Geisteswissenschaften

Studium aus Interesse, Karriere mit Umwegen

Ihr Studium gilt oft als brotlose Kunst. Um als Geisteswissenschaftler dennoch auf dem Arbeitsmarkt zu reüssieren, werden Zusatzqualifikationen immer wichtiger.

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Wenn eine Philologin im HR- und Marketing-Bereich „landet“, kann man kaum von einem vorgezeichneten Weg sprechen. Agnes Koller, heute Studienleiterin eines auf Recruiting-Themen spezialisierten Verlags, studierte ursprünglich Anglistik und Italianistik. „Im ersten Jahr nahm ich ein Praktikum in einem österreichischen Familienbetrieb an, der jemanden mit Italienisch- und Französischkenntnissen suchte. In der dortigen IT-Abteilung unterstützte ich europaweit Mitarbeiter telefonisch bei der Inbetriebnahme ihrer neuen Computer.“

Aus dem Teilzeit- wurde ein Vollzeitjob. Koller baute aufgrund ihrer Sprachkenntnisse nicht nur einen durchgängigen Support für die Regionalbüros auf, sondern konzipierte ein Aus- und Weiterbildungskonzept, arbeitete parallel mit der Marketingabteilung zusammen. In den darauffolgenden Jahren war sie sowohl im Marketing- als auch im HR-Bereich tätig, unter anderem als Leiterin für Marketing und Kommunikation eines Verlags- und Buchhandelsunternehmens. Berufsbegleitend absolvierte sie einen einjährigen Diplomlehrgang für Online-Marketing-Management und eine HR-Ausbildung. „Heute bin ich als Studienleiterin für D-ACH-weite Recruiters-Studien verantwortlich und kann meine unterschiedlichen Leidenschaften und erworbenen Kenntnisse einsetzen.“

Kollers Berufsweg ist nicht untypisch für Geisteswissenschaftler, deren Karrieren oft erst Fahrt aufnehmen, wenn zur breiten, jedoch oft nicht berufsqualifizierenden Erstausbildung eine fachspezifischere zweite hinzutritt.

 

Nicht explizit nachgefragt . . .

Die Publikationen des erwähnten Verlags liefern übrigens auch Daten zur Nachfrage der Wirtschaft nach Geisteswissenschaftlern. Laut dem „Akademiker-Guide 2017“ suchten nur zwei von 200 befragten österreichischen Arbeitgebern explizit nach Absolventen geisteswissenschaftlicher Studiengänge, im Vorjahr sogar nur einer. Warum trotz solcher ernüchternder Daten Geisteswissenschaftler dennoch – wenn auch auf Umwegen – zu guten Jobs kommen können, erklärt der „Career Monitor“, eine ebenfalls jährlich durchgeführte Befragung unter 4500 Personalverantwortlichen. Nur ein Drittel der Recruiter lege bei schriftlichen Bewerbungen Augenmerk auf den Studienbackground, gut drei Viertel hingegen auf Praktika. Für weit mehr als die Hälfte der Personalchefs seien die Motivation von Bewerbern und die Häufigkeit des Arbeitgeberwechsels wichtig.

Um diese Prioritäten wissen auch Studienberater. „Um sich auf dem Arbeitsmarkt positionieren zu können, empfehlen wir Studierenden der Geisteswissenschaften eine frühzeitige Orientierung, berufspraktische Erfahrungen und insbesondere den Erwerb von Zusatzqualifikationen. Ob Gelegenheitsjobs, Praktika, facheinschlägige Tätigkeiten, fast jede Erfahrung fördert die Berufsqualifikation“, sagt Gertraud Meusburger, Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle für Studierende Salzburg. Spätestens in der Endphase der Bachelorarbeit solle man sich mit dem Erwerb von Zusatzqualifikationen auseinandersetzen. Je nach Studienrichtung könnten ein wirtschaftliches oder naturwissenschaftliches Nebenfach, Auslandssemester oder -praktika oder eine Fortbildung in den Bereichen Medienkompetenz, interkulturelles Wissen, Sprachen, Website-Gestaltung, Coaching und Beratung das gewählte Studium ergänzen.

 

. . . dennoch weite Berufsfelder

Als spätere Berufsfelder kommen für Geisteswissenschaftler, die mit solchen Qualifikationen ausgestattet sind, aus Sicht der Studierendenberatung etwa die Medienbranche, das Verlagswesen, die Werbung, Kultur- und Eventmanagement, die Wissenschaft und auch die Wirtschaft (Unternehmensberatung, Marketing, Meinungs- und Umfrageforschung) infrage. Prinzipiell rät Meusburger, sich schon vor einem geisteswissenschaftlichen Studium zu überlegen, wie die berufliche Zukunft aussehen könnte. „Die Absolventenquote bei den Geisteswissenschaftlern ist sehr hoch, somit gibt es viel Konkurrenz um angemessen bezahlte Arbeitsplätze. Bereits während des Studiums sind wichtige Weichenstellungen für den späteren Berufseinstieg sehr zu empfehlen.“

Derlei Ratschläge dürften in der geisteswissenschaftlichen Welt angekommen sein. In Deutschland sind Geisteswissenschaften, wie die „Süddeutsche Zeitung“ feststellte, zwar nach wie vor keine Jobgarantie. Jedoch sei im Jahr 2015 die Zahl der Arbeitslosen in diesem Bereich laut Bundesagentur für Arbeit am zweitstärksten zurückgegangen, und das Entstehen neuer Tätigkeitsfelder sei zu beobachten – etwa für Programmierer, die auch kulturwissenschaftliche Kompetenzen mitbringen.

Hierzulande sind die Fallzahlen zwar laut Auskunft des AMS zu klein für aussagekräftige Trends. Zwischen Juli 2016 und Juli 2017 sanken jedenfalls die Anteile arbeitsloser Geisteswissenschaftler in etlichen Bereichen. So waren um gute sechs Prozent weniger Absolventen historisch-kultureller Studien und um drei Prozent weniger Absolventen philosophisch-humanwissenschaftlicher Studien arbeitslos. Auffallend waren dabei Rückgänge von je 13 Prozent bei Völkerkundlern und Theaterwissenschaftlern sowie um 15 Prozent bei Politikwissenschaftlern. Bei den philologisch-kulturwissenschaftlichen Studien sank die Arbeitslosenrate nur um ein Prozent. Auch hier gibt es jedoch positive Ausreißer, wie etwa Anglistik mit minus 15 Prozent.

Ein Ansteigen der Arbeitslosigkeit war hingegen in den Bereichen Sprachwissenschaft (15 Prozent), Soziologie (40 Prozent) oder – erstaunlich angesichts der aktuellen Zuwanderung – Arabistik (31 Prozent) zu verzeichnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2017)

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