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Patient Österreich: Wie krank ist dieses Land?

Dossier Österreich gibt im internationalen Vergleich viel Geld für sein Gesundheitssystem aus - Mängel gibt es dennoch zahlreiche. Woran erkranken die Österreicher und wie gut wird ihnen geholfen? Was sind die Brennpunkte der Gesundheitspolitik? Wie ist der Alltag der Menschen, die unser Gesundheitssystem aufrecht erhalten?

Ein Dossier in Zusammenarbeit mit der FH Wien WKW

Österreich belegt europaweit den sechsten Platz bei den Gesundheitsausgaben - die Qualität der Behandlung schafft es jedoch nur auf Platz 14, wie aus einer Studie der University of Washington in Seattle vom Mai 2017 hervorgeht. Jeder dritte bis vierte Einwohner leidet im Lauf seines Lebens an einer Depression. 100.000 Menschen in Österreich haben keine Krankenversicherung. Ein Heimplatz kostet 3500 Euro monatlich, die Betreuungsverhältnisse wurden in den 90ern festgelegt. Eine slowakische Pflegerin in der 24-Stunden-Pflege verdient 850 Euro netto. Hinter all diesen Zahlen stecken Personen mit ihren persönlichen Geschichten, ihrem Leben oder auch dem Tod.

Woran erkranken die Österreicher und wie gut wird ihnen geholfen? Was sind die Brennpunkte der Gesundheitspolitik? Wie ist der Alltag der Menschen, die unser Gesundheitssystem aufrecht erhalten? Studierende der FH Wien WKW haben sich einige der meistdiskutierten Themen im Gesundheitsbereich angesehen.

 

Das Dossier ist im Rahmen einer Lehrveranstaltung am Institut für Journalismus und Medienmanagement der FHWien der WKW entstanden.

Dabei haben folgende Studierende mitgearbeitet: Veronika Felder, Lena Hemetsberger, Sarah Nägele, Gregor Pogöschnik, Damita Pressl, Hannah Richlik und Ornella Wächter.

 

Mobile Pflege

Der "Roboter" aus der Slowakei

von Veronika Felder

63.025 Menschen waren im letzten Quartal 2017 als selbständige Personenbetreuer in der Altenpflege gemeldet.

Das Haus verlassen Katarina (richtiger Name der Redaktion bekannt) und Poldi nur selten. Ab und zu spazieren sie durch die Straßen der kleinen Siedlung in Wels, die inmitten von Feldern liegt und besuchen die befreundeten Senioren in der Nachbarschaft. Manchmal steht ein Besuch im örtlichen Krankenhaus an oder Einkäufe müssen erledigt werden. Und sonntags, da essen sie gelegentlich auswärts. Das alte Ehepaar von nebenan, ist dann auch mit von der Partie. Katarina setzt sich ans Steuer, die drei Senioren nehmen auf Beifahrersitz und Rückbank Platz und zusammen fahren sie, extra langsam, ins Stammrestaurant.

 

Veronika Felder

Katarina ist eine Frau mittleren Alters, sie hat kurze rote Haare, ist groß, korpulent. Man sieht ihr an, dass sie anpacken kann, und das muss sie auch in dem Beruf den sie ausübt. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet sie in der Altenbetreuung. Zuerst zehn Jahre lang in der Slowakei, ihrem Heimatland. Vor zehn Jahren kam sie nach Österreich, wegen dem Geld und der höheren Anzahl an Arbeitsplätzen in der privaten Personenbetreuung. 23.837 Personen erhielten im Jahr 2016 eine Förderungsleistung für die 24-Stunden-Betreuung, 8,6 Prozent mehr als im Jahr davor. Bedenkt man, dass die meisten Förderungsempfänger monatlich abwechselnd zwei Betreuer im Zwei-Wochen-Rhythmus angestellt haben, eröffnet sich ein nicht zu unterschätzender Arbeitsmarkt.

