Handwerker, die wohl bald den Hut nehmen müssen

Berufsbilder. Der gesellschaftliche und technologische Wandel lässt einige traditionelle Berufe verschwinden.

Die Vergolder bilden noch Lehrlinge aus – auch wenn die Aufträge immer rarer werden.
Die Vergolder bilden noch Lehrlinge aus – auch wenn die Aufträge immer rarer werden.
Die Vergolder bilden noch Lehrlinge aus – auch wenn die Aufträge immer rarer werden. – (c) Robin Weigelt

Wer kennt heute noch Lumpensammler, Laternenträger oder Planetenverkäufer? Auch diese Berufe waren in ihrer jeweiligen Zeit wichtig. Lumpensammler gab es, als Papier noch aus alten Lumpen hergestellt wurde, Laternenträger erfüllten die Funktion einer öffentlichen Beleuchtung und Planetenverkäufer verkauften Glücksbriefchen, sogenannte Planeten, die mehrere Nummern enthielten, die die Käufer dann in der Lotterie setzten.

Auch heute gibt es Professionen, die in 100 Jahren möglicherweise niemand mehr kennen wird. Die Schlagworte unserer Zeit lauten Digitalisierung und Technisierung. Und im Zuge dessen wird wohl der eine oder andere Beruf obsolet werden, wobei das in erster Linie für Lehrberufe, die mit einem Handwerk zusammenhängen, gilt.

Alexander Eppler, Innungsmeister der Wiener Dachdecker, Glaser und Spengler und Bildungsbeauftragter der Wirtschaftskammer Wien, nennt einige Lehrberufe, denen er keine große Zukunft voraussagt: „Stuckateure, Trockenbauer, Gürtler, Sattler sind nur einige Berufe, in denen es immer schwerer wird, Lehrlinge auszubilden, weil die Nachfrage einfach nicht groß genug ist.“ Das gilt etwa auch für die Binnenschifffahrt – „da gibt es überhaupt nur eine Klasse für alle Lehrstufen“ –, für Glasbläser, Buchbinder, Bürstenmacher, Drechsler oder Glockengießer.

Auch Vergolder sehen der Zukunft nicht sehr optimistisch entgegen, obwohl sich Waltraud Luegger, Branchensprecherin in der WKW, vehement dagegen stemmt. Ihr ist es zu verdanken, dass das Handwerk der Vergolder und Staffierer in die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde. „Die meisten Menschen wissen gar nicht, was wir eigentlich tun. Dabei hat unser Beruf eine lange Tradition, sämtliche Vergoldungen in Kirchen, Palästen, Herrschaftshäusern wurden von den Vergoldern durchgeführt. Um das auch in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen, veranstalten wir im Diözesanmuseum St. Pölten von Dezember 2018 bis Februar 2019 eine Ausstellung über die Tätigkeit unseres Berufes.“

 

„Lehrberuf gerät in Vergessenheit“

Dass es aber immer schwieriger wird, zu Aufträgen zu kommen, kann auch Luegger nicht verhehlen, „manchmal sind wir schon die Restauratoren unserer eigenen Vergoldungen“, wie sie ironisch anmerkt. Trotzdem bildet sie einen Lehrling aus, macht sich aber sehr wohl Gedanken um die Zukunft, die sich ihm bietet. „Der letzte große Boom für unseren Beruf war die Zeit, als Jugendstil und Art déco wieder in waren. Heute leben wir hauptsächlich von Hotelprojekten oder von Vergoldungen von Möbelstücken, die reiche Leute in Auftrag geben.“ Sie führt den Rückgang der Aufträge in ihrem Bereich auch auf die zunehmende akademische Konkurrenz zurück. „Dadurch kommen die Lehrberufe zu kurz oder geraten in Vergessenheit.“

Ein veritables Problem tut sich dann auch mit der theoretischen Ausbildung in den Berufsschulen auf, der in ganz Europa gelobten dualen Ausbildung. In bestimmten Berufen gibt es einfach zu wenige Lehrlinge, um überhaupt eine Klasse anzubieten. „Als ich in den 1990er-Jahren meine Ausbildung gemacht habe, waren wir zu zwölft in einer Klasse. Heute sitzt mein Lehrling entweder allein oder bestenfalls mit einem zweiten in einem Jahrgang“, erzählt Luegger.

 

Aus der Mode gekommen

Eine der Letzten ihrer Art ist wohl Karin Bergmayer, Modistenmeisterin. Das Handwerk der Modistin, der Hutmacherin, gehört auch zu den aussterbenden Handwerksberufen. War es bis in die 1960er-Jahre noch selbstverständlich, dass sowohl Damen als auch Herren in der Öffentlichkeit einen Hut trugen, ist das heute eher die Ausnahme. „Als ich meine Ausbildung zuerst in der Modeschule Hetzendorf gemacht und anschließend eine Praxis in einer Hutfabrik absolviert habe, gab es diesen Beruf noch durchaus. Meist waren es allerdings schon damals kleine Ateliers, in denen eine Meisterin in der Regel nur mit einem Lehrling gearbeitet hat.“

Und obwohl 1990, als sie ihren Hutsalon eröffnet hat, die meisten Hutmacher und Modisten ihre Salons schlossen oder schon geschlossen hatten, wollte sie dem Hut mit einer künstlerischen Note neues Leben einhauchen. „Hüte tragen ist natürlich nicht mehr so en vogue wie etwa in den 1940er- oder 1950er-Jahren. Aber es gibt immer noch Leute, die gern Hüte tragen, wenn auch heute eher zu einem besonderen Anlass.“ Trotzdem muss auch Bergmayer einräumen, dass sie mit Aufträgen nicht gerade überschwemmt wird. Das langsame Sterben dieses Berufszweiges lässt sich am besten an den Zahlen ablesen. 1949 gab es etwa in Wien noch 652 Modistenbetriebe, heute sind es ganze 17 mit acht Mitarbeitern – und kein einziger davon beschäftigt einen Lehrling.

Bei einigen Berufen hat der Staat schon auf die veränderten Rahmenbedingungen und den technologischen Wandel reagiert. Es gibt seit heuer sechs neue oder modifizierte Lehrlingsberufe. Unter anderem etwa eine neue Lehrlingsausbildung als Glasverfahrenstechniker für die automatisierte Produktion von Hohlglasprodukten sowie Sicherheits- und Isolierglas und eine neue vierjährige Lehrlingsausbildung zum Steinmetztechniker mit rechnergestütztem Zeichnen, Planen und Herstellen von Steinerzeugnissen und kaufmännisch-unternehmerischer Kompetenz, und die Rauchfangkehrer bekamen neue Aufgaben wie Umweltschutz, Energieeffizienz, Feinstaub etc.

Welche Berufe auch noch in 100 Jahren Bestand haben und welche in der Versenkung verschwunden und milde belächelt sein werden, werden wohl erst unsere Enkel wissen.

AUF EINEN BLICK

Seltene Berufe. Während in vielen Handwerkssparten Facharbeitermangel herrscht, sind einzelne Traditionsberufe vom Aussterben bedroht. Die Gründe sind sowohl technologischer Wandel und Konkurrenz durch industrielle Fertigung als auch schlicht mangelnder Bedarf aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen. Die dadurch bedingte geringe Zahl an Lehrlingen bringt auch organisatorische Probleme in den Berufsschulen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2018)

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