Uni 2.0: Ein bisschen Harvard für alle

In den USA boomen Plattformen für frei zugängliche Onlinekurse. Auch österreichische Unis tasten sich an das Modell heran.

Wien. Es ist eine Bewegung, in der viele die ganz große Revolution des Hochschulwesens vermuten: sogenannte MOOCs. Das Kürzel steht für Massive Open Online Courses – (zumindest vorerst noch) kostenlose, frei zugängliche Online-Massenkurse, gehalten von Koryphäen auf ihrem Gebiet, oft Professoren an US-Elite-Unis. „Da kommt ein Tsunami auf uns zu“, warnte der Präsident der Uni Stanford, John L. Hennessy, seine Kollegen vor nicht allzu langer Zeit.

Ins Rollen brachte die Welle der deutsche Stanford-Professor Sebastian Thrun: Zu seinem Onlinekurs „Künstliche Intelligenz“ meldeten sich im Herbst 2011 rund 160.000 Studenten an – zehnmal so viele Studenten wie am gesamten Campus der kalifornischen Elite-Uni. Anfang des Jahres machte sich Thrun mit der digitalen Plattform Udacity selbstständig, danach ging es Schlag auf Schlag: Im April zog Coursera mit den Unis Stanford, Princeton und Penn nach – inzwischen sind weitere Hochschulen an Bord –, im Mai stellten Harvard und das MIT ihre mit 60 Millionen Dollar dotierte Plattform edX vor (siehe Factbox).

Im Unterschied zum traditionellen E-Learning sind die MOOCs komplette Kurse, im Unterschied zu Videos oder Podcasts von Vorlesungen, wie es sie – etwa auf iTunesU – bereits seit einigen Jahren gibt, sind sie speziell fürs Web gemacht: ein komplettes Lernumfeld aus Videovorlesungen, Lehrmaterial, Wikis und Diskussionsforen, in denen Studierende mit Kommilitonen oder sogar mit dem Professor in Kontakt treten können. Am Schluss gibt es ein Zertifikat – das künftig auch etwas kosten könnte.

Schwachpunkt Prüfungen

Der große Schwachpunkt ist nach Ansicht vieler aber die Bewertung – man wisse nicht einmal mit Sicherheit, ob jemand den Kurs tatsächlich selbst absolviert habe. In den Geisteswissenschaften – auch solche Kurse werden neben den großteils Informatik-orientierten angeboten – korrigieren zum Teil Kommilitonen die Prüfungen.
Ein Punkt, von dem sich der Informatikprofessor Wolfgang Pree nicht abhalten ließ: Die Uni Salzburg ist (nicht nur in Österreich) unter den Vorreitern in der Einbindung von MOOCs. Seit diesem Semester können Prees Studenten in sieben Lehrveranstaltungen wählen, ob sie sie regulär absolvieren wollen oder mithilfe eines Onlinekurses auf Coursera, edX oder Udacity. Mehr als die Hälfte der Studenten haben sich für die Onlinevariante entschieden. Um ihre Leistungen nachvollziehen zu können, stellt Pree am Ende des Semesters selbst Klausuren zum absolvierten Stoff zusammen.

Für ihn sind die Onlinekurse eine Möglichkeit, Topinhalte einzugliedern und das Angebot der Uni damit wesentlich zu verbreitern – gerade für eine kleine Fakultät wie die in Salzburg sei das eine Möglichkeit, attraktiver zu werden. „Ich wage zu behaupten, dass sich manche Unis gegen die Anrechnung von Onlinekursen sträuben, weil sie die Konkurrenz insgeheim fürchten“, sagt Pree. Eine, der man, meint er, dennoch kaum entkommen kann: Mit den MOOCs setzt quasi über Nacht ein weltweiter Wettbewerb darüber ein, wer Inhalte am besten, am spannendsten vermitteln kann. Udacity-Gründer Thrun äußerte sich dazu im deutschen Wochenmagazin „Die Zeit“: „Unser Onlinestudium kann guten Professoren die Popularität von Rockstars verschaffen.“ Seine These: „Schlechte Dozenten werden mehr Druck verspüren. Das wird die Qualität verbessern.“

Ähnlich sieht das Pree. Wie das Studium der Zukunft aussehen kann? Statt eines Blocks an einer einzelnen Uni könnte es etwa aus Onlinekursen verschiedener Unis bestehen, meint Pree. Ein anderes Szenario ist angelehnt an die Khan Academy, deren Lehrvideos in US-Schulen verwendet werden – unter dem Motto „flipped classroom“: Was früher frontal vorgetragen wurde, lernen die Schüler selbstständig online. In der Schule wird das gemacht, was zuvor Hausaufgaben waren – und es bleibt Zeit für individuelle Fragen. Ähnlich könnte es künftig auch im Hörsaal ablaufen, meint Pree. „Das Zusammenkommen an einem Campus wird aber wichtig bleiben.“

Teilen und  Tauschen

Auch Martin Ebner glaubt nicht an das totale Onlinestudium. „Österreichs Unis sind bekennende Präsenzunis, und das ist auch gut so“, sagt der Vizepräsident des Forum Neue Medien Austria, das sich mit technologiegestützter Lehre an den österreichischen Unis beschäftigt. Er sieht in dem Onlinetrend eine Chance, dass Unis Expertise künftig breiter zugänglich machen, teilen und tauschen. Dass etwa die TU Graz, an der Ebner lehrt, künftig Unterlagen oder Kurse anderer Unis integriert, vor Ort mit Lehre ergänzt und selbst Inhalte teilt.
Was Letzteres betrifft, ist die TU Graz bereits am Weg: Im Zuge der „Open-Content-Strategie“ werden viele Materialien schon jetzt online frei zur Verfügung gestellt. „Vielleicht bieten wir das künftig auch in Kursform an“, sagt Ebner. Nur: Derart massive Resonanz wie die US-amerikanischen Kurse werde so etwas kaum haben – dafür fehlt einfach der Ruf.

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