Michael Hörl: Der Kapitalismus-Professor

Hörl ist Lehrer ... und Missionar für eine unpopuläre Sache: Er will die Menschen davon überzeugen, dass Kapitalismus und Globalisierung gut sind – und der "kleine Mann" an der Krise selbst Schuld ist.

Michael Hoerl KapitalismusProfessor
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Michael Hörl lacht eigentlich die ganze Zeit. Ob er über die staatliche Schuldenkrise spricht, über Bankerboni oder über die Österreicher, die sich immer kleiner machten, als sie seien. Auch wenn er über Christian Felber redet, verliert Hörl sein Lachen nicht – aber es nimmt fassungslose Züge an. Dann rutscht er auf seinem Sessel hin und her, rückt sich die zierliche Brille zurecht und zupft an seinen Ärmeln herum. Felber, Mitbegründer von Attac Österreich, ist Hörls ganz persönliches rotes Tuch.

Michael Hörl ist eigentlich Lehrer für Betriebswirtschaft. Aber seit Kurzem missioniert er auch – für eine eher unpopuläre Sache: Er will die Menschen davon überzeugen, dass der Kapitalismus etwas Gutes ist, etwas, wovon jeder etwas hat. Dass hinter jedem Unternehmensgewinn nicht selbstverständlich Ausbeutung und Betrug stehen, und dass, nur weil einer viel hat, er nicht automatisch einem anderen etwas weggenommen haben muss. „Wenn der Durchschnittsösterreicher einen Ferrari vorbeifahren sieht, glaubt er ganz automatisch, dass dafür jemand anderer ärmer geworden ist.“

Der Kapitalismus und die Globalisierung, so Hörl, hätten nirgends auf der Welt einen so schlechten Ruf wie in Deutschland und Österreich. Und das findet der 42-Jährige ziemlich schade: „Es ist genug für alle da. Die Marktwirtschaft ist produktiv wie nie zuvor, unser Lebensstandard einmalig hoch. Vor 30 Jahren konnten sich nur die Reichsten Flüge leisten, heute fliegen auch Studenten oder Arbeitslose wie selbstverständlich nach Thailand oder Barcelona.“

Leider, so Hörl, verbinde eine Mehrheit mit dem Wort „Globalisierung“ aber prinzipiell einmal nur Schlechtes.

Das sind Worte aus seinem ersten Buch. Es sei das erste globalisierungskritikerkritische Buch Österreichs, sagt Hörl eher erstaunt als stolz. Den ersten Schritt seiner Überzeugungsarbeit hat er sich 10.000 Euro kosten lassen – für den Eigenverlag. Das Resultat präsentierte er vergangene Woche in Wien. Es heißt „Die Finanzkrise und die Gier der kleinen Leute“.


Die »Globalisierungsängstiger«. „Ich habe das einfach tun müssen“, sagt der gebürtige Sankt Pöltner. Weil er genug hatte von der öffentlichen Suche nach Sündenböcken, von den Anschuldigungen, von den Schuldzuweisungen, wenn wieder einmal etwas nicht so läuft, wie sich das „der Mainstream“ in Europa wünscht. „Dann haben immer die Banken und die Spekulanten Schuld“, echauffiert sich der Wirtschaftspädagoge.

Mit Anschuldigungen habe auch Attac-Sprecher Felber nicht gespart, als er vor einigen Jahren für einen Vortrag zu Besuch in der Salzburger Tourismusschule Kleßheim gewesen sei, wo Hörl unterrichtet. Hinsichtlich Kapitalismus und Globalisierung, die die ganze Welt ins Unglück stürzen würden; hinsichtlich des Kapitals, das sich verschwöre; hinsichtlich der Konzerne, die nach der Weltherrschaft strebten. „Er hat das wie ein Mantra drei Stunden lang gepredigt, bis die Stimmung richtig aufgeheizt war. Mir ist es eiskalt den Rücken runtergelaufen. Da wusste ich, ich muss etwas tun.“

Das war der Auslöser. Zweieinhalb Jahre lang sammelte er die „Mythen“ der „Globalisierungsängstiger“, wie er sie nennt. Und Zahlen, um einen nach dem anderen zu widerlegen. Wie zum Beispiel jenen, dass der globalisierte Kapitalismus auf Ausbeutung der Dritten Welt beruhe und immer mehr Menschen in die Armut stürze. Vielmehr sei es nämlich so: „70 Millionen Menschen stiegen in der Dritten Welt alleine 2009 in die neue Mittelschicht auf, 600 Millionen waren es insgesamt schon in China. Für ,Newsweek‘ die Story des Jahrzehnts“, schreibt Hörl.

