Studenten besetzen Uni: „Freiheit für die Kunst“

Mitglieder der Akademie der bildenden Künste boykottieren die Umstellung auf das Bachelor-Master-System. Die Akademie wehrt sich schon seit 2005 gegen die neue Studienarchitektur.

(c) Clemens Fabry

Wien. Große Transparente wehen über den Toren der Akademie der bildenden Künste. „Education is not for sale“ – also: „Bildung ist nicht zu verkaufen“ – steht in riesigen Lettern geschrieben. Ansonsten herrscht vor der Universität Leere, Studenten sind kaum zu sehen. Seit Dienstag steht in der Uni der Betrieb still. Die rund 1000 Studierenden und Lehrenden sind in den Streik getreten – und halten den Bau am Wiener Schillerplatz „besetzt“, wie sie selbst es nennen.

Die Besetzer sind rund 40 bis 50 Studenten, die sich in der Aula des Gebäudes verschanzt haben. Einige haben hier übernachtet. Statt Lehrveranstaltungen gibt es selbst gemachte Kürbissuppe, die die Jugendlichen aus Plastikbechern löffeln. Der Grund für die Proteste: die geplante Umstellung der Studien auf das internationale Bachelor-Master-System, das die EU zur Vereinheitlichung des Hochschulabschlusses vorschreibt.

Die Akademie wehrt sich schon seit 2005 gegen die neue Studienarchitektur. Abgesehen von einigen Masterkursen, die in Vorbereitung sind, wird das Diplomstudium unbeirrt fortgesetzt – zum Leidwesen von Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP), der die Umstellung vorantreiben will.

Die Unis können dazu jedoch nicht per Gesetz gezwungen werden. Einziges Druckmittel sind die Leistungsvereinbarungen, bei denen sich jede Hochschule mit dem Minister auf Ziele und Budget einigen muss. Die Verhandlungen der Akademie starten am heutigen Donnerstag – und die Studenten fürchten, dass das Ministerium die Umstellung dabei endgültig verpflichtend festschreiben will.

Warum aber verweigert sich die Uni dem System überhaupt? „Weil es die Verschulung unserer Ausbildung bedeutet“, sagt Studentenvertreter Tobias Dörler, der hinter einem Tisch mit Broschüren steht. „Die Kunst muss frei bleiben. Das Studium darf nicht zur reinen Berufsausbildung verkommen.“ Um die „Freiheit der künstlerischen Entwicklung“ geht es auch der 23-jährigen Verena Melgarejo, die mit einer Zigarette in der Aula sitzt. Die würde durch den sechssemestrigen Bachelor, der ein Modulsystem vorsieht, zerstört.

Dass sich gegen bildungspolitische Vorhaben derartiger Widerstand formiert, ist in Österreich selten. Studentenproteste haben hier keine große Tradition. Zu Massendemos kam es zuletzt in den Jahren 2000 bis 2002, gegen Schwarz-Blau und die Studiengebühren.

Die Rektoren der Akademie nehmen den Streik dennoch locker. „Wir sitzen zwischen den Stühlen“, sagt Vizerektor Andreas Spiegl zur „Presse“. Inhaltlich sei er aufseiten der Studenten: „Die Politik hat das gute Ziel, Studien zu homogenisieren, in den Sand gesetzt.“ Auch er fürchte um die Freiheit der Kunst: Es käme zu „untragbaren Eingriffen in die Curricula und Interventionen bei Kernagenden der Unis“.

 

Rektoren im Zwiespalt

Die Kehrseite: Verwehre man sich als einzige Uni dem System total, laufe man Gefahr, sich international kaum noch positionieren zu können. Zudem drohen budgetäre Konsequenzen vonseiten des Ministeriums. Bei den Verhandlungen will sich die Uni dennoch kämpferisch zeigen: „Wir legen unseren Entwicklungsplan vor. Und darin steht nichts von einer Umstellung.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2009)

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