Medizin-Uni: Der Frauenbonus hält

Die gendergerechte Auswertung an der Med-Uni Wien war rechtskonform – auch, weil es eine Übergangslösung war. Der neue Eignungstest soll weiterentwickelt werden.

(c) Die Presse (Eva Rauer)

Wien. Bis zuletzt hat sich eine Handvoll gescheiterter männlicher Medizinstudenten große Hoffnungen gemacht. Immerhin haben die Verfassungsrichter Bedenken angemeldet, was die umstrittene gendergerechte Auswertung des Aufnahmetests an der Med-Uni Wien anging. Nun ist aber klar: Dass manche Frauen trotz schlechterer Resultate Männern bei der Vergabe der Studienplätze vorgezogen wurden, war rechtskonform. Das hat der Verfassungsgerichtshof (VfGH) nach Prüfung der Verordnung entschieden.


Gestritten wurde darüber seit fast zweieinhalb Jahren, als die Medizin-Uni Wien – als einzige der österreichischen Medizin-Unis – entschied, ihren Test anders auszuwerten als zuvor. Die Begründung: Seit der Einführung des sogenannten EMS-Test im Jahr 2006 schnitten die weiblichen Prüflinge stets schlechter ab als die Männer. Beim Test 2012 wurde der Test daher anders ausgewertet.
Aus den bei dem Test erzielten Punkten wurde jeweils ein Mittelwert für Frauen und einer für Männer errechnet. Diese wurden angeglichen: Angehörige jener Gruppe, die im Schnitt schlechtere Ergebnisse hatte, kamen also mit geringerer Punktezahl in der Rangliste weiter nach vorn. Manche Männer wurden daher trotz identer bzw. sogar höherer Punktezahl als manche Frauen abgewiesen.

Dass die Medizin-Uni – nach einem (medialen) Aufstand abgewiesener Männer – weitere 60 Studierende zum Medizinstudium zuließ, glättete die Wogen nur zum Teil. Die Verordnung, mit der die Uni den Frauenbonus installierte, wurde von einigen der abgewiesenen Männer juristisch angefochten. Bis das strittige Thema eben beim VfGH landete.

Okay als Übergangslösung

Dieser gab nun der Uni recht. Bei der gendergerechten Auswertung habe es sich um eine verhältnismäßige Maßnahme gehandelt, „um eine (weitere) strukturelle Benachteiligung von Frauen bei der Anwendung des EMS zu vermeiden“, so die Verfassungsrichter in ihrem Bescheid. Immerhin hätten Kandidatinnen „nachweisbar systematisch schlechter abgeschnitten“ als Männer, was unter anderem mit der vorausgehenden Schulbildung und unterschiedlichen Strategien von Frauen und Männern bei der Lösung von Prüfungsaufgaben zusammenhänge. Und andere Maßnahmen – mehr Information, Optimierungen bei der Durchführung des Tests – hätten nicht zu einer Verringerung der Differenz geführt.

Letztlich dürfte aber auch ein zweiter Punkt entscheidend gewesen sein, weshalb die Richter den Bonus für die Frauen nicht kippten: Es habe sich von vornherein um eine Übergangsmaßnahme gehandelt, die punktuell für ein einziges Testjahr eingeführt wurde. Tatsächlich war die Uni – mit den anderen beiden Med-Unis – zu diesem Zeitpunkt schon dabei, einen neuen Eignungstest zu entwickeln, der die Frauen weniger benachteiligen sollte als der EMS-Test.
Bei dem neuen Test – der seit dem vergangenen Jahr im Einsatz ist und keine gendergerechte Auswertung beinhaltet – erzielen die Frauen zwar im Schnitt immer noch schlechtere Resultate als die Männer. Allerdings ist die Differenz nicht mehr so groß. Heuer gingen in Wien 53 Prozent der Plätze an Frauen, der Anteil der Bewerberinnen lag bei 59 Prozent.

Sozialpraktika einrechnen

An der Med-Uni Wien ist die Freude über den Entscheid des VfGH groß. „Ich denke, dass das unseren Weg bestätigt hat“, sagt die Vizerektorin für Lehre, Karin Gutierrez-Lobos, im Gespräch mit der „Presse“. „Wir haben die richtige Richtung eingeschlagen und entwickeln den Test auch kontinuierlich weiter.“ Geplant sei als Nächstes, abgeleistete Sozialpraktika zusätzlich zum Testergebnis in die Reihung bei den Studienplätzen einzubeziehen. Konkretes soll dieser Tage entschieden werden.

Eine Wiederbelebung der umstrittenen gendergerechten Auswertung sei nicht angedacht, wenn auch nicht komplett ausgeschlossen. „Was ist schon völlig ausgeschlossen? Aber es ist nicht mein Wunsch. Und ich gehe davon aus, dass es mit dem neuen Test und dessen Weiterentwicklung nicht nötig sein wird.“ (beba/APA)

Auf einen Blick

Medizin-Uni-Tests. Seit der Einführung des sogenannten EMS-Tests im Jahr 2006 erzielten Frauen bei diesem jedes Jahr schlechtere Resultate als Männer. Als Reaktion darauf beschloss die Uni einerseits, im Studienjahr 2012/13 gendergerecht auszuwerten. Das bedeutete, dass die Testergebnisse von Männern und Frauen getrennt bewertet wurden. Folge: Die Angehörigen jener Geschlechtergruppe, die durchschnittlich schlechter abschnitt (also die Frauen), benötigten eine geringere Gesamtpunktezahl, um einen bestimmten Testwert und damit einen bestimmten Rang zu erreichen. Manche Männer wurden daher trotz identer bzw. sogar höherer Punktezahl als manche Frauen abgewiesen. Andererseits entschied sich die Medizin-Uni für die Entwicklung eines komplett neuen Tests, der aber erst im Jahr darauf fertig war.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2014)

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