 

"Manchmal bin ich wie der Herr General"

Im Laufe ihrer Karriere hat sie schon viele alte Menschen gepflegt. Sie hat für sie gekocht, sie zu Bett gebracht, sie geduscht, hat sie zum Arzt begleitet, ihnen Medikamente verabreicht. Zurzeit ist Katarina für die 86-jährige Poldi zuständig. Sie wohnt bei ihr, kümmert sich um sie. Zwei Wochen lang, 24 Stunden am Tag. Dann wird sie abgelöst von einer Kollegin und kann nach Hause fahren, zu ihren erwachsenen Kindern und ihren Eltern.

Wenn Katarina von ihrem Leben erzählt lacht sie oft. Es ist ein lautes und ansteckendes Lachen, und folgt oft auf Geschichten, die eigentlich gar nicht zum Lachen sind. Doch gerade, bei Poldi zuhause, ist sie zufrieden. Die Familie ist nett und sie und Poldi verstehen sich auch ganz gut. Poldi ist noch recht agil, nur leichte Altersdemenz macht sich bemerkbar. Den Haushalt könnte sie alleine jedoch nicht mehr bewältigen. „Manchmal, dann bin ich wie der Herr General, dann muss Poldi gehorchen. Aber immer auf eine nette Art. Sie ist auch manchmal böse mit mir. Dann rede ich aber einfach weiter und sie vergisst dann schnell, dass da eigentlich etwas war“, erzählt Katarina.

Veronika Felder

Dass die zwei perfekt aufeinander eingestimmt sind, merkt man schnell: Wenn Katarina und Poldi sich am großen, altmodischen Holztisch im Wohnzimmer gegenübersitzen und im Kaffee rühren, den Poldi bestellt und Katarina gebracht hat und sich über Poldis Enkel unterhalten. Wenn Poldi zum wiederholten Mal erzählt, dass Katarina die Vanillekipferl, die zwischen ihnen auf einem Teller liegen, nach ihrem Rezept selbstgebacken hat, und Katarina ihr lachend antwortet, dass sie das schon mehrmals erzählt hat. Und wenn Poldi geduldig zuhört, wenn Katarina laut und überschwänglich über dies und jenes in gebrochenem Deutsch redet.

"Roboter bin ich keiner"

Nicht immer jedoch ist die Situation zwischen 24-Stunden-Betreuerin und Patient so angenehm. Dabei geht es oft um ganz grundlegende Dinge. „Man weiß nie was einen erwartet, wenn man zu einem neuen Patienten kommt. Man weiß nicht ob man sich gegenseitig sympathisch sein wird. Das spielt aber eine große Rolle“, erzählt Katarina. „Oft handelt es sich auch um psychische Belastungen, denen man als Betreuerin ausgesetzt ist. Man kocht für den Patienten und der sagt einem dann, man selbst dürfe aber nicht davon essen. Oder einem wird der übriggebliebene Rest einer Mehlspeise angeboten. Das ist dreist - wir sind ja keine Schweine.“

Außerdem kann es zu Unstimmigkeiten in der Definition des Terminus „24-Stunden-Betreuung kommen“, sagt Katarina. „In der Vergangenheit wurde von mir einmal verlangt nächtlich fünf bis sechs Mal aufzustehen, weil der Patient sich weigerte eine Windel zu tragen. Aber ich bin auch nur ein Mensch, und muss außerdem am nächsten Tag arbeiten. Aber die Leute sagen dann: du bist ja eine 24-Stunden-Betreuung. Ja, aber Roboter bin ich keiner.“  Dabei seien oft auch die Familienangehörigen das Problem, die immer nur für eine kurze Zeit zu Besuch kämen und die eigentliche Lage des Patienten nicht wirklich einschätzen könnten. „Sie bestreiten dann etwa, dass der Patient Beruhigungsmittel braucht, obwohl ich aber genau weiß, dass es ihm und auch mir damit bessergehen würde.“