Das »System Kreisky«. Und dass die Banker, die Spekulanten an der Krise schuld sind? Nein, damit kann Hörl ganz und gar nichts anfangen. Im Grunde, meint er, habe der „kleine Mann“ selbst Schuld an der Krise. Natürlich, die Notenbanken hätten den Markt mit billigem Geld versorgt. Und, ja, die Banken hätten es ausgegeben, in Form von billigen Krediten – es war ja da. Aber wer hat die Kredite aufgenommen? Und umgehend in das zweite, dritte Handy, in neue Autos oder Ferienhäuser investiert? Oder gar dem Banker den Auftrag gegeben, mit dem Geld zu spekulieren? „Das waren ganz gewöhnliche Menschen. Die haben gezockt wie irre“, sagt Hörl. Und die Geldschwemme aus den USA habe ja auch in Europa Jobs geschaffen.

Möglich gemacht hätten das freilich Politiker. Bloß: Wer hat sie gewählt?

Für Hörl ist es so: Die gierigen kleinen Leute der Welt wollen besser leben, als es ihnen ihre Verhältnisse erlauben. Also wählen sie stets jene Politiker, die ihnen die größten Versprechungen machen. Bill Clinton und George Bush versprachen einkommensschwachen Amerikanern Eigenheime, Bruno Kreisky den Österreichern Geburten- und Heiratsbeihilfen. Die Amerikaner und der Sonnenkönig haben Hörl zufolge also mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick glauben möchte: Sie alle sind für ihn Sozialpolitiker – gewählt für ihre Verheißungen von immer mehr Wohlstand.

Der Kauf von Wahlsiegen auf Pump – das „System Kreisky“ – habe in Österreich seit 1970 System, sagt Hörl. Das Problem damit ist freilich, dass diese Schulden nie getilgt werden. Für jede Heiratsbeihilfe von 15.000 Schilling, die ein Paar seinerzeit bekommen hat, stehen heute bereits 3357 Euro auf der Sollseite der Staatsbilanz. Ohne Aussicht auf ein Ende der Schuldenspirale.


Bunte Globalisierung. Die Wurzel all dieser Übel sei die wirtschaftliche Unbildung der Menschen, meint Hörl. Sie mache möglich, dass Menschen wie Christian Felber oder Erwin Wagenhofer, der in seinem Film „Let's Make Money“ die Botschaft von der kapitalistischen Weltverschwörung verbreite, so viel Gehör geschenkt werde.

Da bringt er sich selbst ins Spiel. Seinen Schülern seine Thesen aufs Aug drücken: Das möchte Hörl auf keinen Fall. Aber ganz raushalten könne er seine Anschauung natürlich nicht. Wolle er auch gar nicht. Lieber möchte er ihnen die bunten Seiten der Globalisierung vor Augen halten: Dass sie zum Beispiel nach der Matura zum Arbeiten nach Kanada oder in die USA gehen können (was sie auch tun) und dort 3000 Euro im Monat verdienen. „Es ist doch furchtbar, wenn man mit 19 Jahren aus der Schule rauskommt und nur Angst hat vor der Globalisierung. Eine meiner Schülerinnen hat vor Kurzem einen Ford Mustang aus den USA importiert. Das wäre für mich undenkbar gewesen!“

Michael Hörl wurde 1969 in Sankt Pölten geboren und verbrachte seine Kindheit in Salzburg. Er studierte Betriebswirtschaftslehre und arbeitete unter anderem für Billa und Spar.

Im Alter von 27 Jahren sattelte er um, wurde Lehrer und studierte berufsbegleitend Wirtschaftspädagogik. Er unterrichtet er an der Tourismusschule Kleßheim in Salzburg. Hörl ist verheiratet und hat zwei Kinder.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2011)

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