Jeden fünften Studenten plagen Versagensängste

Der studentische Alltag ist von Arbeit, finanziellen Sorgen und psychischen Problemen mitgeprägt. Das zeigt die "Studierenden-Sozialerhebung 2009", die der "Presse" exklusiv vorliegt.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Für Studierende muss es einer Art von Genugtuung gleich kommen. Wenn sie sehen, dass all ihr Wehklagen, das in den vergangenen Jahren so oft von Politikern überhört und von einigen kaum ernst genommen wurde, sich nun – wieder einmal – in Zahlen widerspiegelt. Die „Studierenden-Sozialerhebung 2009“, deren Rohbericht der „Presse“ exklusiv vorliegt, zeigt, dass der studentische Alltag lange nicht mehr aus Kaffee trinken, Parties und nur halbherziger Teilnahme an Lehrveranstaltungen besteht – wenn es denn jemals so gewesen ist. Vielmehr ist die Erwerbstätigkeit in den vergangenen Jahren zu einem fixen Bestandteil des studentischen Alltags geworden. Zu einem Alltag, der auch von finanziellen Sorgen und psychischen Problemen geprägt ist.

Der Nationalrat soll den Bericht, den das Institut für Höhere Studien (IHS) im Auftrag des Wissenschaftsministeriums erstellt, bis spätestens Juni 2010 zu Gesicht bekommen. Dann wird sich zeigen, ob Änderungen angedacht sind. Ob Fördersysteme weiter ausgebaut werden, um den finanziellen Druck vom Einzelnen zu nehmen. Und ob jene, die den Wunsch äußern, weniger zu arbeiten, sich dies auch wirklich leisten können.

1. Die Arbeitssituation: Die Krux mit der Vereinbarkeit

Die Zahl jener Studenten, die einer Erwerbstätigkeit nachgehen, steigt. Die Erwerbsquote (Anteil der erwerbstätigen Studierenden) ist im Vergleich zu 2006, als die letzte Sozialerhebung durchgeführt wurde, von 58 Prozent auf 62 Prozent im Jahr 2009 angewachsen. Auch der Anteil jener Studierenden, die während des gesamten Semesters einer Beschäftigung nachgehen, erhöhte sich – von 40 auf 45 Prozent. Es überrascht daher nicht, dass auch die Anzahl der Stunden, die ein angehender Akademiker seinem Beruf widmet, zugenommen hat. Hat ein Studierender im Jahr 2006 wöchentlich noch 19,1 Stunden gearbeitet, waren es 2009 bereits 19,7 Stunden. Und darunter leidet, zweifelsohne, auch das eigene Studium.

Dabei sind es vor allem Studenten aus niedrigeren sozialen Schichten, die im Vergleich zu ihren Kollegen, aus einer hohen sozialen Schicht mehr arbeiten müssen. Dieser Umstand bleibt während der gesamten Studienlaufbahn bestehen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Studierende aus einer niedrigeren sozialen Schicht ein Studium tendenziell später beginnen. Und daher auch eher über einen Job verfügen.

Die Motive, einer Arbeit nachzugehen, sind indes dieselben. Rund drei Viertel arbeiten, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Rund zwei Drittel gehen einer Erwerbstätigkeit nach, um finanziell unabhängig zu sein. Zwar können sich die meisten Studenten ihre Arbeitszeit frei einteilen. Dennoch berichtet die Hälfte von Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit zwischen Studium und Beruf. 37 Prozent sagen, sie würden den Umfang ihrer Erwerbstätigkeit gerne reduzieren.

2. Die psychische Lage: Jeder Sechste leidet unter Existenzängsten

Trotz Erwerbstätigkeit gibt mehr als ein Viertel der Studierenden an, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln (im Schnitt 980 Euro monatlich) schlecht oder sehr schlecht auszukommen.
Je höher die finanziellen Sorgen sind, desto eher steigt auch der psychische Druck, dem Studierende ausgesetzt sind. Je miserabler also die eigene finanzielle Situation, desto häufiger geben Studenten an, von Problemen betroffen zu sein. Ein Beispiel: Der Anteil jener, die mit ihren finanziellen Mitteln gut auskommen und dennoch von Versagensängsten geplagt sind, beträgt 16,5 Prozent. Bei jenen, die schlecht mit ihrem Geld auskommen liegt der Wert schon bei 30,4 Prozent.
Die Befragung ergibt weiters, dass 30 Prozent der Studierenden an Arbeits- und Konzentrationsschwierigkeiten leiden, und der Studienfortschritt so behindert wird.

Etwa jeder Sechste klagt über stressbedingte, gesundheitliche Beschwerden, die sich etwa in Form von Magenschmerzen, Kopfschmerzen, aber auch in Form von Schlafstörungen äußern. Bei knapp jedem Siebenten wird der Studienfortschritt durch psychische Probleme und Ängste reduziert. Und auch hier gilt: Der Anteil jener Studierenden, die von all diesen Problemen eher betroffen sind, stammen aus einer niedrigeren sozialen Schicht. Doch auch Studenten, die einer hohen sozialen Schicht zuzuordnen sind, plagen die gleichen Ängste, wenngleich nicht in diesem Ausmaß.

Auf alle Studierenden umgerechnet, lässt sich feststellen, dass in etwa jeder Fünfte (22 Prozent) unter Leistungsdruck steht. 16 Prozent aller Studierenden geben an, von Existenzängsten geplagt zu werden.

3. Wohnsituation: Mein Partner, mein Mitbewohner

Knapp jeder fünfte Student lebte 2009 in einer Wohngemeinschaft. Ähnlich viele waren es bereits im Jahr 2006, als die letzte Sozialerhebung durchgeführt wurde. Der Anteil jener Studierenden, die noch bei ihren Eltern wohnen, liegt in etwa bei 20 Prozent und ist damit etwas niedriger als noch drei Jahre zuvor.

Auch Studentenheime sind weniger gefragt als vor drei Jahren. Wenngleich dennoch jeder Zehnte für die Dauer seines Studiums, zumindest zeitweise, dort wohnt. Am liebsten wohnen Studenten mit ihrem Partner zusammen. Unter Studierenden niedriger sozialer Herkunft bevorzugen rund 36 Prozent diese Art des Wohnens. Übrigens: Zumindest mit ihrer Wohnsituation sind die meisten Studenten zufrieden.

("Die Presse" Printausgabe vom 3. 2. 2010)

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