Veronika Felder

Manchmal würde von den Frauen außerdem erwartet, dass sie Aufgaben übernähmen für die sie eigentlich nicht zuständig sind, etwa auf Haustiere aufzupassen, erzählt Katarina. Obwohl die meisten Betreuerinnen selbständig sind und somit eigentlich das Arbeitsverhältnis auflösen könnten sobald sie sich unwohl fühlen, machen das viele nicht. Katarina sagt, dass sich viele Frauen nicht trauen würden und außerdem Angst davor hätten nicht unmittelbar anschließend einen neuen Patienten zugeteilt zu bekommen. „Viele Frauen bleiben, weil sie das Geld brauchen. Dann weinen sie oder sind andauerndem Stress ausgesetzt und sind froh, wenn sie endlich nach Hause fahren können“, erzählt Katarina.

Vermittlungsagenturen im Profitrausch?

Für das Zusammenbringen von Betreuerin und Patient sind meistens Vermittlungsagenturen zuständig, die sich in ihrer Qualität oft sehr unterscheiden. Generell gilt jedoch der Grundsatz, dass sowohl die Familien als auch die Betreuerinnen die Agenturen für die Vermittlung und den Support bezahlen. Die Agentur legt außerdem den Tagessatz der Betreuerinnen fest, Mindestlohn gibt es keinen. Sobald der Vertrag zwischen Familie und Betreuerin zustande gekommen ist, spielt die Agentur keine Rolle mehr. Das Gehalt wird direkt von der Familie an die Betreuerin ausbezahlt, welche in den meisten Fällen ein freies Gewerbe der sogenannten „Personenbetreuung“ angemeldet hat.

Bruttogehalt und Abgaben können dabei stark variieren. 1250 Euro Brutto verdient Katarina ungefähr in den zwei Wochen in denen sie durchgehend bei Poldi arbeitet. 850 Euro bleiben ihr davon circa Netto übrig, abzüglich der Sozialversicherungsabgaben und Reisekosten. Das Geld muss für den ganzen Monat reichen. Da sie an Poldi über eine Freundin vermittelt wurde, muss sie zurzeit keine Abgaben an eine Agentur zahlen.

Die Preise der Agenturen können ungefähr zwischen zehn und 50 Euro im Monat festgemacht werden. In vielen Fällen würden die Agenturen aber keine Unterstützung für die Betreuer bereitstellen, erzählt Katarina. „Du musst dich bei den Agenturen bewerben, sie wollen dich dann sehen und du musst ihnen Arbeits- und Deutschzeugnisse schicken. Sie helfen dir meistens mit der Anmeldung des Gewerbes und dann vermitteln sie dich an eine Familie. Aber dann machen sie oft nichts mehr für dich. Ich kenne Frauen, die hatten an ihrem Arbeitsplatz nicht einmal ein Bett. Sie mussten im Flur auf einer Liege schlafen. Manche Agenturen wollen nur das Geld, aber manche sind besser.“  Die Konditionen des Hilfswerks etwa liegen bei einem Tagessatz von 68 Euro Brutto, pro Beschäftigungsmonat müssen die Betreuer zehn Euro abgeben, wodurch man auf ein monatliches Bruttogehalt von 942 Euro kommt.

Die staatliche Geldspritze

In der Slowakei würde Katarina heute fast genauso viel verdienen wie in Österreich, nämlich um die 700 Euro. Dann wäre sie allerdings als Assistentin im Krankenhaus angestellt. Das Problem sei aber, dass es nicht viele Arbeitsplätze in diesem Bereich gäbe. Bei den Vergaben der Stellen würden außerdem jüngere Kolleginnen bevorzugt, sagt Katarina. Jobs in der 24-Stunden-Pflege seien kaum vorhanden, da die Rentner eine sehr kleine Pension bekommen würden und es kaum Unterstützung vom Staat gäbe, erzählt sie.

In Österreich erhalten pflegebedürftige Menschen Pflegegeld, das sich mit steigendem Pflegebedarf erhöht. Für die 24-Stunden-Pflege gibt es zusätzliche Förderungen. Befindet sich eine Person in der höchsten Pflegestufe beläuft sich die Unterstützung auf 1688,90 Euro monatlich. Werden zusätzlich zwei Pflegerinnen beschäftigt, kommen weitere 550 Euro hinzu.

