Mehr Zuhörer: Vom Hörsaal direkt in beide Ohren

Vorträge, Vorlesungen und wissenschaftliche Referate verhallen nicht an den Orten, an denen sie stattfinden. Dank Podcasts und Multimedia-Plattformen kann man an jedem Platz der Welt via Internet zum Zuhörer werden.

Auditive Lerntypen haben es gut. Was immer sie hören, vergessen sie kaum. Und noch dazu ist das Angebot an akustischen Lehrinhalten in den letzten Jahren deutlich breiter geworden. Verantwortlich dafür sind einerseits das revolutionäre MP3-Dateiformat und andererseits multimediale Plattformen im Internet wie etwa iTunes, wo man sich günstig bis gratis neue Inhalte für die Ohren per Download holen kann: Fachvorträge internationaler Konferenzen genauso wie die Uni-Vorlesung vom Vortag.

„Der Hype, der vor einigen Jahren durch elitäre nordamerikanischer Bildungsinstitutionen begann, schwappt langsam, aber sicher von den USA nach Europa herüber“, berichtet Michael Wagner, Professor für Technologieunterstütztes Lernen und Multimedia an der Donau-Universität Krems. Innerhalb des populären, kommerziell orientierten iTunes-Stores, den die Computerfirma Apple betreibt, gibt es einen Bereich, der sich „iTunes University“ nennt. Dort stellen Universitäten kostenlose Podcasts (siehe Kasten rechts), Video- und Audio-Dateien, Vorlesungen, Skripten sowie andere Lehrmaterialien zur Verfügung. „Im Grunde funktioniert das Service wie eine zentrale E-Learning-Plattform“, erklärt Wagner.

 

Multimediale Onlineangebote

Seit Kurzem sind auch Lehr- und Forschungsinhalte einiger österreichischer Hochschulen als Podcasts im Internet verfügbar. Die Universität Innsbruck etwa hat seit Mitte Oktober mehr als 400 Videos, Audiodateien und PDF online zugänglich gemacht. „Die öffentliche Präsentation von Vorlesungsinhalten eröffnet neue Informationsmöglichkeiten für Studierende und bietet zugleich eine Unterstützung beim Lernen“, ist Margret Friedrich, Vizerektorin für Lehre und Studierende der Universität Innsbruck, überzeugt.

Christian Flatz vom Büro für Öffentlichkeitsarbeit der Universität Innsbruck beschreibt das Angebot: „Die aktuellen Inhalte reichen von Architekturtheorie über physikalische Experimente, eine Einführung in die Wirtschaftsinformatik bis hin zu Vorträgen und Diskussionen des Arbeitskreises Wissenschaft und Verantwortlichkeit.“ Zusätzlich werden Mitschnitte von wichtigen Vorträgen, Tagungen und Konferenzen den Studierenden und Forschern über das Onlineportal der Universität zugänglich gemacht. Einen besonderen Vorteil des Angebots sieht Flatz auch darin, dass Studierende bestimmte Vorlesungen wiederholt anhören können.

Die Technische Universität Graz stellt ebenfalls seit Anfang November wissenschaftliche Inhalte über den iTunes Store als Podcasts zur Verfügung. „Wir möchten allen Interessierten einen zeitgemäßen Mehrwert bieten“, erklärt Martin Ebner, Leiter Abteilung „Vernetztes Lernen und Zentraler Informatikdienst“ der TU Graz. „Die Audio- und Videoinhalte erwecken Themen auf besondere Art und Weise zum Leben und machen Forschung leichter greifbar“, erläutert Ebner.

Außerdem könne man via iTunes University die Lernenden in der Welt ansprechen, in der sie sich selbst bewegen. Der Zugriff sei überdies nicht an die Software iTunes gebunden, sondern auch mit anderen Programmen möglich, sämtliche Inhalte könnten zudem auch als RSS-Feeds abgerufen und abonniert werden.

Nicht nur die Lernenden profitieren davon, dass Vorlesungen und andere wissenschaftliche Inhalte via Podcasts verbreitet werden. Auch die Vortragenden ziehen Nutzen daraus. Schließlich erweitert sich der Kreis der möglichen Rezipienten ihrer Ausführungen schlagartig. „Unsere Vortragenden erhalten so die Möglichkeit, ihr Wissen über die Grenzen des Hörsaals hinaus mit Interessierten zu teilen und sich nachhaltig als Experten in ihrem jeweiligen Fachgebiet zu positionieren“, bestätigt Astrid Kleinhanns, Managing Director der WU Executive Academy, die in Zukunft auch das Podcast-Service kostenlos zur Verfügung stellen will. „Unsere Teilnehmer und Alumni können dann zum Zeitpunkt und Ort ihrer Wahl auf Interviews zu aktuellen Themen, auf Forschungsergebnisse und Vorträge von Gastsprechern zugreifen.“

 

Eine Frage der Akzeptanz

Angesichts des enormen Angebots an wissenschaftlichen Inhalten, die über iTunes zur Verfügung stehen, werde die Qualitätskontrolle in Zukunft eine wichtige Rolle spielen, sind sich die Experten einig. Ansonsten könnte die schon vorhandene Akzeptanz, Lehrinhalte auf diese Weise zu konsumieren, abrupt wieder schwinden. Derzeit messen die Universitäten die Resonanz ihrer multimedialen Zusatzangebote durch die Zahl der Zugriffe. In Innsbruck wie auch in Graz berichtet man von überraschend positiven Ergebnissen. Für die Studierenden ist das Angebot kostenlos, für die Anbieter hingegen nicht. „Es entstehen Kosten für die Produktion und Selektion der Inhalte“, sagt Wagner.

Eine völlige Virtualisierung der Lehre schließen die Vertreter der Universitäten aus. „Podcasts ersetzen nicht den Besuch von Lehrveranstaltungen“, erklärt Wagner. Es handle sich dabei um ein Zusatzangebot, das den Nutzergewohnheiten der Studierenden entspricht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2009)

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