Astronomie: Kein Beobachten ohne Berechnen

Wien wird mit dem IAU-Kongress kommende Woche zum Mekka für Astronomen. Wer in dieser Community mitreden will, muss auch viel von Physik und Mathematik verstehen.

Die Entdeckung zahlreicher Exoplaneten hat das Interesse an Astronomie merklich angefacht.
Die Entdeckung zahlreicher Exoplaneten hat das Interesse an Astronomie merklich angefacht.
Die Entdeckung zahlreicher Exoplaneten hat das Interesse an Astronomie merklich angefacht. – (c) ESO (künstlerische Darstellung

Astronomie und Astrophysik sind faszinierende Fachgebiete. Die Wissenschaftler studieren das Werden und Vergehen von Sternen, den Anfang und das Ende des Universums und erkunden die entferntesten Regionen des Alls. Die Entdeckung von Planeten außerhalb unseres Sonnensystems bringt neue Inputs für die Frage, ob anderswo im All auch Leben möglich ist. Dabei nutzen sie Teleskope auf entlegenen Berggipfeln und sogar im All, die Messgeräte mit extremer Genauigkeit beherbergen und analysieren die Daten und ihre Modelle mit Hochleistungscomputern. Nur eines machen Astronomen heute so gut wie nie: Mit dem freien Auge durch ein Fernrohr schauen. Ein Missverständnis, das noch immer bei so manchem Studienanfänger für Enttäuschung sorgt. „Nur einem Teil ist das bewusst“, berichtet Josef Hron, Professor und Studienprogrammleiter für Astronomie an der Universität Wien. Neben dem grundsätzlichen Missverständnis über die Tätigkeit sind es vor allem fehlende Grundlagen in Mathematik, die laut Hron für eine Drop-out-Quote von 50 Prozent in der Studieneingangsphase sorgen.

 

Gestiegenes Interesse

Dennoch erfreut sich die Astronomie wachsender Beliebtheit. Die Studentenzahl habe sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt und nun mit etwa 200 Anfängern den Plafond erreicht, berichtet Hron. In Wien, wo das Studium noch traditionell Astronomie heißt, sei man thematisch breit aufgestellt, sowohl in der beobachtenden als auch in der theoretischen/numerischen Astronomie. Infolge der jüngeren Entdeckungen seien Lehrveranstaltungen über Planeten besonders gefragt. „Andere Themen kommen fast zu kurz“, so Hron. Dass Astronomie in der Praxis die Beschäftigung mit der Physik von Materie in Extremzuständen bedeutet, dem wurde auch im neuen Studienplan Rechnung getragen, der mehr theoretische Physik inklusive Quantenmechanik beinhaltet.

Mit den Sternen kann man sich auch in Innsbruck beschäftigen, und zwar im Rahmen des Physikstudiums als Spezialisierung auf Astrophysik. Genauer gesagt befasst man sich am Innsbrucker Institut für Astro- und Teilchenphysik vor allem mit kosmischen Teilchen, erklärt Konstanze Zwintz. Sie ist frischgebackene Professorin in Innsbruck, ihre Fachgebiete, frühe Sternentwicklung und Astroseismologie, sind auch weitere Schwerpunkte der dortigen Forschung. Zwar sei das Studium sehr von Physik geprägt, eine gewisse Liebe zu den Sternen gehöre aber dazu. Zwintz sieht den Imagewandel vom „Sterngucker“ zur „handfesten Wissenschaft“ als einen Grund für das vermehrte Interesse, das auch in Innsbruck spürbar sei. Sie betont die Dynamik des Forschungsfelds, in dem in den vergangenen zehn Jahren technologisch große Fortschritte erzielt wurden. „Auch Vorlesungen mit dem gleichen Namen sind von einem auf das andere Mal nicht identisch.“

Ebenfalls als Spezialisierung der Physik wird das Astrophysikstudium an der Uni Graz angeboten. Laut Astrophysik-Institutsleiter Arnold Hanslmeier ist oft das Interesse an Astronomie die „Einstiegsdroge“ für ein Physikstudium. Etwa ein Fünftel der Physikstudenten, rund 25 pro Jahr, würden sich auf Astrophysik spezialisieren. Neben dem aktuellen Thema Dunkle Materie ist die Sonnenphysik traditioneller Schwerpunkt der Uni Graz, die auf der Kanzelhöhe in Kärnten ein eigenes Sonnenobservatorium betreibt. Zudem ist sie am geplanten European Solar Telescope (EAT) beteiligt, was laut Hanslmeier auch den Studenten zugutekommen wird.

 

Mobilität entscheidend

Mit der geplanten Zusammenlegung der Physikinstitute von Uni und TU Graz, die im Nawi-Graz-Verbund das Physikstudium bereits gemeinsam anbieten, hofft Hanslmeier, dass die Astrophysik auch den Studenten der technischen Physik im wörtlichen Sinn näher gebracht wird. Seit Wintersemester 17/18 wird der Physikmaster inklusive Astrophysik in Graz auf Englisch abgehalten.

Die (internationale) Mobilität ist – neben Exzellenz und Durchhaltevermögen – eine Hauptvoraussetzung, um als Astronom oder Astrophysiker Karriere zu machen. Was allerdings nur einem Bruchteil der Absolventen gelingt. Dennoch sind die Jobaussichten gut, da ihre Fähigkeiten in verschiedensten Sparten von IT bis Consulting gefragt sind. „Nach einem Jahr hat fast jeder einen Job“, sagt Horn. Auch Hanslmeier meint, dass „das Studium noch jedem etwas gebracht hat“. Der Frauenanteil ist übrigens für ein Mint-Studium überdurchschnittlich. In Wien sei er mit 30 Prozent „nicht so schlecht“, sagt Hron. In Graz sind die Männer in der Astrophysik sogar in der Minderheit.

Information

IAU-Generalversammlung in Wien
Die Internationale Astronomische Union (IAU) hält vom 20. bis 31. August in Wien ihre 30. Generalversammlung ab. Neben Fachtagungen finden öffentliche Veranstaltungen etwa im Austria Center, dem Planetarium oder im Naturhistorischen Museum statt. Highlights sind ein Vortrag zum Hubble-Teleskop an der Akademie der Wissenschaften am 24. und der IAU Youth-Day am 31. August.

https://astronomy2018.univie.ac.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2018)

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