Sehnsucht nach unendlichen Weiten

Space Sciences. Am 12. April jährt sich der erste bemannte Raumflug – begangen als Yuri's Night – zum 55. Mal. Die Faszination am Weltraum lässt sich auch in Österreich durch Lehrgänge zu professionellem Know-how steigern.

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(c) Imago

Die Raumfahrt übt eine ganz besondere Faszination aus, auch auf Studenten. Die TU Wien ist heuer auch Veranstaltungsort der Yuri's Night, in der – wie in vielen Institutionen weltweit – Gagarins Pionierleistung vor 55 Jahren gedacht wird. Ein eigenes Raumfahrtstudium gibt es an der TUW allerdings nicht, obwohl sie zumindest Österreichs einzigen Astronauten, Franz Viehböck, hervorgebracht hat (Absolvent Elektrotechnik). Vor allem manifestiert sich die Begeisterung der Studierenden und Lehrenden für diese Thematik in zahllosen Projekten.

 

Studenten bauen Raketen

Aktuell sind TUW-Studierende mehrerer Studienrichtungen im TU Space Team aktiv und bauen Raketen, Satelliten oder Landemodule. Etwa Nadine Freistetter, Studentin der Technischen Physik. „Mich fasziniert an der Raumfahrt die Fähigkeit des Menschen, sich und die Technik an so extreme Umstände anzupassen. Besonders bei der bemannten Raumfahrt, von der Entwicklung und Durchführung der Astronautenausbildung bis zu den Experimenten auf der ISS“, sagt Freistetter. „Wenn ich in der Raumfahrtbranche Fuß fassen könnte, dann als Astronautin oder im Astronauten-Support.“ Etliche ihrer Kollegen würden sich Ähnliches wünschen. Zwar biete der Sektor nicht gerade massenhaft Arbeitsplätze, dennoch seien die Chancen bei viel Eigenengagement nicht als schlecht einzuschätzen. Und noch einen Wunsch gibt es: „Es wäre eine ungemeine Bereicherung, wenn es ein Raumfahrttechnik-Masterstudium zur Spezialisierung etwa nach einem Physik-, Informatik- oder Maschinenbau-Bachelor gäbe“, sagt Freistetter.

 

Graz als Weltraumzentrum

Diese Möglichkeit existiert an Österreichs Universitäten ausschließlich an der TU Graz, die sowohl ein reguläres, staatlich finanziertes Masterstudium (Space Sciences and Earth from Space) anbietet als auch einen privat zu finanzierenden Weiterbildungs-Master (SpaceTech). Graz gilt überhaupt als Österreichs Weltraumhauptstadt. Hier gibt es etliche Universitätsinstitute, Forschungsinstitutionen und Firmen, die seit Jahrzehnten im Raumfahrtbereich tätig sind. „Aus Graz kommen auch zahlreiche Forscher und Leiter internationaler Weltraumprojekte“, sagt Peter Schrotter vom Institut für Kommunikationsnetze und Satellitenkommunikation und Life Long Learning der TU Graz. Als Beispiel für Weltraumprominenz aus Graz nennt er Stefan Ulamec, Leiter der Rosetta-Landemission Philae; Rudolf Schmid, der als Inspector General der ESA deren höchste nicht politisch besetzte Position innehatte; oder Willi Nordberg, Vater der Wetter- und Fernerkundungssatelliten, der Mitte der 1970er-Jahre Nasa-Direktor für Weltraumanwendungen war.

Das Masterstudium Space Sciences and Earth from Space wird interuniversitär von der TU Graz und der Karl-Franzens-Universität Graz im Rahmen der Kooperation der Naturwissenschaftlichen Institute (Nawi Graz) angeboten.

