Japan: Eliteuniversität blockte Frauen ab

Seit mindestens 2006 manipulierte man an der ehrwürdigen Tokioter Medizinuniversität die Aufnahmeprüfungen heimlich, damit Kandidatinnen nach Möglichkeit durchfielen.

In Japan haben Frauen einen besonders schweren Stand in der Gesellschaft.
In Japan haben Frauen einen besonders schweren Stand in der Gesellschaft.
In Japan haben Frauen einen besonders schweren Stand in der Gesellschaft. – Bloomberg

Tiefe Verbeugung, steinerne Betroffenheit in den Gesichtern – das übliche Ritual in Japan, wenn etwas besonders schief gelaufen ist. Was Rektor Tetsuo Yukioka aber nun zu rechtfertigen hat, erschüttert nicht nur die nationale Welt der Wissenschaft: Es ist ein Skandal, wie er in einem modernen Industriestaat eigentlich nicht vorkommen sollte.

Die ehrwürdige Medizinische Universität Tokio muss sich nämlich für manipulierte Ergebnisse zahlloser Aufnahmetests bei Kandidatinnen entschuldigen. Eine interne Untersuchung hat jüngst den lang gehegten Verdacht bestätigt, dass die elitäre Einrichtung seit mindestens 2006 systematisch versucht hat, durch gefälschte Testresultate den Anteil von Studentinnen so klein wie möglich zu halten.

 

Heimlich 20 Punkte Abzug

Für die Manipulationen wurde modernste Technik verwendet. Die Computer waren etwa so programmiert, dass sie bei weiblichen Bewerbern automatisch 20 Punkte vom wahren Testergebnis abzogen, während Männern automatisch 20 Punkte addiert wurden.

Begründung: Die Uniführung wollte möglichst wenige Frauen ausbilden, da wahrscheinlich sei, dass die meisten nach ihrer aufwendigen Ausbildung ohnehin nicht im Beruf bleiben oder ihre Karriere beenden würden, wenn sie Familien gründen. Zudem, so der amtierende Direktor, Tetsuo Yukioka, glaubten viele Japaner, dass Frauen keine Ärztinnen werden sollten. Letztlich wurde die Frauenquote an der Uni auf meist weit unter 30 Prozent gehalten. Heuer nahm man 141 Männer und 30 Frauen auf (rund 18 Prozent).

Diese „Genderauswahl“ ist im Wirtschaftsleben der drittgrößten Ökonomie beinahe alltäglich. Obwohl fast die Hälfte aller Japanerinnen mindestens einen College-Abschluss hat, erhalten Absolventinnen fast immer einen schlechter bezahlten Job. Lange Arbeitszeiten und wenig Bewusstsein für Gleichberechtigung bei ihren Partnern zwingen viele Frauen schon wenige Jahre nach dem Abschluss dazu, die Karriere für Familie und Kindererziehung aufzugeben.

 

Dabei sucht das Land Ärzte

Bisher ist eine so grobe Diskriminierung aber noch nie aus einer wissenschaftlichen Einrichtung bekannt geworden. Dabei werden Ärzte händeringend gesucht: Wegen der rapide alternden Gesellschaft herrscht in den Gesundheitseinrichtungen akuter Personalmangel. Es ergibt keinen Sinn, Frauen am Studium zu hindern.

Bei den Manipulationen handle es sich um „schlimmsten Sexismus“, sagt Anwalt Kenji Nakai, der die Untersuchungsergebnisse der Öffentlichkeit präsentierte. So soll es sogar im internen Bericht der Uni stehen. Bisher seien nur die Fälle ab 2006 bekannt, Ermittlungen zeitlich weiter zurück könnten unter Umständen nötig sein.

Bildungsminister Yoshimasa Hayashi kündigte an, dass die Methoden der Aufnahmeprüfungen an allen medizinischen Fakultäten Japans „dringend überprüft“ würden. Gleichberechtigungsministerin Seiko Noda bezeichnete es als „extrem bedauerlich“, dass große Teile der Gesellschaft Frauen in medizinischen Berufen als „unangemessen“ ablehnen.

 

Der Papa wollt' es richten

Übrigens ist ein junger Mann quasi „schuld“ daran, dass der Skandal aufflog. Obwohl nur sehr mäßig begabt und bereits dreimal beim Examen durchgefallen, wurde der Bewerber letztlich aufgenommen. Grund: Er ist der Sohn eines hohen Beamten im Bildungsministerium. Dafür versprach dieser dem damaligen früheren Rektor eine bevorzugte Behandlung der Med-Uni bei der Vergabe von Fördergeldern des Ministeriums. Und das flog eben mittlerweile auf.

Wie immer, wenn in Japan erst einmal das Kind in den Brunnen gefallen ist, herrscht auch in diesem Fall hektische Aktivität, lautes Bedauern und eine große Portion Hilflosigkeit. Gegen den Beamten und den Ex-Rektor der Uni wird wegen Korruption ermittelt, obwohl fraglich ist, ob die Bestechung nicht schon verjährt ist. Und die aktuelle Führung der Hochschule teilte mit, die Manipulationen hätten selbstverständlich niemals stattfinden dürfen und würden nun in Zukunft auch nicht mehr stattfinden.

Mehr noch: Man überlege, die en masse listig abgelehnten Bewerberinnen, die eigentlich die Prüfung bestanden hatten, nachträglich zu immatrikulieren. Wie das gehen soll, wurde indes nicht mitgeteilt: Die meisten dieser Frauen studieren inzwischen etwas anderes oder haben ihre Ambitionen aufgegeben, geheiratet und Kinder bekommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2018)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Japan: Eliteuniversität blockte Frauen ab

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.