Hahn: "Ein Teil der Kritik ist berechtigt"

Wissenschaftsminister Johannes Hahn lädt kommenden Mittwoch zum Hochschuldialog. Mit dabei sind auch die seit fünf Wochen protestierenden Studenten. Wäre er nicht Minister, wäre es "naheliegend" gewesen, ins besetzte Audimax zu gehen, gibt Hahn zu.

(c) APA (Robert Jäger)

Sie haben einmal angesichts von Koalitionsquerelen gemeint, das ginge Ihnen „auf den Keks“. Was geht Ihnen denn jetzt gerade alles „auf den Keks“?

Johannes Hahn: Wie viele Seiten stehen uns denn zur Verfügung? (lacht) Im Ernst: vor allem der Vorwurf, ich würde eine Baustelle hinterlassen. Faktum ist, dass es ein auf fünf Jahre angelegtes Arbeitsprogramm der Regierung gibt, und da habe ich zuerst das Dringendste erledigt: Universitätsgesetzreform und Budget. Die Universitäten bekommen in den nächsten drei Jahren 17Prozent mehr. Auch für Forschung und Fachhochschulen gibt es mehr Geld. Im ersten halben Jahr waren alle zufrieden, und jetzt beginnt wieder das klassische österreichische Lamento.


In diesen Chor stimmte auch Unterrichtsministerin Schmied ein, indem sie sagte: „Den Universitäten geht es schlecht.“ Stimmt das?

So etwas ist am Beginn eines Prozesses, wo man sich mit den Universitäten zusammensetzt, ziemlich oberflächlich. Ich habe schon im Sommer in Alpbach gesagt: Wir brauchen jetzt eine Diskussion über den österreichischen Hochschulraum. Aber das blieb ohne Widerhall, weil sich der Koalitionspartner bis heute nicht umfassend mit den Universitäten beschäftigt und zum Beispiel eine Diskussion über OECD-Empfehlungen verweigert hat.


Die OECD empfiehlt Österreich Selektion der Studenten und Studiengebühren.

Stimmt. Ich wollte aber auch deshalb über den Hochschulraum diskutieren, weil ich aus vielen Gesprächen eine Kritik an der Bologna-Architektur herausgehört habe. Ich habe daher exemplarisch eine Reihe der neuen Studienpläne anschauen lassen. Manche sind sehr ordentlich gemacht, etwa an der WU. Aber bei manchen anderen ist die Kritik der Studierenden berechtigt, dass da ein altes Diplomstudium in sechs Semester hineingepfercht wurde.

 

Die deutsche Hochschulkonferenz kritisiert deutlicher als die österreichische Rektorenschaft, dass bei der Umstellung der Studienordnung einiges schiefgelaufen ist.

Die heimischen Rektoren werden schon wissen, warum sie da still sind, weil sie – und die Studiendekane – das zu verantworten haben.


Lieber solidarisieren sich Lehrende und Studierende gegen den Wissenschaftsminister.

Das ist immer dankbar: Es darf zwar die Autonomie nicht angetastet werden, aber im Zweifelsfall ist für alles und jedes die Politik zuständig.

 

Was werden Sie den Studenten also am Mittwoch bei Ihrem Treffen sagen?

Alle sollen ihre Sicht äußern. Es ist ja nicht so, dass die Forderungen der Audimax-Besetzer – schrankenloser Zugang, kein Leistungs- und Wettbewerbsdruck – die uneingeschränkte Zustimmung der Studierenden finden.


Warum sind Sie nie ins Audimax gegangen?

Weil ich als Repräsentant des Staates nicht einen gesetzwidrigen Zustand durch meine Anwesenheit legitimieren kann. Ich habe eine Reihe von Gesprächsangeboten gemacht, und es gab Kontakte zwischen meinen Mitarbeitern und den Studenten. Ein Teil ihrer Kritik ist berechtigt und wert, dass man sich ordentlich damit auseinandersetzt.


Wäre es rückblickend nicht trotzdem gescheiter von Ihnen gewesen, einfach mal überraschend im Audimax aufzutauchen?

