„Zu 1891 wollen wir zruck“

„Expedition Europa“: bei der Schweizer „Vollgeld-Initiative“.

Im neunten Jahr der Finanzkrise herrscht der Finanzkapitalismus so alternativlos wie nie. Ausgerechnet auf dem Finanzplatz Schweiz tut sich nun eine Chance auf: Die „Vollgeld-Initiative“ hat ein Referendum erstritten, das schon 2017 stattfinden könnte.

Im Programm steht: „Die Vollgeld-Initiative will, dass neben Münzen und Noten zukünftig auch das elektronische Geld allein von der Nationalbank hergestellt wird.“ Bargeld macht nämlich nur zehn Prozent der umlaufenden Geldmenge aus, 90 Prozent ist elektronisches Geld. Letzteres wird per Knopfdruck von privaten Banken geschaffen, durch Kreditvergabe etwa. Das ist überall so, nur dass es viele nicht wissen. 73 Prozent der Schweizer wussten es nicht. Ich gehe auf die Vollgeld-Homepage und sehe mir die Unterstützer an: ein „Schulsozialarbeiter“, ein „Projektleiter im ökosozialen Bereich“, ein „selbstständiger Aktivist für nachhaltige Entwicklung, kinderlos“, eine „Astrologin, Rückführungstherapeutin“, eine „Meditationslehrerin“. Oje, denke ich, die strahlen nicht gerade Wirtschaftskompetenz aus.

Keiner der Initianten lebt in Zürich, doch treffen sie sich hier monatlich, zehn Minuten vom Finanzdistrikt. Ich sitze im eleganten Café des „Volkshauses“ bei ihnen, unfern von alten Linken, schönen Migranten und bewussten Jungmüttern. Den größten Kraftakt haben sie schon ein Jahr hinter sich: „100.000 Unterschriften, das heißt eine Million Leute ansprechen.“

 

„Wir sind lauter Fachleute“

Den Vorsitz führt ein unschicker alter Mann. Er schweigt oft, um sich dann mit umso lebhafterem Kopfschwingen zu melden: „Bei mir können Sie überhaupt nichts Spektakuläres erwarten, ich bin ein ganz normaler Schweizer Bürger.“ Hansruedi Weber war Volksschullehrer im Aargau, ist vorher „nie auf die Straße gegangen“. Als Pensionist hat er sich in Kurse über das Finanzsystem gesetzt und entschieden: „Jetzt muss das Fußvolk kommen, um das System zu reformieren.

Auch der Kampagnenleiter ist da. Thomas Mayer, Allgäuer, hat 1995 die Initiative „Mehr Demokratie in Bayern“ durchgesetzt. „Wir sind eine konservative Bewegung“, sagt er mit flinker Zunge. Zu 1891, als die Nationalbank das alleinige Recht auf das Schaffen von Geld bekam, „wollen wir zruck“. Als ich sie auf die Heilpädagoginnen im Unterstützerkreis anspreche, antwortet der Koautor eines Vollgeld-Buches: „Wir sind ja lauter Fachleute.“ Der Jüngste, Medienarbeiter Raffael Wüthrich, ist auf einem Biohof aufgewachsen, seine Mutter ist Homöopathin, und er entgegnet: „Es gibt kaum eine Volksinitiative, die einen so glänzenden wissenschaftlichen Finanzbeirat hat.“

Ich führe das Gegenargument an, Vollgeld könne zu einem Einbruch der Kreditvergabe führen und zu Stagnation in diesem schuldenbasierten System. Alle widersprechen heftig. Mayer spielt Vollgeld gar zu einer „kleinen internen Umstellung“ herunter. Er schlägt vor: „Die Nationalbank soll Geld an Staat, an Kantone, an Bürger geben.“ – „Als Geschenk?“ – „Als Beteiligung.“ Vollgeld würde „die Gesellschaft entschulden“. Wüthrich ergänzt: „Elektronisches Geld ist Schuldgeld.“

Sie wissen, dass die Gegenkampagne kommt. Die Regierung ist dagegen, der Wirtschaftsverband, die Banken. Die Mittel der Gegner sind unbegrenzt. Wüthrich witzelt: „Das Geld dafür können sie auch noch selber schöpfen.“ Er fügt hochkorrekt hinzu: „Das ist ein guter Spruch, aber inhaltlich ist er nicht richtig.“ Mayer hofft: „Eine Angstkampagne muss nicht fruchten.“ Weber trompetet: „Wenn wir es durchsetzen, wollen es alle auf der Welt.“ Ich wünsche ihnen Glück. Ich fürchte, sie werden überrollt.

Martin Leidenfrosts „Expedition Europa“ erscheint künftig 14-tägig, das nächste Mal im „Spectrum“ vom 7. Jänner.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2016)

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