Rhetorik: Auch Debattieren will gelernt sein

An der WU Wien werden noch Teilnehmer für Streitgespräche gesucht.

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WIEN. Es ist eine rege Debatte, die sich zwischen den Studierenden entsponnen hat. Die Frage, die für Diskussionen sorgt: Soll der Laizismus in der österreichischen Verfassung verankert werden? Seit mehr als einer Stunde werden Standpunkte ausgetauscht, Argumente vorgebracht und widerlegt: „Politik und Religion, das ist eine explosive Mischung“, sagt etwa die 19-jährige Wirtschaftsstudentin Miriam, ein anderer fällt ihr laufend ins Wort.

 

Zweimal pro Woche im Klub

Ganz ernst gemeint ist die Auseinandersetzung nicht: Zweimal wöchentlich treffen sich die Studenten in den Räumlichkeiten der WU Wien, um sich in parlamentarischen Reden zu üben. Sie alle sind Mitglieder des Debattierklubs Wien. Noch ist der Verein jung, die Zahl der Teilnehmer gering. Rund 30 Studierende – die meisten von der WU – sind es, die sich in dem Verein engagieren.

Im Gegensatz zu anderen Ländern etwa im angloamerikanischen Raum hat das studentische Debattieren in Österreich keine große Tradition, gewachsene Strukturen gibt es an den Unis nicht. Das soll sich rasch ändern – der Klub ist auf Suche nach neuen Mitgliedern. Das Besondere am Debattieren? „Ich lerne hier auf spielerische Weise, wie man argumentieren kann“, sagt etwa die 22-jährige Stefanie. Die Jusstudentin ist seit vier Jahren im Klub, auch „weil man hier Leute trifft, die wirklich etwas wissen und auch etwas zu sagen haben“.

Der 21-jährige Leonhard, Obmann des Vereins, sieht es pragmatisch: „Das Debattieren ist nicht nur lustig, es macht sich auch im Lebenslauf gut.“ Man lerne hier problemorientiertes Denken und wertneutrales Herangehen an Themen. „In vielen Fragen verliert man seine Radikalität, weil man auch immer die andere Seite kennenlernt.“ Denn: Welche Meinung der Einzelne bei den Debatten vertreten muss, wird ausgelost. Ebenso wie das Thema.

Die Treffen des Klubs folgen einem strengen Reglement, jenem der offenen parlamentarischen Debatte: Drei Regierungsmitglieder sitzen drei Oppositionellen gegenüber und proben Rede und Gegenrede, auch freie Redner kommen zu Wort.

Eine Jury bewertet unter anderem Rhetorik, Auftreten und Schlagkraft der Argumente, nach der Debatte werden gemeinsam Stärken und – besonders detailliert – Schwächen („Du bist zu lang auf einem Fuß gestanden.“) besprochen. Denn: Verbessern kann sich jeder, das wissen die Mitglieder des Vereins. „Man merkt auf der Uni gleich, wenn einer im Reden geübt ist. Andere haben zwar gute Ideen, können sich aber oft nicht ausdrücken“, sagt der Obmann.

 

Erstes Turnier im Frühjahr

Im Frühjahr werden die Mitglieder des Debattierklubs ihr Können erstmals richtig unter Beweis stellen müssen: Da treten sie im Wiener Rathaus bei einem Großturnier gegen Mannschaften aus dem Ausland an. Informationen zum Verein, zur Mitgliedschaft und den wöchentlichen Debattenterminen: www.debattierklubwien.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2009)

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