Deutsche Studenten: Fleißige Numerus-clausus-Flüchtlinge

Die Zahl deutscher Studierender steigt an den österreichischen Unis stetig an. Kann das gewünschte Studienfach in der Heimat nicht belegt werden, bietet Österreich die Alternative. Ein Lokalaugenschein.

Deutsche Studenten Fleissige NumerusclaususFluechtlinge
Deutsche Studenten Fleissige NumerusclaususFluechtlinge
student lernt – (c) Erwin Wodicka

Es sind jene Deutschen, deren Abschlusszeugnis nicht gut genug ist, um sich in der Heimat einen Studienplatz zu sichern, die zum Studieren nach Österreich kommen. Die berühmt-berüchtigten Numerus-clausus-Flüchtlinge. Das ist das klassische Vorurteil, das deutschen Studentinnen und Studenten hierzulande an den Kopf geworfen wird.

Auf viele trifft die Pauschalverurteilung auch tatsächlich zu: „Ich bin ein klassischer Numerus-clausus-Flüchtling“, sagt etwa die 23-jährige Johanna Bunner. Seit fünf Semestern studiert sie nunmehr Psychologie an der Uni Wien. An den deutschen Unis war ihr das verwehrt worden. Und das, obwohl sie mit einem Notendurchschnitt von 1,9 ein durchaus gutes Abschlusszeugnis vorzuweisen hatte. Doch eben nicht gut genug. Denn um zum Psychologiestudium an einer deutschen Uni zugelassen zu werden, braucht es einen Durchschnitt von 1,3. Johannas Leistung reichte also bei Weitem nicht.

Es brauchte einen Plan B. Für Johanna war das ein Studium in Österreich. Seit Jahren tun ihr das viele Deutsche gleich. Waren im Studienjahr 2000/01 rund 6400 der damals insgesamt 243.000 Studierenden Deutsche, so waren es im Studienjahr 2010/11 bei einer Gesamtzahl von 284.000 Studenten bereits 24.100. Damit ist Österreich gemeinsam mit den Niederlanden der beliebteste ausländische Studienort der Deutschen. Auch Johanna dachte kurz über einen Wechsel in die Niederlande nach, doch schließlich war die Sprache der ausschlaggebende Faktor für die Entscheidung, an einer österreichischen Hochschule zu inskribieren.

Die Entschlossenheit, ein bestimmtes Studienfach absolvieren zu wollen, bringen viele deutsche Auslandsstudenten mit. Eine Studie des deutschen Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) beweist etwa, das 90 Prozent der deutschen Studierenden ihre Entscheidung hinsichtlich des Studienorts aufgrund der Studienrichtung treffen. Für das gewünschte Studium werden oft auch nationale Grenzen hinter sich gelassen.

Eine gute Basis für Firmen, die sich auf die Vermittlung von Auslandsstudenten spezialisieren. Peter Stegelmann wirbt mit seiner Firma „edu-con“ etwa auf Social-Media-Portalen wie Facebook und Myspace für ein Studium im Ausland. Die Nachfrage ist in den letzten Jahren enorm gestiegen, bestätigt Stegelmann. Der häufigste Grund für ein Auslandsstudium sei tatsächlich die Flucht vor dem Numerus clausus. Aber sicherlich nicht der einzige. Auch attraktive Studiengänge locken viele von zu Hause fort.


Keine Bedrohung.
In Österreich wurden die steigenden Zahlen der deutschen Studierenden bislang zunehmend als Bedrohung wahrgenommen. Vor allem der erwartete Andrang aufgrund der doppelten Abiturjahrgänge und der Aussetzung der Wehrpflicht boten Grund zur Sorge. Die ersten Detailauswertungen der Online-Voranmeldung lassen aber vorsichtigen Optimismus aufkommen. An der Uni Wien sind die Anmeldezahlen deutscher Studierender zwar gestiegen, aber in keinem exorbitanten Ausmaß. Diese vorsichtige Abwehrhaltung gegenüber deutschen Studierenden sei ohnehin nicht nachvollziehbar, kritisiert Stegelmann. Niederländische Unis würden in Zeiten des Fachkräftemangels sogar aktiv um deutsche Studenten werben. Studien geben den Holländern recht. Immerhin 50 Prozent der Deutschen bleiben auch nach Studienabschluss im Land.

Ob auch sie einmal in Österreich bleiben werden, wissen Dachoa Liang (20) und Timo Wahl (22) noch nicht. Immerhin haben sie erst vergangenen Freitag hier inskribiert. Auch bei den beiden Stuttgartern spielte der Numerus clausus bei der Entscheidungsfindung eine Rolle. Sie hatten zwar auch in Deutschland einen Studienplatz sicher. Allein: Ihr Notenschnitt war nicht gut genug, um das Lieblingsfach an der Lieblingsuni belegen zu können. Es war also ein Alternativprogramm, das in der Heimat auf sie wartete. So kam es zur Spontanentscheidung. Erst am 30.August, also am vorletzten Tag der neuen Online-Anmeldefrist in Österreich, entschieden sie sich für ein Studium in Wien. Bereits zwei Tage später saßen die Neo-Wiener im Auto in Richtung Österreich. Nach einer sieben-stündigen Fahrt war es dann so weit: Dachoa inskribierte Chemie an der Uni Wien. Timo entschied sich noch auf der Fahrt zwischen einem Studium an der Uni Wien und der Wirtschaftsuni und inskribierte schlussendlich an letzterer für Wirtschaftsrecht.

Generell sind vor allem jene Fächer stark frequentiert, die in Deutschland einem besonders strengen Numerus clausus unterliegen. Mit 2881 Deutschen war Psychologie im Wintersemester 2010 das beliebteste Studienfach der Studierenden aus dem Nachbarland. Gefolgt von Humanmedizin, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie Publizistik. Für Zündstoff sorgt die hohe Zahl der Deutschen vor allem in zugangsbeschränkten Fächern. Dort kämpfen Österreicher und Deutsche um die Studienplätze. Eine Ausländerquote gibt es derzeit nur beim Medizinstudium. Für österreichische Studenten könnte es deshalb vor allem an der grenznahen Uni Salzburg eng werden. Dort stammen 77 Prozent der Psychologie-Bewerber aus Deutschland.

Deutsche studieren schneller. Dass die steigende Zahl der deutschen Bewerber für so manch österreichischen Studenten ärgerlich ist, kann Johanna Bunner verstehen. Doch immerhin hätten alle bei den Aufnahmetests die gleichen Chancen. Dass die Deutschen dabei oft besser abschneiden als ihre österreichischen Kollegen, läge vielleicht daran, dass sie sich besonders viel Mühe geben. „Wenn man sieben oder acht Stunden von zu Hause weg studiert und das ganze soziale Umfeld zurücklässt, dann will man das Studium auch vernünftig machen“, sagt Johanna.

Dem pflichtet Geschäftsführer Stegelmann bei: Die deutschen Auslandsstudenten seien sehr motiviert, immerhin nehmen sie durch den Ortswechsel auch ein Wagnis auf sich, um das gewünschte Studienfach zu belegen. Auch die Fakten unterstreichen das. Deutsche Studierende schließen ihr Studium schneller ab als ihre österreichischen Kollegen. Die durchschnittliche Studiendauer bis zum Abschluss eines Diplomstudiums liegt bei Deutschen bei 11,3 Semestern. Heimische Studenten brauchen 12,6. Auch bei Bachelor und Master sind die Deutschen schneller.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2011)

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