Welten fürs Werken

Orte der Inspiration, des konzentrierten Arbeitens, des kreativen Schaffens. Wir haben uns dort umgesehen, wo Direktoren, Künstler und Consultants tätig sind. Ein Streifzug.

(c) Gerhard Gruber

Das Büro des Fabrikdirektors: Erdgeschoß, das Sekretariat im Vorzimmer, Türschild. „Chris Müller“, steht da, die beiden l leicht schief, ein Post-it klebt darauf: „Prokrastiniert“. Geht man durch den Türbogen, steht zur Linken ein kleiner Schreibtisch mit Laptop und Beamer, zwei tiefe Couchsessel, retro; zu seiner Rechten findet man Bücher auf dem Boden gestapelt, kunstvoll in Türme aufgerichtet, dahinter eine lange Tafel mit bunt zusammengewürfelten Stühlen. Einer in Löwenform, andere alt, aus Holz, der Teppich darunter ist weiß, flauschig, es duftet süß-herb: Kerze im Glas, Sorte „Tchaï“. Das klassische Direktorenbüro mag man sich anders vorstellen, cleaner vielleicht, mit glänzendem Chrom und weißen, leeren Oberflächen, hier, bei Müller, hängt ein präparierter Seehecht an der Wand. Ist das repräsentativ? „Es ist repräsentativ für mich“, sagt Müller.
Chris Müller ist Direktor für Entwicklung, Gestaltung und künstlerische Agenden der Tabakfabrik Linz. Er ist damit betraut, ein Stadtentwicklungsprojekt voranzutreiben, dessen Anspruch kein geringerer ist als der, Arbeitswelt neu zu definieren – in einer Stadt, die wie keine andere in Österreich für Arbeit steht. Linz ist nach wie vor die österreichische Industriestadt schlechthin. Das Erbe, das Müllers Unternehmung mit sich trägt, ist ein großes: In der Tabakfabrik der Austria Tabak wurde bis 2009 gearbeitet, der riesige Komplex, entworfen von Peter Behrens, war Inbegriff einer Arbeitswelt im reinsten Sinne des Wortes. Rings um die Fabrik waren schon ab 1920 Wohnsiedlungen für die Fabriks­arbeiter entstanden, es gab Kinderbeaufsichtigung. Die Hygieneeinrichtungen waren für die damalige Zeit herausragend, Betriebsärzte ordinierten, bis in den Zweiten Weltkrieg hinein durften die Arbeiter für ein bis zwei Stunden nach Hause gehen, um dort zu Mittag zu essen.

Ein begehrter Arbeitsplatz

Ein begehrter Arbeitsplatz ist die Tabakfabrik auch heute wieder. Die einzelnen Fabriktrakte werden nach und nach in Schuss gebracht, die Warteliste für freie Büroflächen ist lang. Wer hineinkommt, wird lange besprochen, man will Synergien nutzen und Innovation fördern; wenn man eingezogen ist, wird man von Müller Kollege genannt, immerhin ist man in einer Fabrik. Immerhin hat man hier auch die Möglichkeit, sich unternehmensübergreifend, fabriksintern in einer Sektion zu engagieren (Müller selbst ist in der Witzsektion, bei den Treffen muss ein guter Witz präsentiert werden). Das gilt nicht nur für die Gegenwart: An einer Wand seines Büros lehnen Fotos von Kollegen, wie Müller sagt, aus den 1960er- oder 1970er-Jahren. „Die haben wir hier beim Aufräumen irgendwo gefunden.“ Sie sind jedenfalls nicht vergessen.

