Vermittler aufgeklärter Sexualität

Für Fragen rund um Liebe, Gefühle, Fortpflanzung und Erotik eine adäquate Sprache zu entwickeln und Klienten mit ihren Problemen zu begleiten: Das ist das Ziel von sexueller Bildung.

Freiwillige vom Team „Achtung, Liebe“ halten einen Sexualkundeworkshop an der Modeschule Hetzendorf.
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Freiwillige vom Team „Achtung, Liebe“ halten einen Sexualkundeworkshop an der Modeschule Hetzendorf.
Freiwillige vom Team „Achtung, Liebe“ halten einen Sexualkundeworkshop an der Modeschule Hetzendorf. – (c) Teresa Zoetl

Die neuen Medien, der Konsum von Pornographie, die gesellschaftlichen Veränderungen in Hinblick auf mehr Möglichkeiten, das Sexualleben zu gestalten, aber auch mehr Orientierungslosigkeit und Hilflosigkeit von Lehrenden und Eltern haben den Anspruch an eine professionelle, qualitative Sexualpädagogik erhöht“, sagt der Psychotherapeut und Mediziner Clemens Hammer. Zusammen mit der Familienplanungsberaterin und Soziologin Sabine Ziegelwanger leitet er den Lehrgang „Sexualpädagogik“ an der Österreichischen Gesellschaft für Sexualwissenschaften (ÖGS).

 

Vielfalt ohne Vorurteile

Das Programm richtet sich an Personen, die in pädagogischen oder begleitenden Feldern tätig sind. Inhaltlich geht es um alle Fragen, die sich in der sexualpädagogischen Arbeit stellen können: Genderfragen, sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten, die Einflüsse neuer Medien, sexualisierte Gewalt und Gewaltprävention oder sexualpädagogische Arbeit mit behinderten Menschen. „Der Lehrgang verfolgt die Absicht, neben der klassischen Aufklärung die Vielfalt an sexuellen Lebensstilen und Werthaltungen, Lebens-, Liebens- und Familienformen möglichst vorurteilsfrei zu erarbeiten“, sagt Hammer. Grundlage dafür seien die Menschenrechte, von denen sich die sexuellen und reproduktiven Rechte ableiteten. Das Programm baut auf einem Lehrgang für „Sexuologische Basiskompetenzen“ auf, der prinzipiell auch privat Interessierten offen steht. Die Nachfrage nach dem Basis-Lehrgang sei so groß, dass er inzwischen drei Mal pro Jahr starte, sagt ÖGS-Präsident Johannes Wahala, „Er wird zum Beispiel auch von Eltern besucht, die offen mit ihren Kindern über Sexualität reden oder bei einer sich abzeichnenden Homosexualität ihres Kindes nichts falsch machen wollen; oder von Hebammen, die mit schwangeren Frauen sexuelle Themen ansprechen möchten.“

Stark nachgefragt sind auch die im September startenden Lehrgänge des „Österreichischen Instituts für Sexualpädagogik und Sexualtherapien“ (ISP). Im Kurs „Praxisorientierte Sexualpädagogik“ werden in diesem Jahr aufgrund des großen Interesses zwei parallele Gruppen starten. Zielgruppen sind Personen, die im psychosozialen Feld tätig sind, wie Lehrer, Kindergarten- oder Behindertenpädagogen, Lebens- und Sozialberater, Pflegepersonen oder Altenbetreuer. Sie alle seien immer wieder mit sexuellen Fragestellungen konfrontiert, sagt Leiterin Bettina Weidinger. „Oft melden uns die Teilnehmer zurück, dass sie damit leichter umgehen können, seit sie den Lehrgang machen.“

Das spezialisiertere ISP-Programm „Klinische Sexologie - Sexocorporel“ folgt einem internationalen Ausbildungskonzept, das laut Programmleiter Wolfgang Kostenwein in mehreren europäischen Ländern unterrichtet, in Österreich aber nur vom ISP angeboten wird. Der Lehrgang richtet sich an Psychotherapeuten, Lebens- und Sozialberater, Psychologen und Mediziner. Der an der Universität Montreal entwickelte und in Europa relativ neue Sexocorporel-Ansatz lenkt die Aufmerksamkeit auf die körperlich-genitale Ebene im direkten Zusammenhang mit einem sexuelle Problem und entwickelte dafür eigene Beratungskonzepte.

 

Information schützt

Ein Experte für die Sexualpädagogik an Schulen ist Wolfgang Plaute, Vizerektor der Pädagogischen Hochschule Salzburg und Leiter des dortigen Bundeszentrums für Sexualpädagogik. Mittelfristig ist auch hier geplant, einen bundesweiten Lehrgang für Sexualpädagogik anzubieten. Plautes Fazit: „Gut informierte Kinder, die Sexualität nicht als Tabu erleben, sind gut geschützte Kinder. Manchmal können sexuelle Themen Kinder, Pädagoginnen und Eltern aber sehr verunsichern.“ Die Antwort auf die in solchen Situationen entstehenden Kontroversen sei „in allen Fällen eine individuelle, bedürfnisorientierte und altersgemäße Sexualpädagogik, am besten im Austausch mit Pädagogen und Eltern, so dass Missverständnisse, Unsicherheiten oder gar Unwahrheiten gar nicht erst entstehen oder ausgeräumt werden können.“

Web: www.sexualpaedagogik.at

www.oegs.or.at, www.phsalzburg.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2017)

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