Die Kunst kehrt zurück

Grätzltour. Die Praterstraße erfährt eine weitere kulturelle Belebung. Unterwegs mit der Leiterin des neuen Kunstraums Nestroyhof, Christine Janicek.

 Christine Janicek
 Christine Janicek
(c) DIMO DIMOV

Der Nestroyhof nimmt eine weitere Etappe, um an seine künstlerische Vergangenheit anzuknüpfen. Neben dem Theater Hamakom eröffnet am 15. Juni der neue Kunstraum Nestroyhof. Nach Umbauarbeiten, bei denen ein Teil der Zwischendecke entfernt, die Treppe verlegt, ein neuer Boden gelegt und Licht in den Raum geholt werden musste. „Die Fensteröffnungen waren zum Teil zugemauert. Hier war schon vieles: ein Kino, ein Supermarkt, eine Billardhalle, eine Bar, dann stand es leer“, erzählt Christine Janicek, die künstlerische Leiterin des neuen Kunstraums Nestroyhof.
Das Architekturbüro ABdomen hat daraus schließlich einen lang gestreckten, lichten, großen Raum geschaffen und in Absprache mit dem Bundesdenkmalamt saniert. Hier wird nun „Real Fiktional“ mit Arbeiten der Objektkünstlerin Julie Hayward und des Malers Thomas Reinhold das erste Ereignis sein. Wobei Janicek den Raum nicht auf bildende Kunst festlegt, sondern einen Ort für künstlerische Experimente und Diskurse schaffen will. In mittlerer Zukunft plant sie ein Projekt zur Geschichte des zweiten Bezirks, schließlich manifestiert sich die Entwicklung der Leopoldstadt im Gebäude des Nestroyhofs fast exemplarisch.
Bis 1938 war der Nestroyplatz ein Ort der Unterhaltung, so wie die Praterstraße der „Broadway Wiens“ war, erzählt Janicek bei einem kurzen Rundgang durch die Nachbarschaft. Der Jugendstilbau wurde von Oskar Marmorek für seinen Schwiegervater Julius Schwarz geplant, 1898 errichtet und gemischt genutzt. Bereits 1899 war das Etablissement Nestroy-Säle ein Fixpunkt im jüdischen Kulturleben der Stadt und eine von vielen Theateradressen am Boulevard. „Ein Stück weiter in Richtung Praterstern befand sich das legendäre Café Astoria und gegenüber dem Nestroyhof stand das berühmte Carltheater, in dem Johann Nestroy in den 1850er-Jahren Direktor war. Nach dem Krieg wurde es abgetragen, wie so vieles. Die Straße florierte seinerzeit mit vielen Cafés und Varietés, nach 1938 war das vorbei“, erzählt Janicek.
Die rasche bauliche Entwicklung des Viertels um die Jahrhundertwende war auch dem Nordbahnhof geschuldet, wo viele aus dem Osten ankamen, um sich im zweiten Bezirk niederzulassen. Auch einige Gehminuten weiter entfernt erinnert einiges an den Architekten Marmorek, dessen berühmtester Bau in Wien neben dem Nestroyhof wohl der Rüdigerhof ist. Der früh verstorbene Wegbegleiter Theodor Herzls hatte in Paris an der Weltausstellung mitgearbeitet und war so begeistert vom Fontaine lumineuse, dass er 1890 eine kleinere Ausgabe für den Wiener Prater und die Ausstellung „Venedig in Wien“ entwarf. Dort war die Lagunenstadt inszeniert worden – was, erzählt Janicek, auch Spuren an der Praterstraße hinterließ: in Gestalt des Dogenhofes, einer exakten Kopie eines kleinen Palazzo. Die Häuser im Umfeld sind historisch bedeutend, auch wenn man ihnen das nicht immer ansieht. Auf Nummer 42 befand sich das Büro der Wiener Weltausstellung 1873, geplant von Theophil Hansen und Ludwig Förster. Auf Nummer 54 hatte Johann Strauss den Donauwalzer komponiert. Wer heute auf der Praterstraße unterwegs ist, sieht das Potenzial der einst prächtigen Straße.

Die Statue folgt

Dass sie in der Leopoldstadt fündig werden sollte, hatte die Kunsthistorikerin nicht erwartet. Schon länger waren Janicek und der private Sponsor des neuen Kunstraums, Georg Folian, mit ihrem gemeinsamen Kunstprojekt Serendipity auf der Suche nach einem entsprechenden Raum, um Künstler, die in Fachkreisen geschätzt werden, einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren. Immer wieder hatten sie sich Objekte angesehen, aber nichts Geeignetes gefunden. Und dann wollte es ein Zufall, dass die beiden auf das markante Gebäude stießen – „wir hatten in der Czerningasse geparkt und wollten schon ins Auto einsteigen. Doch dann habe ich den Leerstand bemerkt und bin nochmals zurückgegangen.“ Nun sind die Räume fertig. Auf dem Vorplatz vor dem Nestroyhof fehlt aber noch etwas: Die Nestroystatue, die an der Praterstraße weiter stadteinwärts steht, soll hier künftig ihren Platz finden.

Zum Ort, zum Umfeld

Der neue Kunstraum Nestroyhof eröffnet am 15. Juni mit der Ausstellung „Real Fiktional“. http://kunstraum-nestroyhof.at, http://www.projekt-serendipity.at
Die Praterstraße hieß ab dem 16. Jahrhundert bis 1862 Jägerzeile. Um die Wende zum 20. Jahrhundert war die Praterstraße ein belebter Boulevard mit vielen Cafés und Theatern. Nach dem Krieg verlor die Straße an Glanz und Bedeutung. Heute mehren sich die Zeichen eines Aufschwungs.

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