„Wie zuhause“

Generell kann man im Büro sehen, welch visueller Typ der Fabrikdirektor ist. Die Bücher, die auf den ersten Blick wie eine große Unordnung oder eine kleine Kunstintervention wirken, werden tatsächlich penibel von ihm sortiert und je nach Projekt oder Tagesverfassung arrangiert, als Anregung und Denkhilfe. Gefällt ihm etwas, reißt Müller Seiten aus den Büchern und ordnet sie hinter der großen Tafel zu Moodboards an. Meetings und Besprechungen werden in der Regel von Präsentationen begleitet, die Müller direkt an die Wand beamt. Und auch darin: eingescannte Bilder aus den Büchern am Boden. Das Büro, sagt Müller, sei vor allem sein Studio, „ein Labor, eine Werkbank“. Gleichzeitig ist sein Anspruch an den Raum, dass der sich an aktuelle Projektstufen anpassen kann. „Mein Büro in der Tabakfabrik muss immer dort sein, wo eben gerade der nächste Entwicklungsschritt passiert. Es muss immer am wichtigsten Ort sein. Wenn der Schritt abgeschlossen ist, wandert das Büro wieder mit der Entwicklung mit.“
Viel Zeit, meint der Direktor, verbringe er aber ohnehin nicht im Büro, es ist mehr Dreh-, Angel-, Inspirationspunkt. Der Schreibtisch wirkt industriell, funktional, die Tischplatte kann man einfach abnehmen. „Weil das Büro schon so viel gewandert ist, sieht es auch so modular aus. Es ist keine Einbauküche.“ Natürlich gebe es dann doch Tage, an denen er zwischen zwölf und 16 Stunden im Büro sei: „Und dann möchte ich auch, dass es hier aussieht wie zuhause, so, dass ich mich wohlfühlen kann.“
Ob sich das Büro mit den Umzügen am Gelände verändere? „Ja, denn Transformation beginnt immer bei einem selbst.“ Wobei: Kleine Dinge, Erinnerungsstücke, wie die ausgestopften Vögel – eine Dohle und eine Schwalbe – oder ein Plastikdinosaurier, die Müller auf dem Tisch angeordnet hat, kommen bei den Umzügen doch wieder mit. „Diese Reliquien sind Erinnerungen an gute Etappen.“ Talismane.
Ganz generell ist Müller der Meinung, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern die Freiheit geben sollten, ihren Platz frei zu wählen und auch frei zu gestalten. „Wenn sie motiviert sein sollen, dann sollen sie auch ihren Lebensraum so gestalten, wie sie das für richtig halten.“
Wie es Müller gehen würde, müsste er jeden Tag den Arbeitsplatz wechseln? „Es würde mir gar nicht irgendwie gehen, so eine Arbeit würde ich gar nicht erst annehmen.“ Orte haben für Müller immer verschiedene Ausprägungen, sein Büro nutzt er etwa montags bis donnerstags, „ein Ort der Dynamik“, und am Freitag ist Konzepttag, zu Hause, die Gedanken und Gespräche werden sortiert, ein Ort der Ruhe.
„Ich bin Entwickler, kein Betreiber. Ich gehe auf Expeditionen“, sagt Müller dazu, dass er gern ungebunden bleibt, auch in puncto Büro. „Wenn ich hier fertig bin, dann räume ich eben wieder alles aus.“ Das sagt er nicht wehmütig, sondern mit dem Wissen, dass dieser Punkt immer wieder im Leben kommt. „Ich bin schon 23 Mal in meinem Leben umgezogen. Das sagt ja auch etwas aus.“

