Vom Handwerk zum FH-Studium

Bisher endete die Optikerausbildung in Österreich – fast einzigartig in Europa – nicht mit einem akademischen Abschluss. Ab Herbst soll sich das ändern.

Beim Optometriestudium rücken wissenschaftliche und wirtschaftliche Aspekte in den Fokus.
Beim Optometriestudium rücken wissenschaftliche und wirtschaftliche Aspekte in den Fokus.
Beim Optometriestudium rücken wissenschaftliche und wirtschaftliche Aspekte in den Fokus. – APA

Das Sprichwort vom goldenen Boden des Handwerks gilt nach wie vor. Der Meisterstand gilt allerdings nicht in ganz Europa so viel wie hierzulande. So werden Optikermeister in Österreich zwar als honoriger Berufsstand wahrgenommen. Auf formaler Ebene macht jedoch der Umstand, dass die österreichische Ausbildung in Augenoptik (Optometrie) nicht zu einem akademischen Grad führt, das Land zusammen mit Slowenien zum Schlusslicht der EU. „Während slowenische Interessenten nach Kroatien ausweichen, wo seit 2007 ein Optometriestudium zum Bachelor angeboten wird, gehen österreichische Interessenten nach Deutschland oder in die Schweiz, wenn sie in ihrer Muttersprache unterrichtet werden wollen“, sagt Gustav Pöltner, Optometrist und Lehrbeauftragter an der FH Gesundheit Tiro (FHG).

In Deutschland hingegen hat bereits ab 1982 die Fachhochschule Aalen die erste akademische Augenoptikausbildung angeboten, weiß Pöltner. Heute gebe es dort fünf FH-Ausbildungen. Die Schweiz habe in den frühen 2000er-Jahren ein FH-Bachelorstudium in Olten etabliert. In Österreich will man nun nachziehen. Ab Oktober 2018 soll – vorbehaltlich Akkreditierung – an der Fachhochschule Gesundheit in Innsbruck erstmalig ein Bachelorstudiengang Augenoptik starten. Bis Ende 30. März sind Bewerbungen um einen der 24 Studienplätze möglich.

Bisherige Augenoptikmeister haben ihre Ausbildung vor allem durch die Praxis bekommen. Nach dreieinhalb Jahren Lehrzeit und einer Gesellenzeit kann die Berufsausbildung mit einer Meisterprüfung gekrönt werden. Die Vorbereitung zur Meisterprüfung kann in Österreich über Kurse, private Schulen oder im zweijährigen HTL-Kolleg für Optometrie in Hall in Tirol geschehen. Nach einer anschließenden Zusatzausbildung kann man die Kontaktlinsenberechtigungsprüfung ablegen, um auch Kontaktlinsen abgeben und anpassen zu dürfen.

„Die Absolventen des Bachelorstudiengangs erlernen diese Kompetenzen auf akademischem Weg und durch die wissenschafts- und forschungsorientierte Ausrichtung natürlich sehr vertieft“, erklärt Pöltner, der die neue FH-Ausbildung leiten soll. „Sie sind weniger handwerksorientiert, dafür mehr in den Bereichen der Refraktion (Brillenglasbestimmung), der Kontaktlinsenanpassung und der Low-Vision-Versorgung beschäftigt sowie in der Qualitätskontrolle der optischen Sehhilfen.“ Zusätzlich werden laut Pöltner im Bachelorstudium Wirtschaftskompetenzen und unternehmerische Fähigkeiten erworben, um einen Betrieb erfolgreich führen zu können.

Der Studiengang steht sowohl AHS-Maturanten offen als auch Absolventen des HTL-Kollegs für Optometrie. Lehrlinge mit erfolgreich abgeschlossener Berufsschulausbildung müssen vor der Zulassung Zusatzprüfungen in den Fächern Englisch, Mathematik und Deutsch absolvieren. Vorbereitungslehrgänge dafür können in Weiterbildungsinstituten wie Wifi oder BFI absolviert werden.

Höherpositionierung europaweit

Der Rücken gestärkt wird der österreichischen Initiative an der FHG durch die Europäische Dachorganisation der Optometristen (ECOO – European Council of Optometry and Optics), die deren Interessen in 25 Ländern vertritt und sich die Verbesserung der optometrischen Versorgung in Europa zum Ziel setzt. „Die Harmonisierung der Berufsausbildung und der Berufsausübung ist das Hauptanliegen des Europäischen Rats für Optometrie und Optik. Eine Höherpositionierung der Berufsausbildung ist dazu unabdingbar“, sagt Peter Gumpelmayer, derzeit ECOO-Präsident und Geschäftsführer eines Augenoptikbetriebs in Linz, der selbst seinerzeit einen Bachelor in Optometrie in Südafrika absolviert hat. „Die Bedarfsanalysen in Europa zeigen, dass Fachhochschulstudiengänge die wissenschaftlich und wirtschaftlich effizienteste Ausbildung ermöglichen, um dieses Ziel zu erreichen.“

Auch die österreichische Augenoptiker-Innung setzt sich schon seit Längerem für eine Akademisierung ein. Der Berufsverband befürwortet laut Bundesinnungsmeister Markus Gschweidl prinzipiell jede Möglichkeit zur Ausbildung auf Bachelorniveau. Die Bedarfsanalyse habe gezeigt, dass ein FH-Bachelor-Studiengang auch wirtschaftlich sinnvoll sei, sagt Gschweidl. „Ich denke, dass eine neuerliche Bedarfsanalyse in den kommenden drei bis vier Jahren die Potenziale der Bachelorausbildung auf ECOO-Europadiplomniveau neu bewerten wird. Erhöht sich der Bedarf, könnte man über einen zusätzlichen Studienstandort nachdenken. Für ein kleines Land wie Österreich ist es jedoch wie in der Schweiz sinnvoll, die Ressourcen an einem Standort zu bündeln.“ Sobald der FH-Bachelor-Studiengang akkreditiert sei, werde man an einem Masterprogramm arbeiten.

Wichtig ist dem Bundesinnungsmeister, dass auch die Kunden, die eine umfassende Beratung erwarten, von einer Bachelorausbildung der Augenoptiker profitieren. „Der Beruf hat sich in den vergangenen Jahren vom Handwerksberuf zum Gesundheitsdienstleister für gutes Sehen weiterentwickelt. Der FH-Bachelorstudiengang ist ein Produkt dieser Entwicklung.“


[O7II5]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2018)

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