Leistungssport

Wenn die Pension erst der Anfang ist

Der Großteil der Profifußballer hat keine Berufsausbildung. Was den Schritt in die Sportpension alles andere als erleichtert.
Der Großteil der Profifußballer hat keine Berufsausbildung. Was den Schritt in die Sportpension alles andere als erleichtert.
Der Großteil der Profifußballer hat keine Berufsausbildung. Was den Schritt in die Sportpension alles andere als erleichtert. – Presse Digital

"Grundsätzlich ist jeder Mensch bis ins hohe Alter leistungsfähig und belastbar.”

Sportmediziner Dieter Leyk

Mit seinen 36 Jahren ist Joachim Standfest aktuell der älteste Profi in der österreichischen Fußball-Bundesliga. Dennoch habe er „körperlich keine Probleme, da mitzuhalten.“ Zwar hatte der Grazer im Laufe der letzten 20 Jahre einige Verletzungen, „Knie, Kreuz und Hüfte sind aber noch gut in Schuss“. Nicht umsonst kommt er bei den Wolfsbergern noch immer regelmäßig zum Einsatz. In seinem Alter keine Selbstverständlichkeit. „Wenn ich mir meine Kollegen ansehe, die im selben Alter sind und mit denen ich früher gespielt habe: Die jammern schon sehr oft, wenn ich mit ihnen Kontakt habe. Ich habe großes Glück, dass ich in der Früh aufstehe, ohne Schmerzen zu haben“, sagt Standfest. Das Kapitel „Profifußball“ neigt sich für ihn dennoch langsam dem Ende zu.

SOCCER - BL, WAC vs A.Wien
SOCCER - BL, WAC vs A.Wien
Jochim Standfest ist aktuell der älteste Bundesliga-Spieler. – (c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Michael Riedler)
Standfest hat in Österreich bereits alles erreicht, was es zu erreichen gibt: zweimal Meister, fünfmal Pokalsieger. Stationen beim GAK, der Wiener Austria, Sturm Graz, Kapfenberg und aktuell eben Wolfsberg. In Kärnten lässt Standfest seine Karriere ausklingen. Der Vertrag läuft noch bis zum Ende der aktuellen Saison. Ob der Grazer noch ein Jahr anhängt, wird sich kurzfristig entscheiden: „Ich habe noch Freude daran. Wenn das nicht mehr der Fall ist, oder ich mich quälen muss in der Früh zum Training zu fahren, dann werde ich nicht mehr verlängern.“

Die Karriere nach der Karriere

Wie es danach weitergeht, weiß Standfest noch nicht: „Ich möchte aber natürlich schon im Fußballbereich bleiben.“ Eine Berufsausbildung hat der 36-Jährige nicht. Damit ist er im Fußball nicht alleine. Lut einer internationalen, Ende November 2016 veröffentlichten Studie der FIFPro (eine Organisation, die weltweit Profifußballer repräsentiert) haben rund 72 Prozent der befragten Fußballer (siehe Grafik) lediglich eine abgeschlossene Matura. In Österreich offenbart sich ein ähnliches Bild: Die Vereinigung der Fußballer (VdF) spricht von weniger als zehn Prozent, die eine berufsbegleitende Ausbildung absolvieren.

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Standfest hatte nach der Matura begonnen zu studieren. Erst Architektur, dann Sport und Geographie. Ersteres „war zeitlich quasi unmöglich“, sagt Standfest. Für Zweiteres habe ihm „dann der Biss gefehlt - es ist extrem schwierig, wenn man bei einem größeren Verein ist.“ Die angestrebte duale Karriere scheiterte früh. Ein Problem, mit dem Sportler vor allem, aber nicht nur im Fußball, zu kämpfen haben. Der Verein KADA versucht seit einigen Jahren Abhilfe zu schaffen und die Situation für Profisportler aller Disziplinen zu erleichtern. KADA steht für „Karriere danach“, was mittlerweile aber nur mehr zum Teil zutrifft. Das Hauptaugenmerk gilt „der Vereinbarkeit des Sports mit der Ausbildung“, wie die KADA-Geschäftsführerin Roswitha Stadlober sagt.