Look & Feel in Schwarz & Weiß

„Das architektonische Konzept soll an die zehn, 15 Jahre oder länger gestalterisch überstehen, ohne technokratisch oder langweilig zu wirken.“ Das war Andreas Burghardts Ziel, als sich der Planer an die Neuorganisation der Flächen und das Refurbishment der Räumlichkeiten von EY machte. Vergangenen Juli übersiedelte der Wiener Standort der internationalen Prüfungs- und Beratungsorganisation innerhalb des IZD-Towers in Wien-Donaustadt, zog einige Etagen weiter nach oben und erweiterte die Mietfläche von 9000 auf 11.000 Quadratmeter. Schließlich war man gewachsen, brauchte mehr Platz. Und konzernweite Vorgaben – das „Workplace of the Future Concept“ – machten Änderungen des Flächenaufbaus, eigentlich einen „Radikalausbau“, so Burghardt, notwendig. Klare Linien, reduzierte Farbgebung, hochwertige Materialien, spannende Akzente dank ausgesuchter Designerstücke – ein Besuch bei EY zeigt: Die Chancen, oben genanntes Ziel zu erreichen, stehen bestens. Die Räumlichkeiten sind elegant, unaufgeregt, klug arrangiert. „Wie aus einem Guss“, freut sich Burghardt, ein Punkt, der ihm genauso wichtig war wie Thomas Wilhelm, Partner bei EY, die beiden haben gemeinsam an den Settings und dem „Look and Feel“ gearbeitet. Die Konzentration auf Schwarz und Weiß (wie im Foyer des Towers, das ebenfalls Burghardt neu gestaltet hat) war dabei eine pragmatische Entscheidung, „um die Unordnung, die in Büros ohnehin entsteht, zu bekämpfen, dem Ganzen einen straighten Hintergrund zu geben“, erklärt der Planer. Und die dunklen Teile – schwarz emaillierte Glastrennwände etwa – drücken optisch keineswegs, schließlich sind die waagrechten Flächen hell in leicht gedämpftem Weiß gehalten, „daher ist der gesamte Eindruck ein lichter“, sagt Wilhelm. Außerdem hilft ein eigens von der heimischen Firma XAL für die Räume angefertigtes Lichtsystem: mit indirekten, direkten, akzentuierten Leuchten so ausgeklügelt, „dass sicher keine Lichtsuppe entsteht“, sagt Burghardt. Was das Ganze außerdem freundlich macht: die hochflorigen Teppichböden, bestückt mit hauchdünnen Metallfäden, die die Lichtkomposition reflektieren. Und dabei so wohlig-angenehm sind „wie im Fünf-Sterne-Hotel. Die Mitarbeiter sind begeistert, einige so sehr, dass sie am ersten Tag gleich die Schuhe ausgezogen haben und barfuß übersiedelt sind“, meint Wilhelm schmunzelnd.

Umzug in eine andere Welt

Wunderbar weiche Bodenbeläge waren allerdings nicht die einzigen Neuerungen auf die sich die rund 700 EY-Mitarbeiter einzustellen hatten. Das konzernweite, neue Konzept sah etwa vor, Open Spaces zu schaffen: „Wir siedelten aus einer Welt der Zimmer, der Zellen in eine ganz andere Bürosituation“, erzählt Wilhelm. Jetzt gibt es oben im IZD-Tower wohl noch Einzel- und Doppelbüros, für jene, die vor allem im Büro und meist hochkonzentriert arbeiten, aber genauso Open Spaces mit vier bis zehn Arbeitsplätzen. „In der Vergangenheit hatte jeder einen fix zugewiesenen Arbeitsplatz“, sagt Wilhelm. „Und ist man untertags durchgegangen, stand oft die Hälfte davon leer. Durch ein gesundes Maß an Desk Sharing soll dies in Zukunft vermieden werden, bei gleichzeitig erhöhter Flexibilität durch freie Platzwahl.“ Das berühmt-berüchtigte Großraumbüro-Feeling entsteht aber nirgendwo: Besprechungszonen, Wandscheiben und sage und schreibe sechs Caféterias lockern die Open Spaces auf, kleine Nischen für ruhige Gespräche oder Telefonate ebenso.
Und auch, wenn nun nicht alle mehr ein fixes Zimmer, eine Zelle, ihr Eigen nennen können: „Dass jemand keinen Platz gefunden hat, ist noch nie passiert“, bestätigt Wilhelm. Das Konzept hat sich gut in der Praxis bewährt. „Mit einem repräsentativ zusammengestellten Team, der Social Innovation Group, gab es immer offene Kommunikation im Vorfeld darüber, wie Desk Sharing funktionieren kann.“ Und die Mitarbeiter haben auch viel zurückbekommen, sagt Burghardt. Nicht nur einen tollen Ausblick auf Gänsehäufel oder Bisamberg, sondern auch in Form erstklassiger Ausstattung (ausnahmslos elektrisch verstellbare Schreibtische etwa) und unüblich hoher Qualität in der Gestaltung, bei den Materialien. So stellten Vitra und die beteiligten Tischler nach Entwürfen des Architekten Stauraum, Locker und Kästen her, sogar die Verbauten bei den Waschtischen sind Tischlerarbeiten. Besonders schön: die Aktenschränke in markanter Schwarzweißoptik mit eleganten Rundungen (deren Form findet sich in den Leuchten wieder) und in bequemer Lümmelhöhe.

