Wenn die Grundlagen nicht vorhanden sind

Alphabetisierung. Die Basisbildung, sprich etwa Lesen und Schreiben zu können, fehlt auch vielen Erwachsenen. Dabei steigt der Bedarf an Menschen, die Lesen und Schreiben vermitteln. Nicht jungen Menschen, sondern Erwachsenen.

Sinnerfassend lesen ist in Alltag und Beruf unerlässlich. Viele Menschen beherrschen diese Grundkompetenz nur unzureichend.
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Sinnerfassend lesen ist in Alltag und Beruf unerlässlich. Viele Menschen beherrschen diese Grundkompetenz nur unzureichend.
Sinnerfassend lesen ist in Alltag und Beruf unerlässlich. Viele Menschen beherrschen diese Grundkompetenz nur unzureichend. – (c) imago/Ralph Peters (Ralph Peters)

Komplexe Texte nicht zu verstehen, grundsätzlich keine hohe Lesefähigkeit, geschweige denn -freudigkeit, das kennzeichnet Menschen, die Basisbildung nötig haben. „Wir sind eine verschriftlichte Gesellschaft, wo es selbstverständlich ist, sich auf diesem Weg ausdrücken zu können“, sagt Sonja Muckenhuber, Koleiterin des Linzer Instituts für Bildungsentwicklung. Hier können sich Interessierte zum Alphabetisierungs- und Basisbildungstrainer ausbilden lassen.

 

Quereinsteiger willkommen

„Dabei ist es nicht wichtig, ob jemand eine pädagogische Grundausbildung hat. Es geht vor allem um Reflexionsfähigkeit und erwachsenengerechtes Lernen“, erklärt Muckenhuber. Es würden sich zwar Pädagogen in den Reihen der Absolventen finden, doch Quereinsteiger seien ebenso willkommen. Ein Diplomlehrgang auf akademischer Ebene sei angedacht.

Am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung läuft gerade ein Zertifikatslehrgang Basisbildung und Alphabetisierung, in dem Methodik und Didaktik vermittelt werden, um Lernangebote für Menschen bereitzustellen, denen es an Grundkompetenzen in Sprachen, Mathematik und IKT mangelt. Ausführlicher geht der eineinhalbjährige Diplomlehrgang Basisbildung und Alphabetisierung mit Erwachsenen auf diese Thematik ein. „Oft steckt eine traumatische Schulerfahrung dahinter. Lesen und Schreiben zu lernen ist dann extrem angstbesetzt“, berichtet Muckenhuber. Und die Erkenntnis, beides nicht zu beherrschen, schambesetzt. „Bei den meisten kommt der Wunsch nach Basisbildung zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr, meist von außen motiviert.“ Etwa durch Veränderungen in der Familie wie Trennung, unsichere Berufssituation oder drohenden Jobverlust. Auch die Einschulung der Kinder kann bewirken, dass sich jemand aufrafft, „weil er oder sie dem Nachwuchs beim Lernen helfen will“.

Was für 15-Jährige der Pisa-Test ist, ist für Menschen zwischen 16 und 65 Jahren die PIAAC-Studie. Das Programme for the International Assessment of Adult Competencies wurde von der OECD angestoßen und erfasst die grundlegenden Kompetenzen dieser Altersgruppe. Das sind zum einen Verstehen, Nutzen und Interpretieren von geschriebenen Texten. Weiters wird Alltagsmathematik getestet. Beispielsweise das Einschätzen eines Sonderangebots oder die Interpretation von Tabellen und Grafiken. Das dritte Kriterium: technologiebasierte Problemlösungskompetenz. Kann jemand mit digitalen Technologien, Kommunikationshilfen und Netzwerken umgehen? Mails schreiben? Die Vertrauenswürdigkeit von Internetseiten beurteilen? Die letzte, umfassende Studie 2011/12 unter 24 Teilnehmerländern ergab: 970.000 Personen hierzulande lagen mit ihrer Lesekompetenz unter dem OECD-Durchschnitt, wiesen niedrige oder gar keine Kenntnisse auf. Aktuell geht man von rund 200.000Menschen in Österreich aus, die Basisbildung brauchten.

 

Soziale Integration fördern

2012 wurde die „Initiative Erwachsenenbildung“ gestartet, um den Anteil an gering qualifizierten Personen zu senken, deren soziale Integration zu steigern und die Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen. „Von 2012 bis 2014 konnten rund 6700 kostenlos an einem Basisbildungsangebot teilnehmen, bis Ende 2017 kommen weitere 13.000 hinzu. Wartelisten bei den Erwachsenenbildungseinrichtungen zeigen jedoch, dass der Bedarf weiterhin groß ist“, sagt Patrizia Pappacena, Pressesprecherin des Bildungsministeriums. Mit Jänner 2018 starte die dritte Programmperiode der Initiative Erwachsenenbildung, in der das Angebot weiter ausgebaut wird.

Zuständig für diese Initiative bei den Wiener Volkshochschulen ist John Evers, der sich zufrieden über die Auslastung des Angebots zeigt, aber damit nicht zufrieden gibt: „Mit neuen Förderprogrammen wie ,Integration ab dem ersten Tag‘, die auch Basisbildungsangebote beinhalten, hoffen wir, dass sich unsere Wartelisten in einigen Bereichen drastisch reduzieren werden.“ Wie es in einem Land, das seit 1774 die Schulpflicht kennt, Bedarf für die Alphabetisierung und Basisbildung von Erwachsenen geben kann? „Weil es immer noch Bildungsbenachteiligung gibt und die Schulpflicht nicht automatisch dazu beiträgt, dass die Leute ausreichend Lesen, Schreiben und Rechnen lernen.“ Basisbildungsbedarf sei in den seltensten Fällen individuell verursacht. „Ein Bildungssystem, das bereits bei den Kleinsten aussiebt und selektiert, aber auch zu wenige Integrationsangebote gegenüber Menschen macht, die zu uns geflüchtet sind, vergeudet in Wahrheit Kompetenzen“, sagt Evers. Basisbildung bedeute vor allem eines: Teilhaben und teilnehmen an unserer Gesellschaft.

Web: www.bifeb.at, www.vhs.at,

 

https://bildungsentwicklung.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2017)

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