 

Aufstieg in Führungspositionen

An eine ganz andere Zielgruppe richtet sich das berufsbegleitende Masterstudium SpaceTech, das im März dieses Jahres erstmals gestartet ist. Hier werden hoch motivierte Experten aus der Luft- und Raumfahrtbranche angesprochen, die zumindest einen Bachelorabschluss haben, mindestens fünf Jahre Erfahrung in der Branche vorweisen können und sich für eine Führungsposition qualifizieren und weiterbilden möchten. Die Präsenzphasen des Studiums dauern je zwei Wochen und führen zu sechs europäischen Weltraumstandorten: Graz, Toulouse, Harwell (Großbritannien), Oberpfaffenhofen, Frascati (Italien) und Noordwijk (Niederlande). Die Kosten für dieses Programm setzen sich aus rund 34.000 Euro Teilnahmegebühr zusammen. „Es wird nun als dreisemestriges Programm angeboten, erweitert um zusätzliche Inhalte wie Human Space-Flight und Applied Project Management for Space Systems sowie eine verpflichtende Masterarbeit“, sagt Peter Schrotter, der als Ansprechpartner für das Studium fungiert.

 

Raumfahrt an FH

Österreichs Raumfahrt-Fachhochschule ist zweifellos die FH Wiener Neustadt, an der 2012 der Masterstudiengang Aerospace Engineering etabliert wurde. Auch hier profitiert das Studium von der Konzentration etlicher großer Luftfahrtunternehmen in der Region, von denen viele als Partner der FH gewonnen werden konnten und einen Großteil der Lehrenden des Masterstudiums stellen.

Der Studiengangsleiter, Carsten Scharlemann, an der TU München sowie in den USA ausgebildeter Luft- und Raumfahrtingenieur und lang für das Austrian Research Institute of Technology (AIT) tätig, bringt seine Erfahrung in diesen Studiengang ein. Unterrichtssprache ist Englisch. „Der Beruf funktioniert zur Gänze auf Englisch. Darum fordern wir hier ein relativ hohes Level, entweder 95 Punkte im Toefl-Test oder 7.0 IELTS-Punkte“, so Scharlemann.

 

Mechatronik gefragt

Was die Fachkenntnisse betrifft, gilt als Zulassungsvoraussetzung ein Bachelor- oder Diplomabschluss in Aerospace Engineering, in allgemeinem Maschinenbau oder Technischer Physik, zunehmend aber auch in Elektrotechnik oder Mechatronik, da „Letzteres heute im Beruf zunehmend nachgefragt wird“, sagt Scharlemann

Inhaltlich sind ungefähr je zur Hälfte Luftfahrt und Raumfahrt vertreten. „Wir bekommen Entwicklungs- und Forschungsaufträge von den europäischen sowie amerikanischen Raumfahrtbehörden, bei denen Studenten zum Teil mitarbeiten können“, so Scharlemann. „In Kooperation mit der TU Wien, Uni Wien und dem ÖWF bauen unsere Studenten zum Beispiel einen der 50 Satelliten, der im Rahmen des europäischen QB50-Projekts einen noch unbekannten Teil der Erdatmosphäre erforschen wird.“

Das an der FH Joanneum angebotene Vollstudium (Bachelor und Master) für Luftfahrt (siehe Seite 71) enthält ebenfalls einige Raumfahrtaspekte, etwa bei Praktikum oder Abschlussarbeit.

Web:www.tugraz.at, www.derorion.at

 

http://portal.tugraz.at, www.fhwn.ac.at/aero,

 

www.fh-joanneum.at/iav

VERANSTALTUNGEN

Yuri's Night: 12. April, 18.30, TUtheSky der TU Wien. Mit dem französischen Astronauten Leopold Eyharts und der Weltraum-Plasmaphysikerin Dr. Rumi Nakamura von der ÖAW, Eintritt frei, www.der-orion.com/yuri

Space Event 2016: 18. Mai ab 15 Uhr,

TUtheSky der TU Wien, Veranstalter: TU Space Team. Aktuelle Themen der Luft- und Raumfahrttechnik werden für Studierende und alle Interessierten präsentiert. Gastvortragende: Bastian Schäfer (Airbus) und Prof. Otto Koudelka (TU Graz), www.spaceteam.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.04.2016)

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