Uni-Zugang: Kontroverse um die „Deutschenflut“

Die Politik warnt vor dem Ansturm deutscher Studenten. Die ÖH spricht von einem Ablenkungsmanöver Zugangsbeschränkungen durchzusetzen. Exakte Zahlen nennt keiner. Was erwartet die Unis wirklich im Herbst.

PSYCHOLOGIE-AUFNAHMETESTS IM AUSTRIA CENTER
PSYCHOLOGIE-AUFNAHMETESTS IM AUSTRIA CENTER
(c) APA/HERBERT PFARRHOFER (Herbert Pfarrhofer)

Handelt es sich nur um ein überzogenes Horrorszenario? Oder doch um eine ernsthafte Bedrohung? Wie hart der ab Wintersemester erwartete Ansturm deutscher Studierender die heimischen Unis tatsächlich treffen wird, ist umstritten. Das Problem: Exakte Zahlen scheint es noch nicht zu geben. Da im Jänner aber eigens aufgrund des Ansturms strengere Zugangsbeschränkungen an den Universitäten gesetzlich festgeschrieben werden sollen, tut ein genauer Blick auf die Zahlen not.

Fakt ist, dass in den zwei deutschen Bundesländern Bayern sowie Niedersachsen im Herbst doppelte Abiturientenjahrgänge anstehen. Grund dafür ist eine in allen Bundesländern beschlossene Verkürzung der Schulzeit von 13 auf zwölf Jahre. In manchen Ländern ist diese bereits schlagend geworden, andere (etwa Baden-Württemberg im Jahr 2012) folgen erst. Mit Bayern und Niedersachsen sind nun zwei bevölkerungsstarke Bundesländer an der Reihe. Der letzte Jahrgang des neunjährigen Gymnasiums sowie der erste Jahrgang des achtjährigen Gymnasiums machen kurz hintereinander Abitur. Vor allem Bayern – mit seiner Nähe zu den Unis in Salzburg und Innsbruck – ist für Österreich von Bedeutung. Die Zahl der Abiturienten verdoppelt sich dort auf 69.200 Personen. Bei einer Studienquote von rund 46 Prozent ist davon auszugehen, dass davon bis zu 32.000 Personen ein Studium beginnen. Insgesamt rechnet Bayern sogar mit 76.000 Studienanfängern, da viele Erstsemestrige aus anderen Bundesländern „zuwandern“. In Niedersachsen erwerben 52.000 Menschen das Abitur, 20.000 mehr als bisher.

 

ÖH kritisiert „Schauermärchen“

Verschärft wird die Situation durch die Aussetzung der Wehrpflicht. Allein dadurch soll es Schätzungen zufolge bis 2015 rund 34.600 bis 59.000 zusätzliche Studienanfänger geben. Wie viele es tatsächlich werden, ist von der konkreten Ausgestaltung des künftig freiwilligen Wehr- und Zivildienstes abhängig. Die Regierung hofft, dass weiterhin bis zu 50.000 Jugendliche freiwillig den Dienst ableisten.

Dennoch: Ob die Studienplätze in Deutschland ausreichen, ist unklar. Die ÖH glaubt, dass die deutsche Regierung genügend Maßnahmen ergriffen habe. Das „Schauermärchen von der Deutschenflut“ diene nur als Vorwand für die ÖVP, Zugangsbeschränkungen durchzusetzen. Tatsächlich wurden in den letzten Jahren in Bayern 38.000 neue Studienplätze geschaffen. In Niedersachsen waren es 11.200. Bis 2015 sollen weitere 35.500 hinzukommen. Die Regierung hat den Ländern zugesichert, die Hälfte der Kosten (rund 1,5MilliardenEuro), zu übernehmen. Deutsche Medien kritisieren die Maßnahmen dennoch: Die Folgen des „Turbo-Abis“ seien in den vergangenen Jahren stets unterschätzt worden.

Was bedeutet all das für Österreich? Wie viele jener bayerischen Studenten, die keinen Platz bekommen, nach Österreich ausweichen (müssen), das lässt sich bestenfalls schätzen. Kamen im Jahr 1998 auf 1000 deutsche Studenten nur 28 Auslandsstudenten, waren es 2008 bereits 58. Das besagen die Zahlen des Statistischen Bundesamts. Österreich ist – ohne Numerus Clausus und mit an sich gebührenfreiem Studium – besonders beliebt. Ein Fünftel aller deutschen Auslandsstudenten kommt hierher. 2008 gab es 20.000 deutsche Hörer in Österreich – ein Anstieg um 35,4 Prozent (also rund 5200 Personen) im Vergleich zum Vorjahr. Tendenz weiter steigend.

 

Uni-Innsbruck-Rektor in Sorge

Das bestätigt auch Karlheinz Töchterle, Rektor der Uni Innsbruck. In den vergangenen Jahren gab es eine „explosionsartige Steigerung“, sagt Töchterle zur „Presse“. Knapp 3600 stehen an der Uni Innsbruck 17.500 österreichischen Studenten gegenüber. Ein weiterer Ansturm wäre nur schwer zu verkraften, in manchen Studienrichtungen habe man die Kapazitätsgrenzen bereits überschritten.

Und die Lösungen für das Problem? Europarechtler Walter Obwexer sieht im „Presse“-Gespräch zwei Möglichkeiten: Zum einen könnte man hohe Studiengebühren einheben, die jenen Personen, deren Hauptwohnsitz seit mindestens fünf Jahren in Österreich liegt, rückerstattet werden. Zum anderen könnte das Herkunftslandprinzip, das nur jene Ausländer zum Studieren in Österreich berechtigt, die in ihrem Herkunftsland einen garantierten Studienplatz haben, Abhilfe verschaffen. Um das EU-Recht nicht zu brechen, dürfe das nur für Massenfächer gelten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2010)

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