Onlinenachhilfe: Der Lehrer, der immer greifbar ist

Auf der Suche nach Unterstützung werden Schüler im Internet fündig. Immer mehr professionelle Anbieter haben diesen Kanal für sich entdeckt. Die einzigen, die noch nachhinken, sind oft die Eltern.

Das Lernen im gewohnten Umfeld ist ein Vorteil der Onlinenachhilfe
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Das Lernen im gewohnten Umfeld ist ein Vorteil der Onlinenachhilfe
Das Lernen im gewohnten Umfeld ist ein Vorteil der Onlinenachhilfe – (c) imago/Westend61 (Tom Chance)

Rund 226.000 Kinder nehmen in Österreich private Nachhilfe in Anspruch, 138.000 davon erhalten bezahlte Unterstützung. Während dabei die klassische Nachhilfe deutlich den Ton angibt, erfreuen sich auch die Onlineanbieter zunehmender Bedeutung. In Österreich steckt der Markt für Onlinenachhilfe noch in den Kinderschuhen. Laut den Anbietern liegt das weniger an den Kindern, die heutzutage bekanntlich kaum Berührungsängste mit den neuen Kommunikationstechnologien haben.

 

Eltern als Technikmuffel

Gelinde gesagt ausbaufähig sei die Akzeptanz vielmehr unter den Eltern. Für David Bogner von Lernstar steht dahinter eine gewisse „Technik-Skepsis“. Die Eltern würden aber auch häufig gar nicht wissen, dass es Onlinenachhilfe überhaupt gebe, meint Michael Kriegler. „Oft machen Kinder ihre Eltern auf unser Angebot aufmerksam“, berichtet der Geschäftsführer der LJ Verlagsservice GmbH, die hinter der Nachhilfeplattform Lehrerjoker.com steht.

Lehrerjoker ist in Österreich 2016 gestartet und zählt heute 18.000 aktive User. Als herkömmlicher Anbieter von Onlinenachhilfe verstehe man sich nicht, sagt Kriegler. So beschäftige man etwa 40 fest angestellte Lehrkräfte – und zusätzlich Freiberufler in der Prüfungszeit –, mit denen die Schüler über ein Forum sowie eine Hotline direkt in Kontakt treten können. Darüber hinaus unterhält man ein Nachhilfezentrum im sechsten Wiener Gemeindebezirk, wo auch klassische Kurse für einzelne Kinder oder in kleineren Gruppen abgehalten werden. Laut Kriegler dient es auch als Flagshipstore, bei dem vor allem die Eltern vorbeikommen können, um sich vom Angebot zu überzeugen.

 

Modell Fitnessstudio

Wie intensiv das Angebot tatsächlich genutzt wird, ist von Schüler zu Schüler unterschiedlich. Kriegler zieht den Vergleich zu einem Fitnessstudio, in dem manche Kunden täglich, andere hingegen nur sporadisch trainieren. Wie das tägliche „Training“ bei Lehrerjoker aussieht, beschreibt er so: „Wer sich dafür entscheidet, wird bei den täglichen Hausübungen begleitet“, erklärt Kriegler. Die Kinder schicken ihre erledigten Hausübungen an eine Lehrkraft, die diese innerhalb von drei Stunden korrigiert. Die richtigen Antworten werden im Übrigen nicht einfach so geliefert. Vielmehr würden die Schüler auf Fehler hingewiesen, die diese dann korrigieren müssten.

So individuell das Lehrerjoker-Angebot nach den jeweiligen Bedürfnissen ausgerichtet werden kann, so individuell gestalten sich auch die Kosten. Die Nutzung der Mathematik-Hotline kostet etwa für sechs Monate 7,90 pro Monat, das Sechs-Monats-Abo für alle Fächer inklusive Hotline und Forum monatlich 49 Euro. Abos werden auch für drei Monate angeboten, sind dann aber etwas teurer.

Die Vergleichsweise attraktive Kostenstruktur ist nur ein Vorteil von Nachhilfeplattformen gegenüber der „klassischen“ Nachhilfe. Zu weiteren zählen Experten unter anderem den flexiblen Zugriff, das Lernen im gewohnten Umfeld sowie den Zugang zu professionellen Lehrkräften. Für Bogner gehört dazu auch die Möglichkeit, Übungen so oft wie notwendig zu wiederholen.

 

Gescheitertes Konzept

Die Online-Nachhilfeplattform Lernstar, die Einzelnachhilfe mit persönlicher Betreuung per Videokonferenz ebenso wie Onlineübungen bietet, ist 2009 auf den Markt gekommen. Vor zwei Jahren wurde sie allerdings wieder auf Eis gelegt. Wie Bogner erklärt, habe das Geschäftsmodell nicht gepasst. Geplant war, von den Lehrkräften einen monatlichen Betrag einzuheben. Die Lehrkräfte wiederum konnten von den Schülern direkt für Einzelnachhilfe gebucht und über Paypal bezahlt werden. Das Problem: Es hätten sich zu wenige Lehrkräfte gefunden. „Die Website ist allerdings weiter benutzbar“, sagt Bogner. Und auch ein Relaunch sei im Bereich des Möglichen. „Ich glaube, es wird noch eine Weile dauern, bis sich das Thema Onlinenachhilfe in Österreich etabliert“, meint Bogner.

Ein anderes Bild zeigt sich freilich in Deutschland, wo sich vor allem große Anbieter wie Tutoria, Studienkreis oder Sofatutor mit mehreren Zehntausend Usern gut etabliert haben. Das Angebot ist insgesamt breit gefächert und reicht – je nach Anbieter – von Online-Einzelnachhilfe mit Headset und Webcam über tägliche Hausaufgabenhilfe bis hin zu Chats und Lernvideos. Eine heiße Zeit kommt auf sie in den Ferien zu, denn auch dann klicken sich viele Schüler auf die Plattformen ein – vor allem, um Wissenslücken zu schließen und sich auf das neue Schuljahr vorzubereiten. „Die Nachfrage nach unseren Ferienkursen ist stark gestiegen“, bestätigt Max Kade, pädagogischer Leiter des Studienkreises.

Dass aber auch der österreichische Markt durchaus interessant ist und Potenzial hat, zeigt die Tatsache, dass etwa Studienkreis und Sofatutor längst auch in Österreich präsent sind.

Auf einen Blick

Onlinenachhilfe steckt in Österreich noch in den Kinderschuhen. Hauptgrund für das derzeitige Nischendasein ist laut Anbieter die Technik-Skepsis der Eltern. Die Vorteile von Onlinenachhilfe sind neben vergleichsweise geringen Kosten der flexible Zugriff und das Lernen im gewohnten Umfeld.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2017)

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