Zu jeder Zeit objektiv sein

Sie prangern Missstände an, decken auf, recherchieren. Journalisten sind in einer demokratischen Gesellschaft unverzichtbar. Ihr Handwerk kann akademisch erlernt werden.

Einen eigenen Videobeitrag zu produzieren gehört zur Ausbildung für angehende Journalisten.
Einen eigenen Videobeitrag zu produzieren gehört zur Ausbildung für angehende Journalisten.
Einen eigenen Videobeitrag zu produzieren gehört zur Ausbildung für angehende Journalisten. – (c) Andreas-Hofer-Photography.at

Fragt man Journalisten nach ihren Ausbildungswegen, so könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Manch einer kommt aus der Wirtschaft und schreibt gern, ein anderer war schon immer für die Schülerzeitung im Dienst und hatte nach der Matura Glück, viele Journalistenkarrieren begannen an der Publizistik, andere an renommierten Kaderschmieden in Deutschland oder England, manche Journalisten absolvierten hierzulande ein Journalismusstudium. Doch, groß ist das Angebot nicht: „Das journalistische Handwerk wirklich studieren kann man in Österreich nur an wenigen Instituten“, sagt Daniela Süßenbacher, die an der FH Wien der WKW den Studienbereich Journalismus und Medienmanagement leitet.

Drei Programme bietet die FH Wien der WKW: Ein Bachelorvollzeitprogramm, der journalistisches Know-how für Print, TV, Radio und Online, aber auch Medienmanagement vermittelt. Einen berufsbegleitenden Bachelor, der verstärkt die digitale Komponente beleuchtet, sowie das berufsbegleitende Masterstudium Journalismus und neue Medien, das sich etwa an Akademiker wie Mediziner, aber auch an Künstler, Politikwissenschaftler oder Absolventen eines Wirtschaftsstudiums wendet. Hier lernt man Porträts zu schreiben, die richtige Bildkomposition, aber auch eigene Radiobeiträge aufzunehmen oder TV-Beiträge einzusprechen, zu moderieren und gestalten. Die Devise: Kleingruppen statt überfüllter Hörsäle, Dozenten aus der Praxis statt aus der Forschung.

 

Praxis hat Vorrang

Julia Juster, Lehrgangsleiterin Qualitätsjournalismus an der Donau Uni Krems ist überzeugt: „Man kann theoretische Grundlagen erlernen, aber wichtiger ist es, zu üben und sich praktisch damit auseinanderzusetzen.“ Deshalb studiere man auch hier in Kleingruppen und das Studium ist in Präsenz- und in Onlinephasen geteilt. Im Selbststudium sollen sich Studierende, meist bereits im Beruf Stehende, einen theoretischen Background aneignen, in den Präsenzeinheiten geht es um Fingerübungen, gemeinsames Texten und gegenseitiges Feedback.

Die Donau-Uni Krems führt berufsbegleitende Programme, wie etwa Qualitätsjournalismus, das je nach Vorerfahrung mit den Titeln Master of Arts oder Akademischer Experte abschließt, und Certified Programs, wie Digitaler Journalismus, Print- und Radiojournalismus oder TV-Produktion, die als kompakte Kurzprogramme absolviert werden können. Zugelassen wird, wer ein abgeschlossenes Studium oder einschlägige mindestens vierjährige Berufserfahrung in einem Kommunikationsberuf vorweisen kann.

 

Journalismus oder PR?

Wie sehr die Grenzen zwischen PR-Fachleuten und Journalisten verschwimmen können, zeigt sich an der FH Joanneum. Im Bachelorstudium Journalismus und Public Relations werden hier zwei Disziplinen kombiniert, die in der Praxis unvereinbar scheinen. Studenten lernen, PR-Strategien zu entwerfen, Zielgruppen zu analysieren, aber auch, zu recherchieren und investigative Storys zu produzieren. Ein Widerspruch?

Institutsleiter Heinz Fischer betont: „Die Ausbildungen sind getrennt.“ Studierende müssen im vierten Semester entscheiden, auf welcher Seite sie stehen wollen, und eine Vertiefung wählen, entweder in digitalem Journalismus oder in Onlinekommunikation. Denn, trotz aller Querverbindungen zwischen Journalismus und PR, etwa in puncto Textkompetenz, möchte Fischer einen großen Unterschied hervorheben: „Journalismus muss zu jeder Zeit objektiv sein, PR nicht. Ein Blogger oder Influencer ist Publizist oder Autor, ein Journalist aber ordnet ein.“

 

Rollentausch gegen Fake News

Trotzdem werden die Studenten dazu angehalten, in Rollenspielen in die Schuhe der „anderen” zu schlüpfen. Einmal sind sie Journalisten, einmal beleuchten sie ein Thema aus PR-Perspektive. Nicht nur, weil auch im späteren Berufsleben mitunter die Fronten gewechselt werden. Der Rollentausch dient dazu, kritisches Denken zu entwickeln: Wer bietet warum Storys an? Warum werden gewisse Storys forciert und erleben einen Hype? „Gute Journalisten müssen gerade im schnellen digitalen Zeitalter lernen, zu erkennen, ob etwas inszeniert ist, und Fake News von echten Nachrichten zu unterscheiden.“

Es brauche aber auch eine hohe medientechnische Affinität, sagt Fischer. Die Herausforderung, bestätigt auch Süßenbacher, liegt nicht nur darin, im Zeitalter neuer Medien zu bestehen: „Man muss lernen, die Digitalisierung mitzugestalten.“ Dazu gehöre, schneller und trotzdem fundiert zu produzieren, Recherchetools anwenden zu können, aber auch Audiopodcasts und Bilder zu produzieren.

Nur so scheint es möglich, auf dem harten Markt zu bestehen. Stellenangebote in großen Medienunternehmen sind sehr rar, der Weg in die Selbstständigkeit ist nicht für jeden geeignet; die Konkurrenz von selbst ernannten Journalisten und geringe Honorare machen vielen freien Journalisten zu schaffen.

„Es gibt zig andere Möglichkeiten, wie man als Kommunikator, nicht als Influencer oder Blogger im klassischen Sinn, sondern durchaus als Journalist selbstständig Plattformen bespielen und Geschäftsmodelle entwickeln kann“, sagt Süßenbacher. Deshalb werden vermehrt mobile Reporter ausgebildet, die autark mit dem Handy filmen, schneiden und moderieren, die Podcasts erstellen und crossmedial arbeiten können. „Die Digitalisierung revolutioniert das ganze Medienumfeld, gerade Kommunikationsberufe sind im selben Maß wie Journalismus mit neuen Optionen konfrontiert, wo man sich überlegen muss, wie man damit umgeht, ohne dem Berufsfeld untreu zu werden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2019)

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