Die Finanzierung der 24-Stunden-Pflege ist dank Pflegegeld und zusätzlicher Förderung jedenfalls gedeckt. Ein Platz im öffentlichen Altersheim kostet im Vergleich dazu bis zu 3500 Euro monatlich. Viele Familien bevorzugen daher die Beschäftigung einer 24-Stunden-Pflegerin.

Veronika Felder

Veronika Felder

Auch Poldi ist froh darüber, dass sie ihr zuhause nicht verlassen muss. Nur durch Frauen wie Katarina ist es möglich, dass sie auch weiterhin darin wohnen kann. Nahezu 24 Stunden am Tag kümmert sich Katarina um Poldi und ihre Sorgen, Schmerzen und Wünsche. Nur zwei Stunden nimmt sich Katarina täglich für sich. Gesetzlich würden ihr drei Stunden Ruhepause zustehen. „In meiner Freizeit kann ich nicht im Haus bleiben, da muss ich zum Spazieren rausgehen. Sonst werde ich verrückt“, sagt sie. Einmal in den zwei Wochen trifft sie sich mit einer Freundin, die auch in der Altenbetreuung arbeitet „aber ich möchte in den freien Stunden nicht auch noch über alte Menschen sprechen, deswegen bin ich lieber alleine“. Manchmal, wenn sie zusammen mit Poldi ihre Runden in der Nachbarschaft dreht, unterhält sich Katarina aber mit der alten Dame von gegenüber. „Die ist in der Tschechoslowakei geboren, die versteht mich, mit der kann ich slowakisch sprechen“, sagt Katarina und lacht ihr lautes und ansteckendes Lachen.

Der Keksteller, der zwischen Poldi und Katarina auf dem Tisch steht ist fast leer. „Wir müssen wieder backen, falls diese Woche noch Gäste kommen“, sagt Poldi und schaut Katarina an. Katarina grinst und verdreht die Augen: „Jaja, Poldi. Du wirst nichts machen. Ich werde wieder backen.“

Pflegeskandale

"Es ist den Menschen nicht würdig"

Österreich braucht dringend Pflegekräfte. Die müssen allerdings mit hohem Zeitdruck und viel Verantwortung bei eher schlechter Bezahlung rechnen. Erfährt Pflege die Anerkennung, die sie verdient?
von Sarah Nägele

20 Menschen betreut eine mobile Vollzeitpflegerin in der Steiermark durchschnittlich.

Für das Duschen bleiben zehn Minuten. Zähne putzen, frisieren, anziehen, Frühstück machen, vielleicht einkaufen –  in einer halben bis dreiviertel Stunde muss alles fertig sein. „Es ist ein ewiger Zeitdruck“, sagt Lena (Name von der Redaktion geändert) und schüttelt ungläubig den Kopf. Immer den Piepser im Nacken – wenn er runtergeht, heißt das: Man hat nur noch ein paar Minuten. Jede Viertelstunde, die überzogen wird, muss begründet werden. Und der Druck wird immer höher: Immer schneller, immer kürzere Wegzeiten. So klingt das, wenn Lena von ihrer früheren Stelle erzählt. „Es ist den Menschen nicht würdig“, sagt sie heute.

Lena wird heuer 58 Jahre alt, sieht aber deutlich jünger aus. Vielleicht ist die viele Bewegung in ihrem alten Job daran "schuld". Zum Gespräch ist die schlanke Frau mit dem Motorrad gekommen. Wenn sie über ihre Zeit als angestellte Pflegerin spricht, wirkt sie plötzlich müde. 15 Jahre lang arbeitete sie als Heimhilfe in Wien und Niederösterreich, überwiegend im mobilen Bereich. Dann hat sie sich dazu entschlossen, selbstständige, private Pflegerin zu werden. Sie nennt es die beste Entscheidung ihres Lebens. „Es gibt kein Müssen mehr. Wenn der Patient mal nicht duschen will, dann duscht er halt nicht“, sagt sie: „Ich bin jetzt individuell für jeden da.“

