Vom College-Film nach Wien: Wie Europameister debattieren

An der WU wurden die Europameister im Debattieren gekürt. Auch in Österreich holt die Debattierkultur an Unis auf.

Symbolbild.
Symbolbild.
Symbolbild. – (c) APA/EPA

Wien. Es ist ein ungewohnter Anblick in der hochsommerlich-leeren WU: hunderte junge Männer im Anzug (mit erstaunlich hoher Mascherl-Dichte) und Frauen Anfang 20 in Glitzerkleidern, die um die Wette reden. Hitzige Debatten über Kindererziehung, Waffenembargos oder den Mythos von Kriegshelden. Die Studenten besuchen die Finale im Europäischen Hochschuldebattieren, die vorige Woche an der WU ausgetragen wurden. 633 Teilnehmer sind aus 28 Ländern gekommen – vor allem aus Israel, Irland und Großbritannien.

Dort hat das Leistungsdebattieren an Schulen und Hochschulen lange Tradition, schon Zehnjährige diskutieren dort auf Leistungsniveau. Und die Routine sieht man den Finalisten an: Unscheinbare Burschen mit großen Brillen und mitunter zu großen Sakkos steigen da vor rund 1000 Zuschauern auf das Podest – und legen in rasanter Geschwindigkeit, ein Argument jagt das andere, mit wilder, bisweilen übertriebener Gestik und beinahe ohne einen Blick auf den Notizzettel los. Jeder Einwurf wird sofort abgeschmettert. Dabei erfährt ein Team aus jeweils zwei Sprechern das Thema erst 15 Minuten vor dem Start der Debatte, auch die Position, die man einzunehmen hat, wird vorgegeben. Jeder Redner hat sieben Minuten Zeit, Notizen sind erlaubt, Internetrecherche aber nicht. Debattiert wird auf Englisch, dabei gibt es je einen Meistertitel in den Kategorien Englisch als Muttersprache und Englisch als Fremdsprache.

Gewinner ist, wer die Jury mit seiner Rhetorik, der Logik der Argumentation und seiner „Persuasiveness“ überzeugen kann, wie Jakob Reiter vom Organisationsteam der Meisterschaft in Wien erklärt. „Es ist fast wie ein Schachspiel“, sagt er, „wie die Jury die Argumente gegeneinander abwiegt.“ Im Finale diskutieren fast nur Burschen, obwohl, wie Reiter sagt, junge Frauen gewöhnlich stärker seien, weil überlegter und weniger impulsiv.

 

„Es ist wie ein Leistungssport“

Österreicher sind im Finale nicht dabei, schließlich kennt man die Debattierklubs hierzulande oft nur aus College-Filmen. Aber die Wiener holen – wie der Rest Kontinentaleuropas – seit zwei, drei Jahren auf. Der Wiener Debattierclub ist mittlerweile auf Platz 55 der Weltrangliste geklettert. Debattiert wird an allen Universitäten, auch in Graz und Salzburg gibt es mittlerweile Klubs, genauso wie Initiativen an Schulen, an denen Debattieren teilweise als Freigegenstand angeboten wird.

„Es ist ein Leistungssport“, erklärt WU-Student Reiter, warum er vor fünf Jahren mit dem Leistungsdebattieren begonnen hat. „Ich hatte immer schon eine große Klappe, es ist ein Kick, ein unglaublicher Adrenalin-Flash.“ Den Diskutanten sieht man das an, nach den Reden wirkt manch einer aufgeputscht, als hätte er einen halben Marathon hinter sich. Bis sie sich bei Bacardi-Orange auf den Outdoor-Möbeln auf dem WU-Gelände abkühlen – und dann doch noch das Bild abgeben, das man vom hochsommerlichen Studentenleben eben so hat. (cim)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2015)

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