Roswitha Stadlober gründete den Verein KADA. – KADA

Stadlober kennt als ehemalige Skirennläuferin die Probleme, mit denen Leistungssportler zu kämpfen haben. Und sie versteht auch den Antrieb, der die Sportler dazu bringt, den Sport trotz aller Herausforderungen auszuüben. Die zweifache Siegerin des Slalomweltcups und WM-Silbermedaillen-Gewinnerin von 1987 hat ihre Karriere mit bereits 24 Jahren beendet. Das war 1988. „Für mich war es wichtig, noch etwas kennen zu lernen, auch beruflich“, sagt Stadlober 28 Jahre später. Bereits während ihrer aktiven Zeit war die Salzburgerin in der örtlichen Bank tätig, der sie nach der Karriere erhalten blieb. Nach einer fünfjährigen Periode als ÖVP-Abgeordnete im Salzburger Landtag, 1999 bis 2004, begann dann die Idee heranzureifen, Profisportler beim Umstieg und der Integration ins Berufsleben zu unterstützen. Das erste Projekt „after sports“ war nur für Frauen konzipiert. Schnell wurde aber klar, „dass es viel mehr braucht, als nur Jobcoaching.“

„Sehe mich als Existenzsicherung für den Sport.“

KADA entstand 2010. Der Verein startete mit 55 Sportlern, aktuell sind es über 500. Dabei werden die Sportler vor, während und nach der Zeit im Leistungssport unterstützt. Von Problemen wird dabei nicht gesprochen, eher von Herausforderungen. Eine dieser Herausforderungen ist, Talente und junge Athleten „im Sport zu halten. Einen Großteil verliert man zwischen 17 und 19 Jahren.“ Hier entscheiden sich die meisten für die Ausbildung und nicht für den Sport. Für Stadlober ein Alarmsignal: „Wir hören immer wieder, dass jemand studieren oder Sport machen will. Das sollte aber kein ‚entweder, oder‘, sondern ein ‚und‘ sein.“ Sie sieht sich daher „als Sportförderung und Existenzsicherung für den Sport.“

Kanada - Olympische Winterspiele in Calgary 1988
Kanada - Olympische Winterspiele in Calgary 1988
Roswitha Stadlober bei den Olympischen Winterspielen in Calgary 1988. – KADA

Während Joachim Standfest weiterhin aktiv ist, hat Ronald Spuller seine Profikarriere bereits beendet. Im Sommer 2014 lief sein Vertrag beim SV Mattersburg aus. Spuller war damals 33 Jahre alt. Als das Profidasein beendet war, kam das Thema KADA auf. Spuller hatte zuvor schon davon gehört und war sich bewusst, dass „man ja etwas machen muss.“ Es folgte ein Telefonat, Spuller äußerte seine Vorstellungen und Wünsche und wenig später begann er eine Massage-Ausbildung. Knapp zwei Jahre nach seinem Karriereende als Fußballprofi ist er bereits als Masseur tätig: „Das ging alles sehr schnell. KADA hat einen guten Einfluss.“

Ein Spätstarter im Fußballgeschäft

TIPP3-BUNDESLIGA: LASK LINZ - SV MATTERSBURG
TIPP3-BUNDESLIGA: LASK LINZ - SV MATTERSBURG
Ronald Spuller darf auf erfolgreiche Jahre in Mattersburg zurückblicken. – (c) APA/RUBRA (RUBRA)

