Spielräume für die Planer

Projekte. Kein starres Konzept, sondern eine flexible Richtschnur soll dafür sorgen, dass in der Seestadt Aspern ein pulsierender, lebendiger Stadtteil entsteht.

Sie ist eines der ambitioniertesten Stadtentwicklungsprojekte, die in Wien je unternommen wurden: die Seestadt Aspern. Auf insgesamt 240 Hektar Gesamtfläche soll bis 2028 eine Bruttogeschoßfläche von mehr als 2,2Millionen Quadratmeter verbaut werden und 20.000 Bewohnern eine neue Heimat bieten. Entsprechend penibel ist man darauf bedacht, dass nichts schiefgeht. Unbedingt vermieden werden soll das Entstehen einer seelenlosen Satellitenstadt an der Peripherie, weshalb ein Masterplan erstellt wurde, der die wesentliche Richtung vorgibt. Entstehen soll ein durchmischter, neuer Stadtteil, der sich an den organisch gewachsenen, historischen Bezirken orientiert, mit Wohnanlagen, Nahversorgern, Arbeitsplätzen, wissenschaftlichen Einrichtungen, Betrieben und großen Frei- und Grünflächen.

 

Unterschiedlichste Bauträger

Eine erste Ahnung, wie das aussehen wird, bekommt man schon jetzt: Das Technologiezentrum Aspern IQ mit 250 Arbeitsplätzen wurde bereits 2012 eröffnet, die ersten Wohngebäude im September des Vorjahres bezogen. Bis 2016 werden weitere 2600 Wohneinheiten für rund 6100 Menschen dazukommen, zudem ein Studentenheim, der Bildungscampus der Stadt Wien sowie ein Bundesschulgebäude, 200 private Kinderbetreuungsplätze und die Zentrale des gemeinnützigen Unternehmens Wien Work. Die Nahversorgung soll mit einer ersten Einkaufsstraße gewährleistet werden, die Platz für 4000 Quadratmeter Fläche für Geschäfte, Lokale und Kleingewerbe bietet.

„Dieser Masterplan stellt die Basis für alle grundlegenden Entscheidungen bezüglich der Nutzungsart der jeweiligen Bebauung dar“, stellt Stefan Stiglbauer von der Wien 3420 Aspern Development AG klar. „Auf dieser Basis erfolgt die Verwertung der Grundstücke flexibel, aber immer so, dass das große Ziel, einen lebendigen Stadtteil zu schaffen, im zentralen Fokus bleibt.“ Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der Schaffung leistbaren Wohnraums, ein nicht zuletzt auch politisches Anliegen, das dadurch zum Ausdruck kommt, dass die Entwicklungsgesellschaft einen gesunden Mix an unterschiedlichen Bauträgern unterstützt. Gemeinnützige Genossenschaften, Bauträger, die gefördertes Eigentum und/oder Mietwohnungen errichten, oder neuere Initiativen wie Baugruppen sollen ebenso zum Zug kommen wie der frei finanzierte Wohnbau. „Die Vielfalt ergibt sich dabei auch aus den unterschiedlichen Wohntypen und Wohngrößen, die verschiedene Bauträger für ihr jeweiliges, ganz bestimmtes Klientel planen und bauen.“ Als zentralen Aspekt erachtet Stiglbauer dabei den Qualitätsanspruch: „Dafür gibt es unter anderem auch Ausschreibungen beziehungsweise Wettbewerbe, mit denen die besten Projekte herausgefiltert werden.“

 

Odyssee mit Happy End

Eine kleine Odyssee hat in diesem Zusammenhang Que[e]rbau hinter sich. Die „queere“ Baugruppe hatte sich mit dem Projekt eines Gebäudes mit 27 Wohneinheiten für einen Platz auf dem für Baugruppen reservierten Baufeld D13 beworben, war damit aber nicht zum Zug gekommen. Nach intensiven Verhandlungen und einigen Rückschlägen habe man aber schließlich doch einen Bauteil auf einem schönen benachbarten Grundstück gefunden, erzählt Initiator und Architekt Roland Hampl. „Das zeigt, dass das Konzept durchaus flexibel gehandhabt werden kann“, gibt er sich zufrieden. Que[e]rbau will nun sobald als möglich mit dem Bau der geplanten 33 Wohneinheiten beginnen, die Fertigstellung ist für den Herbst 2016 geplant.

 

Geringere Einschränkungen

Jan Schröder vom Architekturbüro Alles Wird Gut (AWG) ist hingegen von der Flexibilität der Bauvorschriften angetan. Er ist einer der Generalplaner für die Wohnhausanlage auf dem Grundstück D9 mit 170 geförderten Mietwohnungen, die von den Wohnbaugesellschaften WBG und Gartenbau gemeinsam realisiert wird.

„Normalerweise wird man in der Gebäudekonfiguration durch Parametervorgaben wie Fläche oder Höhe des Gebäudes bei der Planung eingeschränkt. Hier ist maßgeblich die Bruttogeschoßfläche vorgegeben, was einem als Architekten große Spielräume und Möglichkeiten bietet, etwas Neues auszuprobieren.“ Als hilfreich erachtet er zudem die Vorgabe für straßenseitige Geschäftslokale und damit auch alle anderen im Erdgeschoß befindlichen Räume, eine Raumhöhe von vier Metern vorzusehen. „Dadurch bieten sich die unterschiedlichsten Gestaltungsmöglichkeiten, etwa im Hinblick auf Gemeinschaftsräume oder die Fassade.“ Ob ihm und seinen Planungskollegen von Delta das gelungen ist, können die neuen Bewohner bald selbst feststellen: Der Einzugstermin ist für Anfang Juli vorgesehen.

INFO

Die Seestadt Aspern ist eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas. Das insgesamt 240 Hektar große Areal soll bis 2028 Heimat für mehr als 20.000 Menschen werden.

Ein Mix aus Wohnanlagen, Nahversorgern, Gewerbebetrieben, wissenschaftlichen Einrichtungen, Schulen, Kindergärten und Grünanlagen wird den neuen Stadtteil mit Leben erfüllen. Die ersten Wohngebäude wurden bereits im Vorjahr übergeben, bis 2016 sollen mehr als 6000 Menschen hier leben. www.aspern-seestadt.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2015)

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