 

Sarah Nägele

Pfleger werden in der Diskussion übergangen

Im September 2017 erschütterte ein Pflegeskandal im Altenheim Clementinum in Kirchstetten ganz Österreich. Mehrere Pfleger einer Station hatten Patienten dort teils sadistisch gequält und vernachlässigt. Der Fall löste eine mediale Debatte über Transparenz und Kontrolle im Pflegewesen aus. Eine wesentliche Perspektive blieb in der Diskussion allerdings unbeachtet: Die der Pflegekräfte, auch im mobilen Bereich. Mit welchen Problemen kämpfen sie? Wie wird die Qualität ihrer Arbeit gewährleistet?

Lena ist nicht die Einzige mit einem Zeitproblem. Etwa 500 Kilometer entfernt, am anderen Ende des Landes, arbeitet Ina in einem Pflegeheim in Innsbruck. Sie ist diplomierte Krankenschwester in einem Haus mit 128 Bewohnern. Ina ist 31, trägt ihre schwarzen Haare zu einem Zopf gebunden, eine Brille mit dünnem schwarzem Rahmen und hat ein herzliches Lachen. „In der Ausbildung lernt man so viele interessante Dinge, auch was die Kommunikation mit den Menschen betrifft“, erzählt sie. Aber im Berufsalltag bleibe ihr dafür schlicht keine Zeit: „Es klafft eine riesige Lücke zwischen Ausbildung und Realität.“

Personalschlüssel aus den 90ern

Die Bewohner ihres Heimes beklagten sich im Rahmen eines Feedbacks, dass sie den Satz: „Du musst jetzt mal warten“ ständig hören. Da ist es wieder, das Müssen. Ina wirkt hilflos, wenn sie darüber spricht. Leute einzustellen liegt nicht in ihrer Macht. Die Betreuungsschlüssel sind in jedem Bundesland unterschiedlich. Sie wurden meist schon in den 1990ern erarbeitet. Nur hat sich seitdem Vieles geändert. Die Pflegekonzepte von damals sind überholt, die Beschäftigungsstruktur in den Heimen ist anders, und um Qualität zu sichern, ist der Dokumentationsaufwand viel höher. Zudem nimmt die Zahl an Demenzkranken in den Heimen stetig zu. Dass die alten Betreuungsschlüssel sind nicht mehr zeitgemäß sind, zu diesem Schluss kam eine Studie der Arbeiterkammer Oberösterreich bereits im Frühjahr 2016. Wirklich geändert hat sich seitdem nichts.

Die Sensibilisierung der Öffentlichkeit bei dem Thema habe allerdings dazu geführt, dass österreichweit Forderungen nach einer einheitlichen und transparenten Personalberechnungsmethode nach wissenschaftlichen Standards laut wurden. „Auch wenn es noch keine neuen gesetzlichen Vorgaben gibt, zeigt sich, dass unsere Studie wirkt und zu Verbesserungen in den Betrieben führt. Wir werden dranbleiben und weiter Druck machen, bis es auch auf gesetzlicher Ebene Veränderungen zum Wohle der Beschäftigten gibt“ verspricht Johann Kalliauer, Präsident der oberösterreichischen Arbeiterkammer.

Keine gesetzlichen Vorgaben im mobilen Bereich

Die Regelung des Betriebes von Heimen für Personen, die ständige Pflege brauchen, fällt in den Kompetenzbereich der Länder. Das zeigt sich nicht nur in den unterschiedlichen Betreuungsverhältnissen, sondern auch in verschiedenen Vorgaben für die Pfleger. Durch die individuelle Gestaltung ist es schwierig, die Situation der einzelnen Bundesländer miteinander zu vergleichen, was ganz massiv zur Intransparenz beiträgt. „Das Pflegefondsgesetz schreibt ab Jänner 2018 eine Harmonisierung des Dienstleistungsangebotes in Heimen vor, damit der Zweckausschuss an die Länder gewährt wird“, erklärt Helmut Ivansits, Leiter der Abteilung Sozialversicherungen der Arbeiterkammer Wien.