Das habe ich mir überlegt. Wenn ich nicht Minister wäre, wäre es natürlich naheliegend gewesen hinzugehen. Trotz der recht diffusen Forderungen ist ja ein beachtlicher Diskussionsprozess in Gang gebracht worden. Wir müssen über die Probleme diskutieren: Österreich ist europaweit das einzige Land, wo im tertiären Sektor praktisch nur die Universitäten ihre Studenten nicht auswählen dürfen. Dadurch kommt es zu skurrilen Verdrängungseffekten: Wer das Lehramt an der Pädagogischen Hochschule nicht schafft, inskribiert ein AHS-Lehramtsstudium. Ich musste zwei Fachhochschulen motivieren, einen Bachelor-Studiengang für Pflegewissenschaften einzurichten, weil sich die Universitäten geweigert haben. Sie fürchteten, dass jene, die am Medizin-Aufnahmetest scheitern, dann in die schrankenlosen Pflegewissenschaften wechseln. Die Master-Studiengänge für Pflegewissenschaften befinden sich aber wiederum an den Unis. Eigentlich sollten die Unis autonom Zugangsregeln einführen können, das Ministerium sollte nur Spielregeln dafür definieren.

 

In vielen Studien, etwa Jus, gibt es ohnehin längst eine heimliche Selektion mittels Knock-out-Prüfungen zu Beginn.

Da muss man unterscheiden: In manchen Fächern, etwa Chemie, fallen 80Prozent bei den Eingangsprüfungen durch, obwohl man die Hörerzahl gar nicht dezimieren will. Aber die Studenten kommen aus den Schulen oft nicht mit dem nötigen Rüstzeug.

 

In Quantenphysik ist Österreich Weltspitze. Was muss geschehen, damit es überall so optimale Bedingungen gibt?

Das ist ein Fach mit sehr eingeschränktem Studierendenkreis. Es ist ein Phänomen, dass die Uni-Diskussion in den letzten 25 Jahren national und international von Naturwissenschaftlern, Technikern, allenfalls Medizinern geprägt wurde. Die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften haben sich zunehmend absentiert.


Was ist los mit den Geisteswissenschaften?

Das kann ich auch nicht genau sagen. In den vergangenen Jahren haben wir uns jedenfalls immer nur um die Exzellenz im Bereich der Forschung gekümmert, die Lehre musste mitrennen. Das funktioniert aber nur mit niedrigen Studentenzahlen. Der Quell der Aufregung liegt in den Massenfächern. Dort haben die Universitätsleitungen gemeint: Wir wollen gar nicht mehr Publizisten oder Politologen, und wenn wir nicht genügend Personal zur Verfügung stellen, schreckt das vom Studium ab. Diese Rechnung ist nicht aufgegangen. Man sollte darüber diskutieren, in welchen Fächern zumindest temporär Zugangsbeschränkungen geschaffen werden müssen.


Ihre Nominierung als EU-Kommissar hat auch ÖVP-intern Kritik hervorgerufen. Wolfgang Schüssel hat Ihnen in einer Klubsitzung gesagt, Sie hätten dazu auch Nein sagen können. Wäre das gescheiter gewesen?

Ich bin zuallererst vom Parteichef gefragt worden, ob ich neben Wilhelm Molterer zur Verfügung stünde, weil es Signale aus Brüssel gab, dass für Österreich ein Zukunftsressort im Bereich Wissenschaft und Forschung möglich ist. Diesem Wunsch habe ich zugestimmt. Damals herrschte in der Öffentlichkeit eine positive Stimmung gegenüber einem solchen Ressort. Jetzt scheint unser ganzes Heil aber am Agrarressort zu liegen. Dafür wäre ich nie eine Option gewesen, sondern immer Molterer.


Fühlen Sie sich zu Unrecht attackiert?

In der Politik muss man eine dicke Haut haben. Trotzdem fragt man sich manchmal, warum man mit unnötigen Lasten beladen wird. Eigentlich sollten wir uns auch im europäischen Zusammenhang auf anderes konzentrieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2009)

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