„Brücken zur Wirtschaft“

Werden Professorenstellen durch externe Mittel finanziert, eröffnet das der Forschung neue Möglichkeiten. Eventuelle Einflussnahme soll per Statut oder Vereinbarung ausgeschlossen sein.

Mit einer Stiftungsprofessur sollen langfristige Aktivitäten auf einem neuen Forschungsfeld angestoßen werden.
Mit einer Stiftungsprofessur sollen langfristige Aktivitäten auf einem neuen Forschungsfeld angestoßen werden.
Mit einer Stiftungsprofessur sollen langfristige Aktivitäten auf einem neuen Forschungsfeld angestoßen werden. – (c) imago/Olaf Döring (imago stock&people)

Stiftungsprofessuren sind eine sehr gezielte Maßnahme, um bei neuen Forschungsthemen Akzente an den Universitäten zu setzen. Ziel des Programms ist es, neue Themen und Kompetenzen aufzubauen und an den Universitäten zu etablieren, die ohne Förderung eventuell gar nicht möglich wären“, erklärt die Geschäftsführerin der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG, Henrietta Egerth-Stadlhuber. Die Berufung von Forschern erfolgt nach dem Universitätsgesetz und ist auf Themenfelder beschränkt, die von besonderer strategischer Relevanz für den Innovationsstandort Österreich sind. „Stiftungsprofessoren sind ohne Unterschied zu ihren ,normalen‘ Kollegen in den Lehr- und Forschungsbetrieb der Universitäten eingebunden und stellen damit auch eine personelle Verstärkung für die Hochschulen dar“, sagt Egerth-Stadlhuber. Auch müssten die antragstellenden Unis klar darlegen, wie sie die Professur nach Ablauf der Förderung weiterführen werden. Die Finanzierung der Gesamtkosten von Stiftungsprofessuren erfolgt einerseits über die Förderung der FFG, anderseits über Eigenmittel der Universität und Barleistungen von mitfinanzierenden Partnern.

 

Vier neue Professuren

Im September wurden vier neue Stiftungsprofessuren eingerichtet. Sie werden mit insgesamt sechs Millionen Euro gefördert. Das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie finanziert über die Tochter FFG 50 Prozent der Kosten, die andere Hälfte teilen sich Industrie, Wirtschaft und die jeweilige Universität. Gleich zweimal profitiert die Technische Universität Graz von diesem Förderprogramm.

Sie konnte dadurch die österreichweit erste Stiftungsprofessur für Luftfahrt mit dem brasilianischen Werkstoffwissenschaftler Sergio Amancio besetzen. Größter Industriepartner ist die Voestalpine. Ziel der Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sei es, „ein international sichtbares Zentrum auf dem Gebiet Luftfahrtwerkstoffe und -Fertigungstechnologien zu werden. Mit der neuen Stiftungsprofessur für Luftfahrt und dem an der TU Graz verfügbaren Expertenteam entsteht in Graz ein wissenschaftlicher Hotspot, der eng mit der regionalen Luftfahrtzulieferindustrie verbunden ist“, sagt Harald Kainz, Rektor der TU Graz.

Die zweite Stiftungsprofessur liegt im Bereich Data Science und Big Data Management. Angetreten wurde sie von Mathias Böhm, der sich auf Big Data Management und Integration mit Ausrichtung auf Smart-Production-Anwendungen konzentrieren wird. Wirtschaftspartner sind AVL List, Infineon, Magna und die Voestalpine.

Stiftungsprofessuren der FFG werden für 60 Monate vergeben. Diese haben zwei weitere Wissenschaftler an Hochschulen in Linz und Wien vor sich. Cristina Olaverri arbeitet an der Johannes-Kepler-Universität Linz in den Themenbereichen Mobilität und Transportlogistik. Der neue Forschungsbereich „Physical Internet“ beschäftigt sich mit der nachhaltigen Reorganisation der Transportlogistik und Gütermobilität in Ballungszentren, um positive ökonomische, ökologische und gesellschaftliche Effekte zu erzielen. Als Finanzierungspartner sind unter anderem DB Schenker und die Österreichische Post an Bord. Und an der TU Wien arbeitet Sebastian Schlund im Bereich Cyber Physical Production and Assembly Systems mit Fokus auf der Forschung und Entwicklung der Interoperabilität von Technologie, Mensch und Organisation. Unterstützt wird die Professur von Unternehmen wie BRP-Powertrain und Siemens.