Dort wird beispielsweise die Berücksichtigung sozialer Aspekte vorgeschrieben, oder dass man bei Demenzkranken auf wissenschaftliche Erkenntnisse achten muss – Dinge, die nur durch einheitliche Regelungen gewährleistet werden können. „Es liegt bis jetzt kein Ergebnis vor“, so Ivansits, „eigentlich müsste das jetzt finanzielle Konsequenzen haben.“ Noch undurchsichtiger wird es im Bereich mobiler Dienste: Hier gibt es keine gesetzliche Regelung des Betreuungsverhältnisses. Die Träger entscheiden also selbst, wie viele Klienten ihre Angestellten betreuen.

Nachtdienste weitestgehend ungeregelt

Erschwerend zu dem ohnehin schon knapp bemessenem Personal in den Heimen kommt hinzu, dass Unternehmen sparen, wo sie können und es einen Mangel an diplomiertem Pflegepersonal gibt. Problematisch ist das vor allem nachts. Denn für die Nachtdienste ist der Personaleinsatz weitestgehend ungeregelt. Es ist keine Ausnahme, dass in einem Heim mit 125 Bewohnern nur zwei Personen Nachtdienst haben.

Für Ina kommt es während der Arbeit nicht nur auf die Anzahl der Pfleger, sondern auch auf das Verhältnis von diplomiertem Pflegepersonal und Assistenzen an. Pflegeassistenzen führen Tätigkeiten wie Körperpflege, Duschen und Essen verabreichen aus, handeln dabei aber nach Weisung der diplomierten Krankenschwestern. „Es sollte immer eine diplomierte Krankenschwester auf der Station sein, die einen Arzt kontaktiert, falls ein Patient Medikamente benötigt. Nur mit der Unterschrift eines Arztes dürfen wir Medikamente verabreichen.“ Wenn es einen Engpass gibt, kann es aber sein, dass keine diplomierte Krankenschwester vor Ort ist. „In dem Fall muss eine Pflegeassistenz theoretisch eine Schwester aus einem anderen Heim holen, die sich den Patienten anschaut und gegebenenfalls den Arzt kontaktiert“, erklärt Ina.

Kontrollen teils intransparent

Komplizierte Regelungen wie diese sind keine Ausnahme. „Manchmal arbeiten die Gesetze förmlich gegeneinander“, beklagt die junge Frau. Es gibt sogenannte freiheitseinschränkende Maßnahmen, die im Heimaufenthaltsgesetz definiert sind. Eine Freiheitsbeschränkung liegt vor, wenn die Ortsveränderung einer betreuten Person gegen oder ohne ihren Willen mit physischen Mitteln, besonders durch mechanische, elektronische oder medikamentöse Maßnahmen, oder durch deren Androhung unterbunden wird. Eine dauerhafte Freiheitseinschränkung muss durch ein ärztliches Gutachten legitimiert werden.

In der Folge des Pflegeskandals von Kirchstetten wurden Pflegeheime verstärkt unangekündigt kontrolliert. Berechtigt dazu ist beispielsweise die Patientenanwaltschaft, die den Umgang mit Patienten überprüft. Dazu gehört das Recht auf persönliche Freiheit der Patienten. „Wir haben zum Beispiel einen schwer dementen Patienten, der einen Bettrahmen hatte“, erklärt Ina. Dieser sollte ihn davon abhalten, nachts aus dem Bett zu fallen. Obwohl ein ärztliches Gutachten vorlag, habe die Patientenanwaltschaft die Stäbe als widrige Maßnahme angesehen: „Mir wurde erklärt, dass der Patient das Recht habe, aus dem Bett zu fallen.“ Das Recht auf Freiheit stehe in diesem Fall über dem Recht auf Gesundheit. Ina wird wütend, wenn sie von dem Vorfall erzählt: „Meine Arbeit ist es, dafür zu sorgen, dass es den Bewohnern gut geht. Ich kann dies unter solchen Bedingungen aber nicht gewährleisten.“

