Grüne: Johannes Hahn-Dissertation ist Plagiat

EU-Kommissar Hahn soll weite Teile seiner Dissertation abgeschrieben haben ,erhob "Plagiatsjäger" Weber für die Grünen. Diese fordern nun seinen Rücktritt. Für Pilz ist klar: Hahn sei ein „Doktoratsschwindler“.

(c) EPA (ROBERT JAEGER)

Wien. Johannes Hahn habe fast ein Fünftel seiner Dissertation im Fach Philosophie abgeschrieben. „Mindestens“ 17,2 Prozent der 6700 Zeilen der Arbeit des heutigen EU-Kommissars aus dem Jahr 1987 seien plagiiert. Entweder habe Hahn überhaupt keine Anführungszeichen oder Fußnoten verwendet, oder er habe Fußnoten nur sporadisch gesetzt. Über weite Strecken der 282-Seiten-Arbeit habe er den Eindruck vermittelt, es sei sein eigener Text, dabei zitiere er teils grob fahrlässig oder falsch aus Werken von Lewis Mumford, Alexander Mitscherlich oder Leopold Kohr.

Das ist das Ergebnis des Gutachtens des heimischen „Plagiatsjägers“ Stefan Weber, das dieser in den Vorwochen im Auftrag des Parlamentsklubs der Grünen erstellt hat. Der Abgeordnete Peter Pilz präsentierte das „eindeutige“ Resultat, das er der „Presse“ (Freitagausgabe) bereits angedeutet hatte, am Montag in Wien. „Es besteht der begründete Verdacht, dass sich Johannes Hahn seinen Doktortitel erschlichen hat“, so Pilz in Anlehnung an Webers Gutachten, das sich die Grünen 5000 Euro haben kosten lassen. Seine Schlussfolgerungen seien nun „präzise wie nie“, hatte Weber schon im Vorfeld der „Presse“ gesagt. Hahn habe „geschummelt“, Fehler beim Zitieren seien nicht einfach nur „passiert“.

Es ist bereits die zweite Untersuchung der Arbeit durch Weber, der sich Auszüge der Dissertation des damaligen ÖVP-Wissenschaftsministers schon 2007 vorgenommen hatte. Damals hatte Weber – auf eigene Faust – grob „schlampiges“ Belegen und Zitieren festgestellt, aber kein Plagiat nachweisen können. Hahns Alma Mater, die Universität Wien, ließ daraufhin ebenfalls Auszüge von einem Gutachter der Uni Zürich, dem Philosophen Peter Schulthess, untersuchen, der auch nur Nachlässigkeiten und kein Plagiat feststellte.

 

Pilz: ÖVP muss handeln

Jetzt, nach der Komplett-Untersuchung der Arbeit (Titel: „Die Perspektiven der Philosophie heute – dargestellt am Phänomen Stadt“), ist für Pilz klar: Hahn sei ein „Doktoratsschwindler“. Ob Österreich ein „Fall Guttenberg“ wie in Deutschland bevorstehe? „Es deutet einiges darauf hin“, sagt Pilz. Von Hahn fordert er nun den gleichen „moralischen Standard“, wie ihn der frühere deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg erfüllt habe: Dieser war zurückgetreten, nachdem ihm Plagiat in seiner juristischen Dissertation nachgewiesen worden war.

Geht es nach Pilz, dann soll Hahn von sich aus als EU-Kommissar für Regionalpolitik, der er seit 2010 ist, gehen. Er dürfe das schwindende Vertrauen der Bevölkerung in die Europäische Union nicht weiter schwächen. Geht Hahn nicht freiwillig, müsse Kommissionspräsident José Manuel Barroso aktiv werden – oder Hahns Partei, die ÖVP. Diese müsse auch nach der Affäre um Ernst Strasser im EU-Parlament endlich ihre Nominierungen für Brüssel überdenken. „Was ist die EU für die ÖVP? Ein Ort zur Politikerentsorgung?“

 

Hahn: „Politisch motiviert“

Im Kabinett Hahns gab man sich am Montag gelassen. „Die Studie ist eine politisch motivierte Auftragsarbeit, deren Ergebnis vom Studienautor, einem sogenannten Plagiatsjäger, bereits in zahlreichen Medienberichten vorweggenommen wurde“, hieß es in einer Presseaussendung. „Die heute präsentierte Untersuchung ist aufgrund des bekannten Aktionismus wenig überraschend und nicht maßgeblich.“ Nur die Uni Wien oder von ihr beauftragte Experten seien für die Dissertation zuständig.

Tatsächlich lässt die Uni Wien die Arbeit infolge des Auftrags der Grünen an Weber seit April ein zweites Mal prüfen, diesmal von der heimischen Agentur für wissenschaftliche Integrität, die auf Plagiatsprüfungen spezialisiert ist und mit ausländischen Experten zusammenarbeitet. Geprüft wird die Dissertation nun in vollem Umfang. „Wir wollen maximale Transparenz“, so eine Sprecherin zur „Presse“. Die Gutachter würden „ergebnisoffen“ prüfen. Stellt die Uni Plagiat fest, droht Hahn die Aberkennung seines Doktortitels.

Sein Doktorvater, der Philosoph Peter Kampits, wollte der „Presse“ am Montag „keine Stellungnahme“ geben. Früher hatte er bereits betont, dass er auf das Schweizer Gutachten aus dem Jahr 2007 vertraue. Das sagte auch schon Hahn. Zudem sei eine „Berücksichtigung der zum Zeitpunkt der Entstehung geltenden Vorgaben (Studienordnung, Zitierstandards) unerlässlich“, so steht es in der Aussendung vom Montag. Die Uni Wien kündigte ihr Gutachten für spätestens Oktober an.

Auf einen Blick

1987 schrieb EU-Kommissar Hahn seine Dissertation in Philosophie. „Plagiatsjäger“ Weber wies ihm schon 2007 schlampiges Zitieren vor. Jetzt spricht er in einem Gutachten für die Grünen von Plagiat – für Hahn ein Zeichen von Aktionismus. Die Uni Wien lässt die Arbeit nun zur Gänze prüfen, Hahn könnte seinen Doktortitel verlieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2011)

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