Bewusstsein und Beton

Weiterbildung für Frauen. Der kleine Unterschied hat auch auf der Karriereleiter große Folgen. Sind da spezielle Bildungsangebote, Förderungen und Preise für Frauen sinnvoll? Und wenn ja: welche – und warum eigentlich?

Am Tag der Frau – 8. März – werden sie wieder, in Zahlen und Studien gefasst, zu hören sein: die Ungereimtheiten, Ungerechtigkeiten, Gewalttätigkeiten, die Frauen in aller Welt betreffen. Daneben auch positive Aspekte: dort eine Schule für Mädchen in Indien. Hier eine Studie, die zeigt: Es herrscht mehr Chancengleichheit an Unis.

Es hat sich ja tatsächlich viel verändert, seit es zum guten Ton gehörte, Frauen für dumm zu halten. Heute hält man diese Aussage für dumm. Jedenfalls offiziell. Inoffiziell wird subtil damit hantiert. Da sitzt keine Frau in der Regierung? Im Aufsichtsrat? Im Rektorat? „Zu wenig zielstrebig, zu nachgiebig und tolerant, zu wenig versiert und machtfokussiert“, wird dann argumentiert. Viele Weiterbildungen speziell für Frauen setzten auch genau hier an: Trainings für Selbstbewusstsein und Auftreten, Rhetorik und Verhandlungssicherheit. „Wir bieten Angebote, aus denen Frauen gestärkt herausgehen“, so Brigitte Maria Gruber, Leiterin der Frauen:Fachakademie Schloss Mondsee. Auch bfi, Wifi und zahlreiche Trainer bieten dahin gehende Kurse oder Workshops an.

Stärkt das also die Argumentation, dass Frauen „en natur“ einfach zu dumm wären, sich ihren Teil des Kuchens zu nehmen? „Meine Erfahrung zeigt, dass die meisten Frauen ihre Ziele tatsächlich anders verfolgen als die meisten Männer“, so Gruber. „Da wird mit einem 360-Grad-Rundumblick alles miteinbezogen, von der eigenen Tauglichkeit bis zu den Auswirkungen auf Team und Familie. Männer fokussieren mit Tunnelblick das Ziel, alles andere ist nicht relevant.“

Dumm sei weder das eine noch das andere, beide Sichtweisen gezielt anwenden zu können wäre sogar ideal. Doch dazu müssten sie erst einmal, wie viele andere Verhaltensweisen, erkannt und reflektiert werden. „Frauen sollten lernen, dass sie sich für etwas begeistern dürfen und sollen, dass sie ihre Fähigkeiten und ihr Potenzial ernst nehmen und ausbauen können. Männer sollten lernen, dass sie von engagierten Frauen viel lernen und profitieren können“, ist Gruber überzeugt. Der Austausch mit anderen Frauen aus allen Branchen und Hierarchien würde sehr geschätzt. „Sobald ein Mann anwesend ist, nehmen sich viele Frauen zurück.“ Auch Flirtverhalten stelle sich oft ein. Nur wenn Frauen unter sich seien, gingen sie aus sich heraus. „Dann entstehen tiefer gehende Gespräche und Situationen, von denen man profitiert.“

 

Bewusstsein schärfen

Einen weiteren Zugang vermitteln Kurse wie etwa Gender Mainstreaming am BFI Wien, das Gleichstellungsmaßnahmen in Theorie und Praxis behandelt. Zielgruppe sind vor allem Personalverantwortliche, Pädagogen, Trainer und Berater – Multiplikatoren, deren Einstellung und Arbeitsweise in Summe große Auswirkungen auf gelebte Werte und Wertvorstellungen sowie ihre Reflexion haben. Etwa die Diskrepanz der Eigenschaften, die man für eine tolle Karriere braucht – Ehrgeiz, Entscheidungsfreude, Durchsetzungsvermögen, technisches Können –, und jene, die man landläufig einer tollen Frau zuschreibt – neben Schönheit vor allem Freundlichkeit und Charme, Kreativität, Teamgeist, Toleranz. Ein schwieriger Spagat für viele Mädchen und Frauen, für die die Meinung von Familie und Freunden hohen Wert hat. Studieren lässt sich diese spannende und oft missverstandene Thematik selbstverständlich auch, etwa an den Universitäten Wien, Salzburg oder Graz.

Und wie sieht Gender Mainstreaming in der Praxis aus? „Es ist ein Bohren dicker Bretter, man könnte auch Beton sagen“, meint Brigitte Ratzer von der Abteilung Genderkompetenz der Technischen Universität Wien. „Es hat hier lange eine Kultur geherrscht, die mit Frauen nichts am Hut hatte.“ Jetzt stehen die Chancen gut: Mit einer Frau an der Spitze des Rektorats, mit eigenen Förderprogrammen und Preisen sind sie präsenter als je zuvor. Beispiel TU-Frauenpreis: „Wir wollen exzellente Frauen zeigen“, erklärt sie die Motivation der Auszeichnung, die an Clara Schuecker von der Montanuniversität Leoben ging. „Wir wollen zeigen, dass es versierte, exzellente Frauen in der Technik gibt, dass es viele von ihnen gibt.“ Frauen vor den Vorhang zu holen zeige nicht nur Studentinnen, dass es durchaus Karrierechancen gibt – auch das Bewusstsein der Öffentlichkeit dafür müsse geschärft werden. Zudem ergäben sich Netzwerke, „da gibt es für Frauen noch viel Potenzial, sich zu organisieren.“ „Außerdem brauchen wir Frauen“, so Ratzer. „Die Angleichung der Zahlen von Männern und Frauen ist ja nur das eine, das andere sind die Inhalte.“ Die Interessenlagen von Frauen seien erfahrungsgemäß viel breiter aufgestellt, es gebe mehr Interdisziplinarität. Ratzer: „Die TU hat einen Wahlspruch: Technik für Menschen zu machen.“ Mit Männern allein geht das nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2016)

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