Kein Wissen für Quizshows

Allgemeinbildung. Welchen Stellenwert hat heute klassische Bildung im Sinn von Aufklärung und Humanismus, und wie kann man sie sich aneignen? Experten geben mögliche Antworten.

Allgemeinbildung erwirbt man nicht nur in Schule und Uni, man muss sich auch eigenverantwortlich darum bemühen.
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Allgemeinbildung erwirbt man nicht nur in Schule und Uni, man muss sich auch eigenverantwortlich darum bemühen.
Allgemeinbildung erwirbt man nicht nur in Schule und Uni, man muss sich auch eigenverantwortlich darum bemühen. – (c) imago/blickwinkel (allOver/VSL)

Angesichts der Debatte über Fake News, Filterblasen und die zunehmende Ideologisierung und Moralisierung der politischen und wissenschaftlichen Diskurse, einer grassierenden Ahnungslosigkeit auch der sogenannten Eliten in Hinblick auf die Grundlagen unserer Kultur, unter Bedacht auf die Dummheiten politisch korrekten Sprechens und Denkens bin ich geneigt zu sagen: Allgemeinbildung ist wichtiger denn je“, sagt Konrad Paul Liessmann, Essayist, Kulturpublizist und Leiter des Universitätslehrgangs „Philosophische Praxis“ an der Universität Wien. Am 24. September erscheint sein neuestes Buch mit dem Titel „Bildung als Provokation“. Darin beantwortet er auch die Frage, warum es so unangenehm ist, gebildeten Menschen zu begegnen. Doch was bedeutet das heutzutage: gebildet?

„Gebildet im Sinne von Allgemeinbildung ist nicht jemand, der besonders viel weiß, also ein umfangreiches lexikalisches Wissen hat, das beispielsweise für Quizshows relevant ist. Allgemeinbildung meint Kompetenzen, die sich aus Wissen und Fertigkeiten zusammensetzen und sich im Handeln in konkreten Situationen zeigen“, erläutert Gerhard Bisovsky, Generalsekretär des Verbands Österreichischer Volkshochschulen. Und verweist auf den Referenzrahmen für Schlüsselkompetenzen für das Lebenslange Lernen der EU, der unter anderem sprachliche und mathematische, aber auch unternehmerische Kompetenz, kulturelle Ausdrucksfähigkeit und Eigeninitiative umfasst. „Derzeit wird österreichweit ein VHS-Kernprogramm realisiert, das auf diesen Schlüsselkompetenzen basiert“, erläutert Bisovsky.

 

Lebenslanger Prozess

Bildung ist also nicht mehr das, was man in der Schule lernt, sondern ein lebenslanger Prozess. In ihn einzutreten erfordert Überwindung: „Zunächst müssen die eigenen Grenzen eines einseitigen beziehungsweise standardisierten Verständnisses von Kompetenz und Leistung, wie es heute in öffentlichen Diskussionen über Bildung, etwa in Kindergärten, Schulen und Universitäten oft vorherrscht, überwunden werden“, sagen Sabine Seichter und Wassilios Baros vom Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Salzburg. Stattdessen müsste Bildung als ein ganzheitlicher und biografischer Transformationsprozess entfaltet werden. Eine zu starke ökonomische Fokussierung auf Kompetenz, Effektivität und Output verkürze das Verständnis von Bildung, während „gleichzeitig Kategorien eines breiten Bildungsbegriffs, beispielsweise Kreativität, Einfallsreichtum und Individualität des Einzelnen, zunehmend von der neoliberalen Wettbewerbsmentalität vereinnahmt werden“.

Allgemeinbildung beginnt also bei einem selbst und der persönlichen Bereitschaft, über den Tellerrand hinauszublicken. Eine generelle Anlaufstelle für Allgemeinbildung gibt es nicht (mehr): „Wenn das Wissen plural, fragmentarisch und brüchig ist, kann ich es nicht einfach irgendwo abholen und mir nach einem vorgegebenen Schema aneignen. In diesem Sinne ist auch die Verschulung der Universität mit einer immer enger gezogenen Strukturierung von aufbauenden Modulen kein idealer Weg“, sagt Hans Karl Peterlini, Vorstand des Instituts für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung an der Universität Klagenfurt. Wichtig wäre vielmehr eine Schule, die nicht Wissen vermittelt, sondern das Lernen begleitet, aber eben nicht auf vorgegebenen Bahnen zu vorgegebenen Wissensbeständen.

 

Auf Hierarchien verzichten

Er plädiert für ein Lernen, das für Entdeckung, für Widerfahrnisse und Erfahrungen offen ist: „Eine solche Schule würde das Vertrauen in die Fähigkeit stiften, dass wir alle schon viel wissen und stets dazulernen können, dass es viele Wissensformen gibt, die kein Gebildeter hat, wohl aber womöglich ein Obdachloser. Das hieße, auf die Hierarchisierung von Wissen, von Bildung zu verzichten.“

Allgemeinbildung zur Gestaltung und Entwicklung der eigenen Persönlichkeit also. Eckpunkte dafür steckt Liessmann allerdings schon ab: „Das dazu notwendige Wissen und die dafür wichtigen Fähigkeiten kann man sich, hat man die grundlegenden Kulturtechniken erworben, an unterschiedlichen Orten und auf mannigfache Weise aneignen. Das Internet stellt eine hervorragende Möglichkeit dazu dar, wenn man weiß, wie man damit umzugehen hat. Ein Beispiel? Facebook eher nein, das Stöbern in digitalen Archiven der klassischen Literaturen eher ja!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2017)

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