 

Neue Ideen ermöglichen

„Stiftungsprofessuren bauen Brücken zur Wirtschaft. Sie helfen mit, dass Universitäten und Wirtschaft näher zusammenrücken, und ermöglichen so neue Ideen und Kooperationen, die sonst vielleicht nicht möglich wären. Gleichzeitig ist in den Förderbedingungen festgelegt, dass die Unternehmen keinen Einfluss auf die Professoren und ihre Arbeit nehmen dürfen“, erklärt FFG-Geschäftsführer Klaus Pseiner. Bei diesem Programm zähle nicht die Quantität, sondern die Qualität: „Es geht darum, ganz gezielte Impulse zu setzen und neue Kompetenzen, neue Themen und zusätzliche Lehr- und Forschungskapazität an den Universitäten aufzubauen.“

Am Institut für Textilchemie und Textilphysik der Universität Innsbruck mit Standort in Dornbirn wurde 2016 die FFG-Stiftungsprofessur für textile Verbundwerkstoffe und technische Textilien besetzt. Wirtschaftspartner ist unter anderem der Verein zur Förderung der Forschung und Entwicklung in der Textilwirtschaft. Eine direkte Einflussnahme auf die Forschung untersagt der Code of Conduct der Universität, der sowohl die Unabhängigkeit der Stellenbesetzung als auch die Freiheit von Forschung und Lehre festschreibt. Trotzdem kommen Förderungen oft zur richtigen Zeit: „In vielen Fällen ist der Bedarf an den meist neuen Themenfeldern schon länger bekannt, aber eine zusätzliche Professur kann noch nicht aus dem Universitätsbudget finanziert werden. Wenn hier die Finanzierung über Bund/Land, eine Stiftung, ein Unternehmen oder auch Privatpersonen möglich ist, hilft das natürlich sehr dabei, ein solches neues Fach schnell zu starten und damit zeitnah auf eine Nachfrage aus der Gesellschaft zu reagieren“, erläutert Sara Matt-Leubner, Leiterin der Transferstelle Wissenschaft-Wirtschaft-Gesellschaft an der Universität Innsbruck.

 

Nicht nur für die Wirtschaft

Der laufende Ausbau der Fakultät für Technische Wissenschaften hätte beispielsweise nur deshalb so zügig voranschreiten können, weil das Land Tirol durch zwei Stiftungsprofessuren in den Bereichen Werkstoffeigenschaften mit Schwerpunkt Mechatronik und Maschinenelemente und Konstruktionstechnik Unterstützung gewährt habe. „Zusätzlich haben wir hier mit MED-EL und Infineon auch zwei industrielle Stifter, die uns die Einrichtung zweier weiterer Professuren im Bereich Mikroelektronik und implantierbare Systeme sowie Leistungselektronik finanzieren.“

Doch nicht nur in den technischen Disziplinen würden Stiftungsprofessuren die Forschung befeuern: „Zum Beispiel konnten wir mit der Gedächtnisstiftung Peter Kaiser eine Professur am Institut für Christliche Philosophie verwirklichen oder mithilfe der Stiftung Südtiroler Sparkasse einen neuen Lehrstuhl für interkulturelle Kommunikation“, zählt Matt-Leubner auf.

INFORMATION

Stiftungsprofessuren können an öffentlichen Universitäten in Fächern vergeben werden, die von besonderer Relevanz für den Innovationsstandort Österreich sind. Die Finanzierung erfolgt über die FFG, Unterstützer aus der Wirtschaft sowie die Uni selbst. Die Förderung ist befristet (bei der FFG auf fünf Jahre), die neue Professorenstelle permanent. Ein Konzept zur Fortführung seitens der Universität also unverzichtbar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2018)

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