 

Sarah Nägele

„Die Menschen haben es verdient, dass man sich mit ihnen befasst“

Inas Heim hat eine verhältnismäßig gute Personalstruktur. Trotzdem fühlen sich die Bewohner oft abgefertigt. Ihre Grundbedürfnisse sind gedeckt, sie hungern nicht, sie sind gewaschen – aber die psychische Pflege komme zu kurz: „Die Menschen haben es verdient, dass man sich mit ihnen befasst“, findet sie. Im mobilen Bereich kommt zu dem Zeitproblem erschwerend hinzu, dass die Heimhilfen oft wechseln. Viele ältere Menschen fangen an, eine Ablehnung gegenüber den Betreuern zu entwickeln, erklärt Lena. „Einmal kam ich zu einer Frau, die rief mir schon am Eingang zu ‘bitte, bitte nicht schon wieder eine Neue‘.“

Lena warf daraufhin einen Blick in die Akte der Patientin und zählte über 60 Pflegekräfte im letzten halben Jahr. Das bedeutet über 60 neue Menschen kennen lernen, über 60 Mal erklären was zu tun ist. „Die Frau war inkontinent und musste im Intimbereich gewaschen werden. Das ist eine sehr private Angelegenheit“, sagt Lena mit Nachdruck. Die vielen Betreuungspersonen sind laut Lena durch zwei Gründe erklärbar: Zum einen soll kein nahes Verhältnis zu den Patienten aufgebaut werden und zum anderen wechseln die Arbeitskräfte oft. „Dieser Druck und die schlechte Bezahlung, das hält kein Mensch lange aus“, meint Lena. Außerdem kann die mangelnde Wertschätzung dazu führen, dass die Heimhilfen ihrerseits Ablehnung entwickeln: „Eine ehemalige Kollegin von mir sagt heute ‘ich hasse alte Menschen‘.“

Akademisierung passiert zu spät

Wenn Ina von der Arbeit erzählt, merkt man, dass sie ihren Beruf trotz allen Problemen gerne ausübt. Aber nicht jeder sollte ihn machen, findet sie. „Aus Kostengründen werden viele fachfremde Personen angelernt, die nie zuvor in der Pflege gearbeitet haben“, erzählt sie. „Die sind beim AMS gemeldet und werden dann in ein Umschulungsprogramm gesteckt.“ Die junge Frau hält das für fahrlässig, viele seien gar nicht für die Pflege geeignet. Zusätzlich haben die Krankenschwestern weniger Zeit, weil sie die neuen Pflegekräfte einlernen müssen. Mit dieser Kritik steht sie nicht alleine da. Hendrik Trinker ist Pflegedienstleitung in einem steirischen Heim und damit für die Verwaltung zuständig. Er stellt Pfleger ein. „Einmal saß eine 50-jährige diplomierte Architektin vor mir, die jetzt zur Pflegeassistenz umgelernt werden sollte. Da muss man dann schon schmunzeln beim Bewerbungsgespräch.“

Trinker findet, dass der Pflegebereich nicht zukunftsfähig aufgestellt ist.  „In der Theorie gibt es viele Lösungsvorschläge, die in der Praxis wenig bis gar nicht ankommen.“ Die Akademisierung in der Pflege ist so ein Punkt. International schon Standard, steckt sie in Österreich und Deutschland noch in den Kinderschuhen. Durch das Studium sollen wissenschaftliche Erkenntnisse besser umgesetzt werden. Trinker findet aber, dass die Akademisierung zu spät passiert und in eine falsche Richtung geht: „Akademisierung bedeutet, dass weniger Leute den Beruf lernen.“ Die Akademiker ersetzen dann die diplomierten Pflegekräfte, die derzeit die Hauptkräfte in der Pflege sind. Aber wenn weniger Leute studieren, als eine Ausbildung zu machen, wer übernimmt dann die Arbeit?