Von Tokio nach Inzersdorf

„Wir sind hier schon fast in Graz.“ Edgar Honetschläger sitzt – thront, möchte man sagen – inmitten seines 700 Quadratmeter großen Ateliers auf einem Polstersessel, vor ihm ein behelfsmäßig gebauter Tisch mit einer Spanplatte als Ablage. Hier, das ist in Inzersdorf, im Wiener Industriegebiet an der Südautobahn; für Hauptstädter tatsächlich schon quasi vor den Toren der Steiermark, auch wenn die steirische Landeshauptstadt eigentlich noch gut zwei Stunden Fahrzeit entfernt liegt. Honetschläger ist bildender Künstler und Filmemacher, in Inzersdorf hat er sein eigenes Juwel gefunden – nicht das typische Stadtatelier. Jedoch: „Ich würde sagen, bei mir ist einiges untypisch.“ Dafür hat Honetschläger in der Industrieanlage Platz für meterlange Stoffbahnen, praktischerweise, in seinem letzten Film „Los Feliz“ inszenierte er dessen Hintergrund nur mit solcherart bemalten Stoffrollen, die abgespult wurden – ein Roadmovie, das im Studio gedreht werden konnte. Der Raum ist hell, weiß, „allein das Lager ist so groß wie für manche das Traumatelier“, sagt der Künstler und grinst. Durch die Fensterreihen strömt das Licht nur so herein. Honetschläger ist jemand, der viel reist, sein Leben spielt sich ab zwischen Wien und Los Angeles, Tokio und Rom. Als er 2011 aus der japanischen Hauptstadt zurück nach Wien kam, bot ihm eine Bekannte die leerstehende Fläche im 23. Bezirk als Arbeitsraum an. Wie sehr Räumlichkeiten Arbeit beeinflussen können, kommt besonders gut hervor, wenn Honetschläger über sein Leben in Tokio spricht. „Ich konnte mir dort kein Atelier leisten“, erzählt er, „ich habe in einem 16-Quadratmeter-Apartment gewohnt.“ Weil der Platz ein so kostbares Gut war, konzentrierte sich Honetschläger auf das Filmemachen. Die im Vergleich riesengroße Fläche in seinem Wiener Atelier habe er sich somit irgendwie verdient.
Die Lage des Studios in der Peripherie ist freilich ungewöhnlich – wenn auch für Honetschläger ein Asset. Von seiner Wohnung im dritten Bezirk fährt der Künstler mit dem Auto dorthin, und allein das gibt ihm einen ersten Arbeitsinput. „Denn auf der Strecke kann ich beim Autofahren gut nachdenken.“ Und so lange braucht man von der Landstraßer Hauptstraße nicht nach Inzersdorf, ein Gebiet, das nicht zu unterschätzen sei, wie Honetschläger findet, „das hat schon seine schönen Momente“. Und: „Wenn es notwendig ist, finden die Leute schon zu einem.“

Dieser Text erschien erstmals im Magazin Arbeitswelten, das am 18. Juni der "Presse" beilag.

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