"Junge Forscher vernachlässigen ihre Karriere"

Der Rektor der Technischen Universität Graz, Harald Kainz über die Nachteile einer zersplitterten Hochschullandschaft, die außerordentliche Belastung von Jungwissenschaftlern - und seine Pläne zur Internationalisierung der TU.

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(c) APA/MARKUS LEODOLTER (MARKUS LEODOLTER)

Die Presse: Es scheint, als erlebten wir in Innsbruck vielleicht schon bald die Fusion zweier Unis.

Harald Kainz: Aufgrund der Informationen, die ich aus Gesprächen mit den beiden Rektoren habe, und auch aufgrund der Beschlüsse in den Senaten und im Tiroler Landtag erwarte ich, dass es diesen Zusammenschluss geben wird.

Erachten Sie eine derartige Strukturbereinigung für sinnvoll? Ausländische Beobachter wundern sich ja oft über die große Zahl an Institutionen im heimischen Hochschulsektor.

Die Verwunderung ist gerechtfertigt. Wir haben in Österreich eine zu stark zersplitterte Uni-Struktur. Der Motor dieser breiten Aufstellung ist der Föderalismus. Ich bin mir sicher, dass wir mit einer geringeren Anzahl im einen oder anderen Fall mehr Effizienz und Effektivität erreichen könnten. In Graz versuchen wir, Synergien zu nützen, um die Nachteile der Zersplitterung auszugleichen.

Die Grazer Hochschulen werden stets für ihre Kooperationen gelobt...

Die Altrektoren Hans Sünkel und Alfred Gutschelhofer haben schon vor Langem die Zeichen der Zeit erkannt. Und dieser Geist ist übergesprungen. Nicht nur in Graz. Wir haben mittlerweile eine hervorragende Kooperationsbasis mit der Montan-Uni, gute Gespräche mit der TU Wien und auch die Uni Klagenfurt haben wir oft mit im Boot. Man muss dem anderen einen Vertrauensvorschuss geben, dann profitieren beide.

Wie lässt sich der Erfolg messen? In Forschungsleistungen – oder lässt er sich auch finanziell beziffern?

Das zu beziffern, ist schwierig. Am Anfang muss man investieren. Das war auch beim Nawi Graz so. Mittlerweile haben wir 17 gemeinsame Studiengänge und sind in eine Phase der Synergien eingetreten. Wir haben es geschafft, Investitionen zu tätigen, die eine Uni allein nicht schaffen würde. Und: Nur wenn wir Kompetenzen bündeln, werden wir auch international sichtbar.

Ihre Uni internationaler auszurichten, ist eines Ihrer großen Vorhaben. Ist das bei gegebenen Rahmenbedingungen möglich? Welcher Spitzenforscher will schon an eine österreichische Uni...

Wir gehen davon aus, dass wir sie bekommen. Das Projekt ist auf acht Jahre angelegt. Derzeit sind wir dabei, drei strategische Projekte aufzusetzen. Eines davon konzentriert sich auf die Lehre, eines auf die Forschungskooperation, das dritte auf die Kompetenzentwicklung unseres Personals. Die ersten Ergebnisse erwarten wir in einem Jahr. Da wollen wir etwa alle PhD-Programme auf Englisch anbieten. Wir haben bereits jetzt einen beträchtlichen Anteil an ausländischen Doktoratsstudierenden, denen wir gute Bedingungen bieten wollen. Dann stellen wir schrittweise die Masterprogramme um. Da haben sich die ersten Fachrichtungen bereits gemeldet, Informatik und Physik wollen die Ersten sein. Die Herausforderung ist nun, alle 2300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der TU mitzunehmen.

Welche konkreten Vorteile erwarten Sie sich von der Internationalisierung?

