Debattieren an der Uni: Improvisation auf höchstem Niveau

In Wien lieferten sich am Wochenende 120 Studenten aus dem deutschsprachigen Raum beim ersten großen Debattierturnier hitzige Wortgefechte.

Wien. Während andere Studenten ausschliefen, wappnete sich am Wochenende im Freizeitraum der Wirtschaftsuniversität eine Gruppe junger Leute für einen besonderen Schlagabtausch: Erstmals seit seiner Gründung im Jahr 2006 lud der Debattierklub Wien (DK) im Rahmen der „Die Zeit“-Debatten zum Redewettstreit für Studenten aus Österreich, Deutschland und der Schweiz ein. „Im englischsprachigen Gebiet haben Debattierklubs eine lange Tradition. Viele Karrieren gründen dort, wie die des britischen Ex-Premierministers Tony Blair. So weit sind wir hier nicht“, bedauert Florian Prischl vom DK Wien. Auch wenn die Gastgeber dieses Mal nicht mitdebattieren – ihr Ziel ist es, die Debatte hierzulande bekannt zu machen.

Während Chefjuror Tim Richter seelenruhig Organisatorisches abklärt, sitzt unter den Teilnehmern, für die in wenigen Minuten die erste Debatte an diesem Tag ansteht, keiner mehr still. Bei den Streitgesprächen wird gemäß der offenen parlamentarischen Debatte (OPD) verfahren: Vor jeder Runde werden aus den 27 Teams zwei Gruppen ausgelost, die die Position einer fiktiven Regierung und Opposition einnehmen.

 

„Ein eigener Menschenschlag“

Es gilt, die anderen von den eigenen Standpunkten zu überzeugen. Das Thema: „Sollen Empfänger staatlicher Transferleistungen Arbeit für die Gesellschaft leisten?“ Zuerst hektisches Brainstorming, dann wird es ernst. Das Team Berlin, bei dem spontan Kai-Michael Dankel vom Wiener Club AFA als Redner einspringt, will sich als Regierungspartei gegen den Favoriten Tübingen behaupten. Allen Sprechern muss es in nur wenigen Minuten gelingen, die eigene Position zu verdeutlichen. Niels Schröter vom Berliner Team eröffnet die Debatte: „Jeder Empfänger von staatlichen Leistungen muss 15 Stunden pro Woche für die Gesellschaft arbeiten“, betont er in eindrucksvoller Rhetorik. „Ihr macht den Staat zum Zwangsarbeiteraufseher“, entgegnet die Opposition. Die Fraktionen debattieren, als stünde kein Siegerpokal, sondern ihr Leben auf dem Spiel. Einer blickt stirnrunzelnd an die Decke, als fände er dort die Antworten. „Das sind alles irrsinnig kreative Leute, Freaks, ein eigener Menschenschlag. Aber auch, wenn es hart zugeht – es wird nie beleidigend. Wir sind keine Politiker“, sagt die 23-jährige Stefanie Wieser vom DK Wien.

Nach der Debatte bewertet die Jury unter anderem Sachverstand, Sprachkraft, Auftreten der Redner. In dieser Runde siegen die Berliner. Es ist inzwischen Mittag. Die Luft ist stickig, Teilnehmer nippen an Energy-Getränken. Am Sonntag steht der Sieger des Turniers fest: das Team aus Tübingen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2010)

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