Studenten sind für Proteste, Ideologie ist aber unwichtig

Eine aktuelle Umfrage unter Studenten zeigt eine breite Zustimmung zu den Protesten – aber nicht zu den bildungspolitischen Forderungen der Besetzer. Der Politik stellen sie ein vernichtendes Zeugnis aus.

Besetzung des Audimax auf der Uni Wien, Studium, Studenten, Demonstration, Demo, Widerstand  Foto: Cl
Besetzung des Audimax auf der Uni Wien, Studium, Studenten, Demonstration, Demo, Widerstand  Foto: Cl
(Clemens Fabry)

WIEN. Es ist eine eigenwillige Form der Unterstützung, auf die sich die revoltierenden Uni-Besetzer innerhalb ihrer eigenen Klientel berufen können: Zwar sprechen sich 72,6 Prozent der Studenten für die Aktionen der Streikenden aus – deren ureigenste ideologische Forderung „Bildung für alle“ hat für die meisten aber geringen Stellenwert. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Instituts für Jugendkulturforschung, die der „Presse“ vorliegt.

Was die Studenten wirklich eint, ist die Unzufriedenheit mit den individuellen Studienbedingungen – das zeigt sich an den konkreten Erwartungen an den Wissenschaftsminister: 27 Prozent der Befragten würden – wären sie selbst Wissenschaftsminister – vor allem die Finanzierung der Studiengänge und die Verbesserung der Studiensituation vorantreiben. Weiteren 19 Prozent ist die Anpassung der Lehre an die Bedürfnisse der Studenten das wichtigste Ziel.

Die hehren bildungspolitischen Visionen, die sich die Besetzer auf ihre Transparente geschrieben haben, müssen dahinter klar zurückstehen: So ist etwa die Kernforderung nach „Bildung statt Ausbildung“ überhaupt nur für ein Prozent der Befragten das vorrangige Ziel. Der lauthals eingeforderte „politische Dialog mit den Studierenden“ landet ebenfalls auf dem letzten Platz. Selbst die „Reform des Bologna-Prozesses“ nannten nur drei Prozent – und das, obwohl vor exakt vier Wochen die damit verbundene Umstellung auf das Bachelor-Master-System den Ausgangspunkt für die Proteste bot. Nur fünf Prozent der Befragten würden sich als Minister primär für bildungspolitische Grundsatzdebatten einsetzen, sieben Prozent für den freien Hochschulzugang.

 

Solidarität als Mittel zum Zweck

Dass die Studenten ihre persönlichen Bedürfnisse über bildungspolitische Grundsatzfragen stellen, unterscheidet die derzeitige Besetzung von früheren, ideologisch getragenen Bewegungen: „Wir erleben keine Proteste wie etwa in den 60er- oder den 80er-Jahren“, sagt Beate Großegger, die wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Jugendkulturforschung. „Die großen Visionen sucht man heute vergebens. Die Studierenden weisen auf konkrete Probleme hin, über den eigenen Tellerrand schauen sie dabei aber nicht allzu weit.“ Die Solidarität ist eher Mittel zum Zweck: „Solidarische Akte werden nur gesetzt, wenn sie im Zusammenhang mit eigenen Problemen stehen.“

Und die sind, abseits der Forderungen, eben persönlicher Natur: So stoßen sich 61 Prozent der Befragten vor allem daran, dass sie in Lehrveranstaltungen „gar nicht hineinkommen“. 56 Prozent klagen über „überfüllte Hörsäle“, ebenso viele über „schlechte Betreuungsverhältnisse“. Dahinter folgen fehlende Aufenthaltsräume in der Uni und zu teure Skripten. Dass viele Deutsche an den heimischen Unis studieren, ärgert übrigens nur 17,8 Prozent. Für Großegger „ein Zeichen, dass die Studenten durchaus leistungsorientiert sind“ – und sich beklagen, dass die schlechten Studienbedingungen ihr persönliches Fortkommen behindern.

 

Gespaltene Studentenschaft

Was die Hochschüler entzweit, ist vor allem die Frage, wie es zu einer Qualitätssteigerung kommen soll: „Während die einen für eine liberale, egalitäre Uni-Politik sind, sehen die anderen in einer stärkeren Reglementierung die Lösung“, so Studienautorin Großegger. Vor allem Protestgegner sprechen sich laut Studie verstärkt für Zugangsbeschränkungen aus – 23 Prozent sehen die „Regulierung des Zugangs“ gar als wichtigste Aufgabe eines Wissenschaftsministers. Doch auch in der Gruppe der Protestbefürworter bezeichnen nur 33 Prozent den „freien Uni-Zugang“ als eine der wichtigsten Forderungen. Die Abschaffung der Studiengebühren ist für 27 Prozent besonders wichtig.

Der Politik stellen die Studenten in der Umfrage ein vernichtendes Zeugnis aus. Auf die Frage, welche Partei die beste Uni-Politik mache, antworteten 53Prozent schlichtweg: „Keine.“ Am besten schnitten die Grünen ab (34 Prozent), gefolgt von der ÖVP mit sechs Prozent. Letztere konnte vor allem bei den Protestgegnern punkten. Der SPÖ sprechen nur drei Prozent der Studenten Hochschulkompetenz zu.

Für Großegger sind die schlechten Werte ein alarmierendes Zeichen: „Speziell die Studenten, die sich als gesellschaftliche Elite eigentlich sehr für Politik interessieren, fühlen sich von dieser total alleingelassen.“ Und das nicht nur in Uni-Belangen: „Die Jugendlichen haben das Gefühl, dass sich die Parteien nicht für ihre Zukunft interessieren.“

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2009)

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