Dabei war sicherlich auch von Vorteil, dass Spuller vor seiner Zeit als Fußballer bereits eine Berufsausbildung absolviert hatte. Denn der gebürtige Wiener Neustädter arbeitete als Installateur, ehe er die Chance bekam, sich als Profi zu versuchen. Mit 27 Jahren schaffte er den Sprung in die erste Mattersburger Mannschaft. Nicht nur für heutige Verhältnisse untypisch, wie ein Blick auf den aktuellen Altersschnitt in der Bundesliga zeigt (siehe Grafik). „Ich hatte eine tolle Form. Da war viel Glück dabei“, erzählt Spuller. Eine Karriere wie seine hat mit Sicherheit Seltenheitswert. „Und gerechnet habe ich nicht mehr damit. Aber lange überlegt man nicht, wenn man die Möglichkeit bekommt.“ Spuller nutzte sie, spielte einige Jahre noch auf hohem Niveau. Ehe er sich 2014 – wenn auch unfreiwillig – verabschiedete. Im vergangenen Sommer zog er dann auch im Amateurbereich einen Schlussstrich. Mit 35 Jahren. „Das war immer ein Limit. Ich war nie gravierend verletzt und wollte nichts herausfordern.“

Spuller hat damit etwas geschafft, mit dem viele andere Sportler zu kämpfen haben: Dem Leistungssport ein für alle Mal Lebewohl zu sagen. „Manchen gelingt es eher, manchen weniger“, meint KADA-Geschäftsführerin Stadlober, „Das Wichtigste ist, dass sie selber abschließen können. Ist das nicht der Fall, macht es auch keinen Sinn.“

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Duale Karriere als Zauberwort

Sportmediziner Norbert Bachl, seines Zeichens Direktor des ÖISM (Österreichisches Institut für Sportmedizin) in Wien, sieht zwei Gefahren, wenn Profisportler nicht loslassen können: „Jeder wird spüren, dass er ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr mithalten kann. Das ist etwas ganz Natürliches. Da besteht dann die Gefahr, dass diese Leute zu unerlaubten Methoden greifen. Oder aber, dass sie sich im falschen Ehrgeiz massiv überlasten.“ Dabei spielt auch der finanzielle Aspekt eine Rolle. „Es geht ja nicht jeder am Ende der Karriere mit Millionen nach Hause. Da steige ich dann leichter aus, wenn ich weiß, dass ich etwas gelernt und in der Hinterhand habe. Es ist ganz wesentlich, dass ein Sportler die Möglichkeit hat, sich beruflich weiterzuentwickeln und nicht vor dem Nichts steht“, erklärt Bachl weiter. Stichwort Duale Karriere. Bachl: „Sportliche Leistung und Ausbildung müssen Hand in Hand gehen.“

Während dies im Fußball ein besonders großes Problem darstellt, sind Randsportarten anders oft gar nicht zu bewältigen. Von jenen Beträgen, die im Fußball weltweit fließen, können Sportler in weniger frequentierten Disziplinen nur träumen. So etwa im Badminton. Die beste Österreicherin ist Elisabeth Baldauf. Im vergangenen Sommer erfüllte die 26-Jährige sich den Traum von Olympia, aktuell ist sie auf Position 70 der Weltrangliste zu finden. Reich wird sie damit nicht. „Die Weltklasse lebt sicher vom Badminton. Bei uns in Österreich sind Sponsoren die Haupteinnahmequelle“, erzählt Baldauf. Wie in jeder Randsportart ist es aber auch hier schwer genug, Sponsoren zu generieren. „Für uns ist es daher ganz wichtig, das Bundesheer zu haben.“ 2013 erhielt Baldauf den Platz beim Heeressport. Für sie ein entscheidender Schritt. „Du bist versichert und hast ein Einkommen. Das gibt mir viel Sicherheit.“

OLYMPISCHE SOMMERSPIELE RIO DE JANEIRO 2016: BADMINTON / BALDAUF (AUT)
OLYMPISCHE SOMMERSPIELE RIO DE JANEIRO 2016: BADMINTON / BALDAUF (AUT)
Seit Mit der Teilnahme bei den Olympischen Spielen in Rio erfüllte sich Elisabeth Baldauf einen Traum. – (c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)

