notendurchschnitts gereiht. Wer bei Bewerbungen seine Leistungen ins richtige Licht rücken möchte, kann das damit tun. Dem potenziellen Arbeitgeber oder der Wunsch-Uni kann das Ranking vorgelegt und so bewiesen werden, dass man trotz durchwachsener Noten zu den besten zehn Prozent der Studenten zu zählen ist. Dass die strenge Benotung allein Folge der fehlenden Zugangsbeschränkungen sei, glaubt Christian Tafart, der ÖH-Vorsitzende der WU, übrigens nicht. Vielmehr hätten schwierige Prüfungen und eine (zu) strenge Benotung an der WU Tradition.

 

Alles wird „Gut“

Ganz konträre Sorgen plagen die akademischen Lehrer in Deutschland. Vor Kurzem hat der Wissenschaftsrat Alarm geschlagen, wegen einer „fortgesetzten Tendenz zur Vergabe besserer Noten“. Bei 77 Prozent der Abschlussprüfungen lautet die Note „Sehr Gut“ oder „Gut“. Bei den Biologen sind es sogar 98 Prozent, bei Psychologen, Philosophen und Historikern 97 Prozent. Vor einer „schleichenden Noteninflation“ wird gewarnt.

Diese Ergebnisse erscheinen umso befremdlicher, wenn man sie mit den Staatsexamen der Juristen vergleicht. Dort wird die strenge Zensur noch gepflogen: Nur sieben Prozent schaffen ein „Gut“, eine Eins kommt praktisch nicht vor. Das Notenmittel liegt bei 3,3 – und damit ziemlich genau dort, wo es nach der ursprünglichen Idee einer Normalverteilung über fünf Noten liegen sollte.

Wenn die Differenzierung hingegen nur noch in der Nachkommastelle erfolgt, verliert die Note jede Aussagekraft für den künftigen Arbeitgeber. Dennoch möchte der Wissenschaftsrat nicht vorschnell schließen, den Studenten würde der glänzende Abschluss „nachgeworfen“, um ihre Karriere nicht zu behindern und die Plätze für das Masterstudium zu füllen.

Die Lehrenden werden sich nämlich damit verteidigen, dass schon durch den Numerus Clausus und während des Studiums streng selektiert wird. Diese Erklärung dürfte aber nur bei Fächern wie Physik, Chemie und Informatik ausreichen: In ihnen müssen die Studenten Standards erfüllen, die es plausibel machen, dass sie am Ende alles können, was man ihnen beibringen wollte.

Dass aber unter den Geisteswissenschaftlern eine Generation von Geistesgrößen heranwächst, würde vor allem Gerhard Wolf heftig bezweifeln. Der Altphilologe befragte Kollegen in ganz Deutschland zur Qualität ihrer Studenten. Das Urteil war vernichtend: Das Niveau auf den geisteswissenschaftlichen Fakultäten sinke, klagte Wolf im „Spiegel“. Besonders bei der Sprachkompetenz gebe es massive Defizite: „Eine wachsende Gruppe von Studierenden ist den Anforderungen (...) intellektuell nicht gewachsen.“

Auf einen Blick

An der Wirtschafts-Uni Wien klagen Studenten über eine zu strenge Beurteilung. Die schlechten Noten würden vor allem Bewerbungen im Ausland erschweren. Der Rektor der Wirtschafts-Uni, Christoph Badelt, führt die strenge Beurteilung auf das Fehlen von Zugangsbeschränkungen zurück. Die Universität sei quasi gezwungen, die Studenten anhand strenger Prüfungen zu selektieren.

In Deutschland macht sich der Wissenschaftsrat konträre Sorgen. Eine Auswertung zeigt: 77 Prozent der Abschlussprüfungen werden mit „Sehr Gut“ oder „Gut“ bewertet. Vor allem in den Geisteswissenschaften finden Differenzierungen meist nur noch in der Nachkommastelle statt. Durch die Inflation von Bestnoten verliere das Zeugnis jede Aussagekraft für den künftigen Arbeitgeber.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2012)

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