Hochbegabt: Keine Angebote für Marian Kogler

Der jüngste Absolvent der TU Wien lehrt und forscht bereits mit 18 Jahren. Allerdings in Deutschland, denn in Österreich bekam er keine Angebote von seiner Universität.

Hochbegabt Keine Angebote fuer
Hochbegabt Keine Angebote fuer
Marian Kogler – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Im Alter von drei Jahren machte Marian Kogler seinen ersten Intelligenztest. Das Ergebnis: Sein Intelligenzquotient überstieg den Wert von 150. Mittlerweile ist Kogler 18 Jahre alt, führt als jüngster Absolvent der Technischen Uni Wien den Titel Diplomingenieur und hat eine Vollzeitstelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter einer Hochschule in Deutschland. Dass er – nach einer Ausbildung in Rekordzeit – nicht an einer österreichischen Uni lehrt und forscht, hat einen einfachen Grund: Er bekam kein Angebot.

Auf die Stelle an der Luther-Universität Halle-Wittenberg machte ihn der Betreuer seiner Diplomarbeit, Rudolf Freund vom Institut für Computersprachen, aufmerksam. „Ich habe mich beworben und wurde genommen“, sagt Marian Kogler im Interview mit der „Presse“. Ganz so, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, mit 18 Jahren im Ausland einen Forschungsauftrag zu erhalten. Kogler will anhand seiner Leistung beurteilt werden, er hasst es, als Wunderkind bezeichnet zu werden: Er sei volljährig, kein Kind, so Kogler. Und eine Hochbegabung sei auch kein Wunder: „Ich sehe mich als Wissenschaftler“, sagt der 18-Jährige selbstbewusst.

Und wie kommt der blutjunge Informatiker bei den Studenten an seiner neuen Uni an? „Der österreichische Akzent ist unter den Studenten ein größeres Thema als mein Alter“, sagt er, während er an seiner heißen Schokolade nippt. Die Unsicherheiten, die er zu Beginn als Vortragender hatte, seien mittlerweile beseitigt. Auf den ersten Blick entspricht er dem klassischen Klischee des Hyperintelligenten: Er geht gebückt und trägt eine Brille, spricht im Eiltempo und ohne Gefühlsbetonung. Doch Kogler ist nicht einseitig – sondern interessiert sich auch für Politik, Zeitgeschichte und Sprachwissenschaft. Er gibt sich selbstbewusst und ist „durchaus glücklich“ mit seiner Hochbegabung.

 

Vom Ausland profitieren

Die Arbeit an der Luther-Uni gefällt dem Teenager gut. Sein Betreuer riet ihm nach der Beendigung seines Studiums dazu, bald ins Ausland zu gehen. Gerade in den USA sei es wichtig, früh eine Professur zu bekommen. Kogler selbst sah einen Wechsel in die USA oder nach Kanada aber zu diesem Zeitpunkt nicht als ideal an. Ohne Doktortitel habe man dort kaum eine Chance. Nachdem kein interessantes Angebot aus Österreich kam, war Deutschland für ihn eine klare Wahl. Ein wenig enttäuscht ist er aber doch darüber, dass ihm an seiner Universität, der TU Wien, keine Stelle angeboten wurde. „Ich kenne die Gründe nicht, die dazu geführt haben, dass kein Angebot aus Wien kam. Aber ich habe das Beste daraus gemacht“, so sein Resümee.

Dass wissenschaftlicher Nachwuchs ins Ausland geschickt wird, gehört zum Konzept der österreichischen Universitäten: Es sei gut, dass junge Leute weggehen, sagt der Vorsitzende der Universitätenkonferenz, Hans Sünkel. So sammle man wichtige Erfahrungen, erweitere seinen Blickwinkel. Doch wie holt man erfolgversprechende Wissenschaftler später wieder zurück ins Land? Mit guten Angeboten, meint Sünkel. Wie etwa im Fall des Immunologen Josef Penninger, der 2003 nach Österreich zurückkehrte. Was natürlich auch viel Geld kostete. Geld, das amerikanische Elite-Institute haben, die österreichischen Hochschulen zumeist aber nicht.

Marian Kogler blickt positiv in die Zukunft – ob diese für ihn in Österreich liegt oder anderswo, spielt keine große Rolle. Sein Bereich ist mit Molecular Computing die theoretische Informatik, und dort werden immer Spitzenkräfte gesucht. Wichtig, so Kogler, sind für ihn bei einer Anstellung die Rahmenbedingungen, etwa, wie viel Zeit er mit Forschung verbringen kann und wie interessant das Forschungsfeld für ihn ist.

 

„Neid gibt es sicher“

Mit wem aber verbringt Marian Kogler die Freizeit? „Ich suche keinen Kontakt mit Hochbegabten, sondern mit denen, die ähnliche Interessen haben“, erzählt er. Seine Freunde und Bekannten sind hauptsächlich Studenten. Manche von ihnen seien zwar hochbegabt, doch das spiele für ihn keine Rolle. Neid gebe es zwar sicher, doch das habe ihn noch niemand spüren lassen. Vergangene Woche stellte Kogler denn auch sein Buch vor: „Gemischte Gefühle und anderer Zeitvertreib – Erfahrungen und Einsichten eines Hochbegabten“. Darin schildert Kogler seine Schul- und Studienzeit und erläutert, wie das ideale Bildungssystem aussehen soll. Eine strikte Trennung zwischen „Normalbegabten“ und Hochbegabten hält er nicht für sinnvoll, weil viele Schüler eben nur in einzelnen Bereichen hochbegabt seien.

Geworden ist das Buch seiner Erfahrungen auch eine Autobiografie. Eine Bezeichnung, bei der der erst 18-Jährige dann aber auch selbst lächeln muss.

ZUR PERSON

Marian Kogler. Bereits im Alter von zweieinhalb Jahren konnte er lesen – nur ein halbes Jahr später schreiben und dreistellige Zahlen addieren und subtrahieren. Die Volksschule und AHS-Unterstufe erledigte Kogler in je drei Jahren. Im Alter von 13 Jahren inskribierte er Informatik an der Technischen Universität Wien, die für ihn eine Sonderregelung schuf. Im Alter von 16 Jahren machte Kogler seinen Bachelor – mit 17 schließlich den Diplomingenieur.

Seit April hat Marian Kogler eine Vollzeitstelle an der Martin-Luther-Uni in Halle-Wittenberg, Deutsch- land. Dort forscht er im Bereich „Molecular Computing“ und hält auch Lehrveranstaltungen ab. Nun veröffentlichte er sein erstes Buch „Gemischte Gefühle und anderer Zeitvertreib“. Seine Zukunft will er sich noch „völlig offenhalten“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2010)

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