Wir erwarten uns mehr Diversität, neue Sichtweisen und damit vielleicht genau jenes bisschen mehr an Kreativität, das im Forschungsbetrieb nötig ist, um international erfolgreich zu sein. Entscheidend wird sein, wie wir den Zugang zum Studium regeln. Wir müssen genau definieren, wie viele Studierende aus welchen Regionen die TU Graz aufnehmen will und auch finanzieren kann. Denn die Qualität der jungen Forscher – gepaart mit der Strahlkraft von erfahrenen Professoren – macht das Standing der Uni aus. Dass wir künftig die Möglichkeit haben, das kreative Potenzial weltweit zu nützen, und bei der Anwerbung von wissenschaftlichem Personal nicht mehr weitgehend auf den deutschen Sprachraum beschränkt sind, darin sehe ich einen der größten Vorteile der Internationalisierung. Auch die Mobilität der Studierenden wird so erhöht.


Wie wollen Sie all das finanzieren?

Wir haben mit einer Reihe von Industriebetrieben gesprochen. Und einen Teil werden wir sicher aus der Universität heraus finanzieren können. Wir haben etwa den Studierenden angeboten, einen Teil der Einnahmen aus den Studiengebühren für besonders Begabte zu reservieren – und diese dann nicht mit Preisen auszuzeichnen, sondern ihnen damit Auslandsaufenthalte zu finanzieren.

Einige Rektoren haben davor gewarnt, dass Lücken in Ihren Budgets klaffen. Wie ist es um Ihre Finanzen bestellt?

Ich habe das Glück, Hans Sünkel nachfolgen zu dürfen. Er hat für ein ausgeglichenes Budget gesorgt. Ich erwarte mir aber, dass uns das Wissenschaftsministerium bei der Internationalisierung kräftig unterstützt. Diese wird sehr kosten- und zeitintensiv. Wir reden von einem zweistelligen Millionenbetrag. Wir werden etwa zusätzliches Personal benötigen, das Kollegen, die wir auf Schulungen und Sprachkurse schicken, vertritt. Mit dem bestehenden Personal können wir das nicht abfangen. Wir alle wissen, dass die Universitäten schon jetzt nur deshalb noch funktionieren, weil die jungen Kolleginnen und Kollegen ganz Außerordentliches leisten. Ihnen können wir nicht noch mehr aufbürden. Die Regierung fährt ihr Sparprogramm auf Kosten der Nachwuchswissenschaftler, die unter extremer Belastung leiden. Und oft ihre eigene Karriere vernachlässigen, weil sie zu stark in der Lehre eingespannt sind.

Stichwort Studiengebühren: Sie haben bei Ihrem Amtsantritt angekündigt, Gebühren von allen Studierenden einheben zu wollen – und zwar in „maximaler Höhe“. Jetzt hätten Sie die Möglichkeit dazu – Sie tun es aber nicht.

Wie es derzeit aussieht, werden wir die Frage der Studiengebühren gerichtlich klären müssen, nicht politisch. Das ist sehr schade. Wir haben uns in der Universitätenkonferenz darauf geeinigt, gemeinsam die bisherige Regelung fortzuführen – und nicht mehr. Sobald alle rechtlichen Unsicherheiten beseitigt sind, tendiere ich aber dazu, die Gebühren an der TU Graz zu erhöhen – und auch von allen Studierenden einzuheben. Ich bin überzeugt, dass die Gebühren einen positiven Einfluss haben: Die Ernsthaftigkeit ist eine größere, wir würden den Anteil der prüfungsaktiven Studierenden rasch heben.

 

Wie hoch ist dieser Maximalbetrag?

Wir müssten differenzieren, woher die Studierenden kommen. Inländer müssten auf jeden Fall begünstigt sein. Ein Studienplatz bei uns an der TU kostet im Schnitt 15.000 Euro im Jahr. Die Studenten werden also immer nur einen kleinen Beitrag leisten müssen. Dieser Beitrag aber schafft Bewusstsein. Wir haben gesehen: Wenn die Studenten zahlen, bringen sie sich auch in Sachen Qualitätskontrolle stärker ein. Das wünsche ich mir.

Zur Person

Harald Kainz (*1958) ist seit dem Herbst des Vorjahres Rektor der Technischen Universität Graz. Er folgte Hans Sünkel nach. Der gebürtige Grazer war bereits seit 2007 Vizerektor für Infrastruktur und zuvor Dekan der Fakultät für Bauingenieurwissenschaften. Die Amtsperiode als Rektor dauert
bis Herbst 2015.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2012)

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