Islamstudien: Vorurteilen akademisch begegnen

Vorurteile prägen bei vielen das Bild des Islam. Verschiedene Studiengänge aus dem Themenfeld Islam haben ihre eigene Herangehensweise, um das zu ändern.

INDIA-Der Blick auf den Islam – hier Feiern zum Ende des Ramadans in Neu-Delhi – ist vielfach durch Vorurteile verstellt.  -ISLAM-EID
INDIA-Der Blick auf den Islam – hier Feiern zum Ende des Ramadans in Neu-Delhi – ist vielfach durch Vorurteile verstellt.  -ISLAM-EID
Der Blick auf den Islam – hier Feiern zum Ende des Ramadans in Neu-Delhi – ist vielfach durch Vorurteile verstellt. – (c) APA/AFP/CHANDAN KHANNA

In der öffentlichen Wahrnehmung hat der Islam derzeit einen schweren Stand. Laut einer aktuellen Studie des US-amerikanischen Thinktanks Pew Research Center äußern sich praktizierende Christen sogar öfters negativ zu Migration und Muslimen als Nichtchristen. „Ich bin selbst immer wieder erschrocken über die Stereotypen, die man mit dem Islam in Verbindung bringt“, sagt Ulrich Winkler, Leiter des Lehrgangs Spirituelle Theologie im interreligiösen Prozess an der Uni Salzburg. Während Menschen ihre Meinung aufgrund von Forschungen etwa in naturwissenschaftlichen Fächern häufig ändern, sei man bezüglich neuen theologischen Erkenntnissen sehr resistent: „Glaubenssätze geben den Menschen Sicherheit in einer Zeit, die von Trubel geprägt ist, in der sie viele Entscheidungen treffen müssen und sich oft ausgeliefert fühlen.“ Zwei Seminare des Lehrganges beschäftigen sich mit dem Islam. „Wir wissen aus Evaluierungen, dass jene Lehrveranstaltungen, die sich mit dem Islam beschäftigen, die Studierenden am meisten bewegen“, sagt Winkler.

Ausschließlich mit islamisch-theologischen Studien kann man sich seit vergangenem Wintersemester an der Uni Wien befassen. „Die Universität Wien hat das Studium mit dem Ziel eingerichtet, Platz für den wissenschaftlichen Diskurs zu schaffen und eine europäische Prägung des Islam zu befördern“, sagt Pressesprecherin Cornelia Blum. Berufsfelder sind neben einer Forschungstätigkeit an der Universität Gemeinde-, Seelsorge- und Sozialarbeit sowie Tätigkeiten in verschiedenen Kultur- und Bildungseinrichtungen. „Das Studium ist keine Ausbildung zum Imam, so wie das Studium der Katholischen Theologie keine Priesterausbildung ist“, betont Blum.

Generell sollten Studien zum Thema Islam kritisch hinterfragt werden, sagt Zekirija Sejdini. Er leitet das Institut für Islamische Theologie und Religionspädagogik an der Fakultät für Lehrerinnenbildung der Universität Innsbruck: „Sie sollten uns vielmehr dazu veranlassen, die Bemühungen um pluralitätsfähige Bildung voranzutreiben und die kritische Reflexion aller Beteiligten zu verstärken. Die Veränderung von Vorurteilen ist insbesondere durch Begegnung und gemeinsames Lernen möglich.“

 

Kooperation der Konfessionen

„An der Universität Innsbruck gibt es eine intensive Zusammenarbeit zwischen katholischer und islamischer Religionspädagogik in Forschung und Lehre, die viel bewirken kann“, sagt Sejdini. Eine Reihe von Lehrveranstaltungen innerhalb des Bachelor- und Masterstudiums wird interreligiös angeboten, „sodass muslimische und katholische Studierende sich gemeinsam auf ihren Beruf als Religionslehrer vorbereiten und die unterschiedlichen Sichtweisen und Gepflogenheiten kennenlernen können“. So entständen Wertschätzung und Respekt, nicht zuletzt auch durch Sensibilisierung für Fragen der Geschlechterforschung. „Angesichts der fehlenden Sensibilität im Umgang mit der Pluralität sowohl in den Medien als auch unter Politikern ist die Beschäftigung im interkulturellen und interreligiösen Bereich für niemanden mehr einfach. Aber die Religionspädagogen können einen großen Beitrag zur Verständigung leisten, wenn sie über entsprechende Kompetenzen verfügen und diese in der Schule anwenden“, sagt Sejdini.

 

Pädagogisches Know-how

Für die Fortbildung islamischer Religionslehrer in Österreich sowie für deren Basisausbildung zuständig ist die Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien/Krems. „Unsere Stärke ist, dass unsere Religionspädagogen sowohl theologisch als auch pädagogisch ausgebildet werden. Vor allem durch das Pädagogikstudium lernen, sie als Brückenbauer zwischen der muslimischen Community und der Mainstream-Gesellschaft zu fungieren. Denn nur der Dialog mit allen religiösen, sozialen und politischen Instanzen kann Skepsis abschaffen“, sagt Adem Aygün, Institutsleiter für Islamische Religion. Dass die Skepsis in der österreichischen Bevölkerung aktuell wächst, kann er bestätigen, hält aber akademisch dagegen: „In unserem Institut Islamische Religion an der KPH Wien/Krems setzen sich die Studierenden, wie es in der Wissenschaftstradition üblich ist, mit unterschiedlichen Lehrmeinungen und Auffassungen auseinander. Dadurch eignen sie sich Kompetenzen an, um Vorurteile und Missverständnisse bezüglich des Islam sowohl als Glaubenslehre als auch als praktizierter Glauben zu analysieren und Lösungsvorschläge zu entwickeln.“ Konkret wolle das Studium unter anderem die angehenden Religionslehrer in Bezug auf Dialogbereitschaft, Offenheit und Respekt gegenüber anderen Überzeugungen sensibilisieren.

Web: www.univie.ac.at; www.uibk.ac.at
www.uni-salzburg.at, www.kphvie.ac.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2018)

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