Viel Geschichte, solide Wirtschaft

Bulgarien. Über das derzeitige EU-Rats-Vorsitzland Bulgarien wissen nur wenige Bescheid. Warum es lohnend sein kann, sich mit dem zehn Jahre jungen EU-Mitglied zu beschäftigen.

Bulgariens zweitgrößte Stadt, Plovdiv, besteht seit 7000 Jahren und wird 2019 Kulturhauptstadt.
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Bulgariens zweitgrößte Stadt, Plovdiv, besteht seit 7000 Jahren und wird 2019 Kulturhauptstadt.
Bulgariens zweitgrößte Stadt, Plovdiv, besteht seit 7000 Jahren und wird 2019 Kulturhauptstadt. – (c) nikolay100 - stock.adobe.com (Nikolay Stoimenov (nikolay100ime)

Was hat Bulgarien zu bieten? „Gescheite Köpfe – zum Beispiel Mathematiker und Programmierer –, ein attraktives Investitionsklima, und eine gute Anbindung an Österreich mit drei und mehr Flugverbindungen zwischen Sofia und Wien.“ Diese Qualitäten fallen Ulrike Straka, Österreichs Wirtschaftsdelegierter in Sofia, als Erstes ein. Es gebe jedoch in dem Balkanland auch andere Vorzüge zu entdecken. „Wussten Sie, dass Bulgarien eine bessere Internetanbindung im öffentlichen Raum hat als Österreich? Dass in Bulgarien das älteste bearbeitete Gold der Welt gefunden wurde, älter als ägyptische Goldfunde? Dass die Bulgaren hervorragende Rotweine herstellen wie schon die Thraker vor ihnen? Dass Bulgarien nach Island die meisten heißen Mineralquellen Europas hat?“

Bulgarien gelte zwar als ärmstes Land der EU, weise aber im Vergleich solide volkswirtschaftliche Daten auf, sagt Straka. Die Staatsverschuldung liegt fast im Rahmen der Maastricht-Kriterien. „Bulgarien ist wegen seiner niedrigen Körperschaftssteuer und Lohnkosten, der geografischen Lage und seiner EU-Zugehörigkeit auch für europäische Investoren ein guter Standort. Österreichische Firmen, die bisher in Bulgarien investiert haben, sind trotz etwas niedrigerer Produktivität als in Österreich zufrieden und weiten ihre Standorte aus.“

So wichtig wirtschaftliche Daten für die Annäherung an ein Land sein können, so lohnenswert kann auch die Beschäftigung mit dessen Kultur sein. Bulgarien, dessen zweitgrößte Stadt Plovdiv auf 7000 Jahre Geschichte zurückblickt und im Jahr 2019 europäische Kulturhauptstadt sein wird, ist nicht nur seit mehr als 13 Jahrhunderten auf der europäischen Kulturkarte vertreten. Es prägte die älteste slawische Schriftsprache – das Altkirchenslawische, das im neunten Jahrhundert Staatssprache im Bulgarischen Reich wurde.

 

Schnuppern in Sprache und Kultur

Ausreichend Möglichkeiten, in die bulgarische Kultur einzutauchen, bietet in Wien das Bulgarische Kulturinstitut Haus Wittgenstein. Die im ehemaligem Wohnpalais von Margarethe Stonborough-Wittgenstein angesiedelte Institution versteht sich als Teil der bulgarischen Auslandsvertretung und organisiert ein dichtes Programm an Ausstellungen, Konzerten und anderen Veranstaltungen.

„Die EU-Ratspräsidentschaft im Europäischen Jahr des Kulturerbes und die Wahl Plovdivs zur Kulturhauptstadt sind wichtig zunächst für die Popularisierung der bulgarischen Kultur in Europa, gleichzeitig könnte dadurch der Kulturtourismus gefördert werden“, sagt Rumyana Koneva, Botschaftsrätin und Direktorin des Bulgarischen Kulturinstituts. „Bulgarien hat viel auch über die Vorfahren – die Thraker – zu erzählen.“

Seit dem vergangenen Jahr bietet das Haus Wittgenstein auch Sprachkurse für Erwachsene an. „Sie sind zum Beispiel für Kulturschaffende gedacht, die ein Interesse an Bulgarien haben, oder für andere Personen, die in der Kultur, der Wirtschaft, im Handel oder Tourismus Beziehungen zu Bulgarien haben.“ Vorgesehen sei außerdem eine Kooperation mit anderen Kulturinstituten in Wien, um alle Sprachkurse in einem gemeinsamen System anzubieten.

Auch das moderne Bulgarien sei aus kulturwissenschaftlicher Sicht sehr interessant ist, sagt Bisera Dakova, Literaturwissenschaftlerin und Gastlektorin am Institut für Slawistik der Universität Wien. Die gegenwärtige, moderne bulgarische Kultur sei den anderen europäischen Kulturen vollkommen ebenbürtig. „Sie wurde rechtzeitig in einem allgemeinen Kommunikationsraum mit einbezogen und ist in diesem Sinne nicht isoliert und exotisch“, sagt Dakova. „Das heißt, die Vorstellung über Bulgarien heutzutage ist nicht nur auf das Ethnografisch/Touristische zu beschränken – Volkstänze, gesunde Küche, Goldschätze, die Mystik des orthodoxen Christentums –, sondern auch auf den kulturellen Beitrag in der Kunst und Literatur, was aktuelle, seit Langem ins Deutsche übersetzte Autoren wie Georgi Gospodinov, Theodora Dimova oder Vladimir Zarev belegen.

 

Bulgaristische Studienschwerpunkte

Dakova erzählt von aktuellen wissenschaftlichen Initiativen, die in der Zusammenschau vermitteln, was Bulgaristik bedeutet, etwa einem gerade abgehaltenen Kongress zur Altslawistik oder der internationalen Konferenz zu „Bulgarien in der Europäischen Union“ im Haus Wittgenstein. Bis dato gab es die Möglichkeit, nach dem allgemeinen Slawistik-Bachelor ein weiterführendes Studium in Bulgaristik zu absolvieren. Seit Ende letzten Jahres werden aufgrund einer breiteren Ausrichtung das Master- und Doktoratsstudium der Bulgaristik unter der allgemeinen Slawistik geführt, Absolventen haben aber die Möglichkeit, die bulgaristischen Disziplinen als Schwerpunkt im Zeugnis vermerken zu lassen.

Neben wissenschaftlichen oder rein sprachlichen Interessen könne das Studium der Bulgaristik ganz pragmatische Gründe haben, sagt Dakova. „Wenn jemand in Bulgarien angestellt oder Vertreter einer Firma ist, braucht er die Kompetenz in der Sprache und Landeskunde. Und ich würde sagen, dass trotz der großen ökonomischen Schwierigkeiten, die bei dem Bild Bulgariens unvermeidlich mitschwingen, es sich um ein Land handelt, das immer mehr berufliche Perspektiven erschließt.“

Web:www.haus-wittgenstein.at,

 

slawistik.univie.ac.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2018)

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