Vision: Eine Fakultät für Lehrerbildung

Statt Hauptschul-, NMS- und Gymnasiallehrern wird es künftig einheitlich ausgebildete Sekundarstufenlehrer geben. Ein Ausblick auf Vorteile und Herausforderungen des neuen Lehramtsstudiums.

In Zukunft müssen Lehrer in AHS und NMS ein einheitliches Studium absolviert haben.
In Zukunft müssen Lehrer in AHS und NMS ein einheitliches Studium absolviert haben.
In Zukunft müssen Lehrer in AHS und NMS ein einheitliches Studium absolviert haben. – (c) imago/Westend61 (Giorgio Fochesato)

Etwas pathetisch könnte man den Anfang des kommenden Semesters als eine Zeitenwende in der österreichischen Lehrerausbildung bezeichnen. Vor wenigen Wochen graduierten die letzten Absolventen des dreijährigen Studiums zum Hauptschul- oder NMS-Lehrer, was das Ende einer viele Jahrzehnte bestehenden Ausbildung bedeutet.

Wer künftig in der Sekundarstufe (egal ob NMS oder Gymnasium) unterrichten will, muss ein vierjähriges Bachelorstudium absolvieren. Bedingung für eine Fixanstellung als Lehrer ist danach ein zweijähriges Masterstudium. Junglehrer, die nach dem Bachelorabschluss an einer Schule zu unterrichten beginnen, haben fünf Jahre Zeit, es (auch berufsbegleitend) zu absolvieren.

Im Unterschied zu früher wird die Ausbildung von Sekundarstufenlehrern von allen Lehrerausbildungsstätten benachbarter Bundesländer gemeinsam konzipiert und organisiert. Alle Unis und Kunstunis, Pädagogischen und Religionspädagogischen Hochschulen einer Region sind beauftragt, im sogenannten Bildungsverbund gemeinsam die Lehrpläne für alle Fächer zu entwickeln. Im Idealfall werden sich somit die Assets aller Institutionen in allen Ausbildungen wiederfinden. Das gemeinsame Lehramt sollte gleichermaßen von der Didaktikdomäne der Pädagogischen Hochschulen wie von der Fachkompetenz der Universitäten geprägt sein. Die Ausbildungszeit der neuen Sekundarstufenlehrer wird mit inklusive Masterstudium mindestens sechs Jahren im Vergleich zur bisherigen NMS-Lehrerausbildung doppelt so lang sein. Die qualitative Verbesserung wird allerdings den Lehrermangel verschärfen, der ohnehin aus rein demografischen Gründen bevorsteht. „In den nächsten vier bis fünf Jahren wird es – regional unterschiedlich – starke Mängel vor allem in Deutsch, Englisch, Mathematik und Sport geben“, sagt Erich Müller, Vizerektor für Lehre an der Universität Salzburg.

 

Nach Bachelor nicht gleich an die Schule

Der aus den Bundesländern Salzburg und Oberösterreich bestehende Bildungsverbund Mitte, in dem schon 2013 das neue Bachelorstudium eingeführt wurde, wird als erster Standort ab kommendem Herbst auch das Masterstudium für die Sekundarstufen anbieten, und zwar in Vollzeit. Ein berufsbegleitendes Masterstudium, wie es in den Plänen des Bildungsministeriums als Möglichkeit vorgesehen ist, hält Müller für lebensfern. Immerhin hätten heutige Junglehrer mit mindestens 40-Stunden-Wochenarbeitszeit und zusätzlichem Zeitaufwand für die Einarbeitung in die Unterrichtspraxis zu rechnen. „Zu glauben, man könne daneben ein Masterstudium absolvieren, ist eine Illusion. Ich würde daher allen Bachelorabsolventen sehr empfehlen, nicht gleich an eine Schule zu gehen, sondern unmittelbar nach dem Abschluss das Masterstudium aufzunehmen. Sollte sich in dieser Zeit die Möglichkeit einer Anstellung an einer Schule bieten, würde ich frühestens ab dem dritten Semester dazu raten“, sagt Müller.

Aufgrund des sich abzeichnenden Lehrermangels ist nicht unwahrscheinlich, dass Schulen künftig nach dem Motto „Besser ein Spatz in der Hand . . .“ Festanstellungen auch ohne Masterabschluss ermöglichen. Sich darauf zu verlassen, könnte sich jedoch mittelfristig als Fehler erweisen, meint Müller. Falls sich die Zeiten wieder änderten, sei das Risiko hoch, dann durch Neueinsteiger mit Masterabschluss ersetzt zu werden.

 

Wer geht an die NMS?

Im Raum steht auch die Frage, ob sich die künftigen Lehramtsabsolventen, denen alle Schulformen offenstehen, nicht großteils für Gymnasien entscheiden und speziell NMS auf dem Land nicht mehr genug qualifizierte Lehrkräfte bekommen werden. Elfriede Windischbauer, Rektorin der Pädagogischen Hochschule Salzburg, sieht die NMS aber auch in Zukunft nicht im Nachteil: „Ich denke, dass die Aussicht auf einen sicheren Job die Berufsentscheidungen ebenso beeinflusst wie die Frage AHS oder NMS. Darüber hinaus wollen auch manche Lehrer lieber nur Unterstufe unterrichten – das ist in den Neuen Mittelschulen gesichert. Und viele unserer Absolventen wollen in erster Linie in ihrem Heimatort unterrichten – nicht in jedem gibt es ein Gymnasium.“

Insgesamt plädiert Windischbauer dafür, auf das Problem des Lehrermangels aktiv zuzugehen: Um später entstehende Engpässe abfedern zu können, setze man schon jetzt eine Reihe gezielter Werbemaßnahmen in Maturaklassen, sozialen Netzwerken und Medien. Allerdings hänge die Zahl der Studierenden auch von der Attraktivität des Berufes selbst ab. „Hier ist es wichtig, dass auch die Arbeitgeber – Bund und Länder – mit im Boot sind“, sagt Windischbauer.

Die Bedeutung all dieser Bemühungen unterstreicht auch Uni-Vizerektor Müller. So sei etwa in Salzburg durch die verstärkte Bewerbung des Lehramts in naturwissenschaftlichen Fächern die Zahl der Studierenden erfreulich gestiegen. Hier sei viel in Fachdidaktik investiert worden. Ein Beispiel für die Unterstützung seitens des Landes in diesem Bereich sei die Einrichtung von Schülerlaboren für die Mint-Fächer.

Sowohl Müller als auch Windischbauer erleben die Zusammenarbeit aller Hochschulstandorte in puncto Lehramtsstudium als sehr produktiv. Auf lange Sicht wäre für Müller jedoch sinnvoller, Pädagogische Hochschulen in die Universitäten zu integrieren. „Es gibt kein Argument dafür, beide Strukturen parallel zu führen. Meine Vision wäre eine große Fakultät für Lehrerbildung, in die die Stärken beider Einrichtungen einfließen könnten.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2018)

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