„Müssen Studenten aussuchen dürfen“

Die bevorstehenden Zulassungsprüfungen an der Uni und der TU Wien heizen die Debatte um die Informatikausbildung in Österreich wieder einmal an.

Zugangsbeschränkung für Fachkräftemangel? Viele sehen eine Schieflage.
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Zugangsbeschränkung für Fachkräftemangel? Viele sehen eine Schieflage.
Zugangsbeschränkung für Fachkräftemangel? Viele sehen eine Schieflage. – (c) GEORG HOCHMUTH / APA / picturede (GEORG HOCHMUTH)

Allein in Wien fehlen 2500 bis 3000 IT-Experten“, schätzt Martin Puaschitz, Obmann der WKW-Fachgruppe Unternehmensberatung, Buchhaltung und Informationstechnologie (Ubit). Auch wenn die konkreten Zahlen umstritten sind, so wird der IT-Fachkräftemangel an sich kaum bezweifelt. Umso unverständlicher ist für viele, dass es an der TU Wien und der Uni Wien heuer wieder Zugangsbeschränkungen in Informatik gibt. Im Vorfeld der Zulassungsprüfungen am 11. Juli lud der Verband der Österreichischen Software Industrie (VÖSI) zu einer Podiumsdiskussion.

 

Exzellenz und Forschung

Hier verteidigte der Dekan der Informatikfakultät der TU Wien, Hannes Werthner, die Entscheidung. Es ginge um Exzellenz, für die es adäquate Lehr- und Forschungsbedingungen brauche. Weiters betonte Werthner, dass die Aufgabe der Universitäten primär in der Forschung, nicht in der Lehre liege. Werthner spricht sich für eine Kapazitätsorientierung in der Lehre und für das Recht der Unis aus, sich auszusuchen, wen sie aufnehmen. Er verweist dabei auf die Fachhochschulen, an denen Aufnahmerestriktionen Usus sind.

Die Dekanin der Informatikfakultät der Uni Wien, Stefanie Rinderle, ergänzt, dass es nicht um die Zahl der Studienanfänger, sondern um die der Absolventen gehe und darum, den derzeitigen „Flaschenhals“ in der Ausbildung zu beseitigen. Werthner räumt ein, ein punktueller Test sei nicht das beste Mittel der Selektion. Man habe aber versucht, Verzerrungen durch unterschiedliche Vorbildung (AHS/HTL) zu vermeiden. Rinderle verweist hier auf die langjährige Erfahrung der Uni Wien mit Eingangstests. Robert Bodenstein, Obmann der Bundessparte Information und Consulting der WKO, bekräftigt den Fachkräftemangel und, dass es in der IT nicht um Abschlüsse, sondern um Fähigkeiten gehe. Hier sei auch Weiterbildung gefragt. Der WKO-Experte bemängelte das Fehlen einer Gesamtstrategie für alle Ausbildungswege und wies auf das Problem hin, dass Bachelorabschlüsse, insbesondere von FH, oft nicht (voll) anerkannt würden. „Mobilität und Flexibilität sind Grundvoraussetzungen in der IT. Diese werden aber nicht gefördert, sondern beschränkt.“

Dass die Wirtschaft Fachkräfte auf jedem Level, vom IT-Lehrling bis zum Diplomingenieur, braucht, darüber herrscht Einigkeit. Kontrovers sind die Ansichten über die Rolle der Unis. Während Benjamin Ruschin, Gründer und Geschäftsführer von WeAreDevelopers, mehr Orientierung am Bedarf der Wirtschaft, die Entwickler benötige, fordert, widerspricht hier Werthner vehement. „Wir bilden keine reinen Programmierer aus, sondern Generalisten“, sagte der TU-Dekan und bekräftigte, dass der Maßstab der Universitäten die Wissenschaft sei. Dass die TU dennoch kein Elfenbeinturm sei, zeige eine Vielzahl an Projekten mit der Wirtschaft.

 

Freie Plätze vorhanden

Werthner machte auf die Diskrepanz in der regionalen Verteilung aufmerksam. Während in Wien die Informatikstudien überlaufen sind, gibt es an Unis und FH in den Bundesländern freie Plätze. Hier wäre laut den Experten über ein Anreizsystem nachzudenken. Die geplante Studienplatzfinanzierung hätte durch Umschichtung der Mittel ebenfalls einen Angleich zwischen Andrang und Kapazitäten bringen können – wurde aber vertagt. (at)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2017)

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