 „Bin gerade in der Blütephase.“

Aktuell finden sich beim Bundesheer 192 Sportler wieder. Vom Badminton, über Leichtathletik bis hin zum Klettern. Für die Athleten ist das oft der einzige Weg, im Leistungssport aktiv zu sein. Als Baldauf den Bundesheerplatz erhielt, wurde das Lehramtsstudium, das sie bis dahin absolvierte, ruhend gelegt. Auch, weil in der Folgezeit alles auf die Olympischen Spiele 2016 ausgerichtet war. Nachdem dieses Kapitel erledigt ist, soll nun auch das Studium zu Ende gebracht werden. Hilfe bekommt die Vorarlbergerin von KADA. Dabei werden Wettbewerbs- und Trainingsplan mit den Lehrveranstaltungen und Prüfungen an der Universität abgeglichen und auf einen gemeinsamen Nenner gebracht. Mittlerweile hat sich Baldauf zwar daran gewöhnt, zu Beginn der Karriere wurde ihr der Druck und Stress aber oftmals zu viel. „Der Gedanke ans Aufhören war extrem oft da. Aber ich wusste immer, dass die Ausbildung dazu gehört. Und es tut mir auch gut für den Sport. Ich bin daher froh, dass ich durchgehalten habe“, gibt Baldauf zu.

Heute sieht sie sich „in der Blütephase“ ihrer Karriere. Nach ihrer aktiven Zeit will Baldauf nicht nur als Lehrerin arbeiten, sondern auch dem Sport erhalten bleiben. Als Trainerin. „Wenn sich unsere Sportart entwickeln will, ist es wichtig, unser Wissen weiterzugeben. Ich kann mir gut vorstellen, zukünftig mit jungen Sportlern zu arbeiten.“ Bis dahin ist aber noch Zeit, ein paar Jahre gibt sich Baldauf noch. Natürlich unter der Voraussetzung, dass sie verletzungsfrei bleibt. Bis jetzt hatte Baldauf nur mit kleineren Problemen zu kämpfen. Was auch daran liegt, dass „wir extrem viel im Kraft- und Aufbaubereich machen, um präventiv zu arbeiten.“

Wenn der Körper Grenzen setzt

Norbert Bachl: "Der eigene Körper ist das Kapital der Profisportler" – Stefan Berndl

Die Verletzungsgefahr variiert freilich von Sport zu Sport und ist auch vom Individuum abhängig. Sportmediziner Bachl nennt hier „das Verhältnis von Genetik und Epigenetik“, also der Umwelt, als wesentlichen Punkt: „Diese Mischung macht die Höchstleistungen eines Sportlers aus und sorgt auch dafür, dass man mit zunehmendem Alter noch hervorragende Leistungen bringen kann.“ Der eigene Körper ist das Kapital der Profisportler und setzt ihnen auch Grenzen.

Spuller hatte Glück in dieser Hinsicht. Der 35-Jährige blieb die gesamte Profikarriere über von schwereren Verletzungen verschont. „Ich kann also weiterhin jeden Sport ausüben. Daher hätte es auch nichts gebracht, noch ein, zwei Jahre herumzuspielen. Ich wollte gesund aufhören.“ Aktuell ist er in der Fußballakademie im Burgenland als Co-Trainer der U18 tätig - der Übergang vom Profisport ins Berufsleben hat reibungslos funktioniert. Auf Standfest kommt dieser Schritt erst zu - wie auch auf zahlreiche andere. Roswitha Stadlober hofft für ihn und die anderen schon jetzt, dass eines Tages „der Sport in Österreich Gesetz wird, also ein anerkannter Beruf. Dann wäre alles viel einfacher. Und träumen darf man ja.“

(Von Stefan Berndl)

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