Die Revolte der Generation Praktikum

Von drohenden Studiengebühren bis Diskriminierung: Was die Studenten empört. Jetzt greifen sie zur Selbsthilfe und wehren sich gegen schlechte Studienbedingungen.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Brennende Mülltonnen, Demonstrationen vor dem Wissenschaftsministerium und besetzte Hörsäle an Universitäten in Wien und Graz: Es ist die viel zitierte Generation Praktikum, die das Land seit Dienstag in die größten Studentenproteste seit der Bildung der schwarz-blauen Regierung und der Einführung der Studiengebühr stürzt. Was mit einem Generalstreik an der Akademie der bildenden Künste begann, mündete nur zwei Tage später in die Besetzung des Audimax der Uni Wien. Mehr als tausend Studenten feierten, tranken und – vor allem – protestierten die ganze Nacht lang.

Am Freitag in den Morgenstunden drohte die Stimmung zu kippen. Politische Agitatoren hatten sich unter die Besetzer gemischt. In der Nacht wurden an der Uni kleine Feuer gelegt. Die Feierlaune ist einer harten politischen Auseinandersetzung gewichen. Es fallen Worte wie Revolution, Widerstand und Solidarität. Die Parolen allein sind nichts Ungewöhnliches, die Vehemenz der Proteste ist es. Was aber genau hat den Zorn der Studierenden so angefacht?

1Schlechte Studienbedingungen und Kapazitätsprobleme

Es sind vor allem Massenstudien wie die Publizistik, deren Studenten über katastrophale Zustände klagen: überfüllte Hörsäle, Massenprüfungen und lange Wartelisten bei verpflichtenden Seminaren sind Alltag. Das Betreuungsverhältnis zwischen Professoren und Studenten ist im internationalen Vergleich denkbar schlecht. Dennoch gibt es unbesetzte Professorenstellen, so etwa am Publizistikinstitut in Wien. Auch zusätzliche Lehrstellen seien, anders als im Vorjahr beschlossen, an vielen betroffenen Instituten nicht geschaffen worden, sagen Kritiker.

2Die Rückkehr der

 

Studiengebühren

Die Studenten fürchten erneut um den freien Hochschulzugang. Seit Kurzem tritt Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) vehement für die Wiedereinführung der Studiengebühren ein – allein die SPÖ bremst. Die Kritik der Hochschüler: Mit Gebühren sei ein Studium für einkommensschwächere Schichten kaum noch leistbar.

3Zugangsbeschränkungen in deutschen Numerus-clausus-Fächern

Teil zwei von Hahns Konzept, das die Studenten erzürnt: die Ausweitung von Zugangsbeschränkungen in den Massenfächern. Aktuell geworden ist das Thema durch den unerwartet starken Ansturm auf die Unis im anlaufenden Wintersemester. Erstmals stiegen die Studentenzahlen auf mehr als 300.000. Kapazitäten und finanzielle Mittel dafür seien nicht vorhanden, sagen die Universitätsrektoren.

Vor allem die stark anwachsende Zahl deutscher Studenten, die als Numerus-clausus-Flüchtlinge ins Land kommen, macht dem Ministerium zu schaffen. Mittlerweile sind rund sieben Prozent aller in Österreich Inskribierten aus dem Nachbarland. Hahn sah darin die Chance, den Notfallparagrafen im Universitätsgesetz zu aktivieren, der es ermöglicht, in all jenen Fächern, die in Deutschland Beschränkungen unterliegen, auch hierzulande die Zahl der Plätze zu begrenzen. Erste Anträge wurden schon gestellt, etwa von der WU für das Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

4Die „Zwangsumstellung“ auf das neue Bachelor-Master-System

Die Studenten befürchten, dass die neue Studienarchitektur der EU zur „Verschulung“ führte. Im Bachelorstudium, das als Berufsausbildung konzipiert ist, zähle nur wirtschaftliche Verwertbarkeit. Das bedrohe die Freiheit der Wissenschaft. Die Studienpläne seien zudem unausgegoren und der Bachelor sei auf dem Arbeitsmarkt nicht anerkannt.

5Rassismus, Neoliberalismus und
Diskriminierung von Frauen

Auch altbekannte Forderungen linker Unigruppen kommen bei den Protesten erneut aufs Tapet – aktuelle Anlässe: Nicht-EU-Bürger sind die Einzigen, die noch immer verpflichtend Studiengebühr zahlen müssen, oftmals sogar in doppelter Höhe. Und Frauen sind in den Leitungsgremien der Unis tatsächlich bis heute kaum zu finden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2009)

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