Zeitdruck, geringe Wertschätzung und schlechte Bezahlung

Trinker erklärt auch gleich, wie er zu der Vermutung kommt: „Wir haben inzwischen einen sehr unattraktiven Berufszweig.“ Er nennt hohe Verantwortung, Zeitdruck, dabei aber geringe Wertschätzung und schlechte Bezahlung. Der Einstiegsgehalt für eine Heimhilfe liegt laut AMS zwischen 1690 und 1880 € brutto, der einer Pflegeassistenz etwa im selben Bereich. Eine diplomierte Pflegekraft kann mit einem Einstiegsgehalt zwischen 2060 und 2400 € brutto rechnen. Die meisten Pflegekräfte machen den Beruf aus Liebe zum Menschen, ist Trinker überzeugt. Problematisch sei, dass die Geschäftsführer der Pflegeheime nicht aus sozialen Bereich kommen, sondern betriebswirtschaftlich denken: „Wenn man da erfolgreich etwas verändern will, müssen die Zahlen stimmen.“

Könnte man mit Fortbildungen oder Supervision die Situation für Pflegekräfte intern verbessern? „Ich war daran sehr interessiert, aber tatsächlich kamen solche Angebote nie zustande“, erzählt Lena und nimmt ein Schluck von ihrem Kaffee. „Viele Kollegen hatten Angst, dass vertrauliche Dinge an die Chefs weitererzählt werden.“ Im Café ist es laut und ständig laufen Leute vorbei. Lena hält plötzlich erschrocken inne und fragt, ob sie zu laut gesprochen habe. Das Misstrauen ist noch immer da, obwohl sie schon längst für kein Unternehmen mehr arbeitet.

 

Sarah Nägele

Die Resignation der Pfleger

Trinker sucht oft das Gespräch mit den Pflegern. „Aber ich merke schon, dass da eine Distanz ist“, gibt er zu. Ina zeichnet ein ähnliches Bild von der Situation: „Pflegekräfte tun oft so, als ob man kein gutes Verhältnis zu seinen Vorgesetzten haben könne.“ Die meisten hätten sich mit ihrer Situation abgefunden. „Manche Kollegen sagen, dass sie jetzt auch mal auf die Straße gehen und streiken“ meint sie. „Aber in Wirklichkeit würden sie das nie tun. Wer würde sich dann um die Heimbewohner kümmern?“

Was sie sich wünscht? Ina überlegt kurz: „Mehr Wertschätzung für eine qualitative Pflege.“ Und der Pflegepersonalschlüssel müsste dringend überholt werden. „Ich kann eine Ganzkörperwäsche vielleicht in zwölf Minuten durchführen. Wie sich der Betroffene dann fühlt, ist eine andere Geschichte.“ Lena liebt ihren Beruf heute wieder. Sie sagt:

Ich lerne von diesen Menschen. Wie sie ihr Leben gelebt haben, wann sie gelebt haben, wie sie die Nazi-Zeit erlebt haben, was sie als Kinder gemacht haben. Ich lerne Leben kennen, Meinungen, Erfahrungen, und Geschichten. Wie sie die beiden Weltkriege erlebt haben, das sind die letzten noch lebenden Zeitzeugen, auch im Bezug darauf, wie sich die Politik entwickelt. Viele sagen „Bitte, bitte nicht. Ich will nie wieder einen Krieg erleben.“ Das ist beeindruckend. Mit denen hat glaube ich nie jemand darüber geredet.

Lena

 

Interaktive Grafiken: Österreichs Gesundheitssystem in Zahlen

Österreichs Frauen werden älter als die hierzulande lebenden Männer. So lautet ein Trend, der seit den 1960er Jahren anhält. Und es ist eine Entwicklung, die einerseits weiterhin Bestand haben dürfte, andererseits werden auch die Männer schrittweise älter werden. Laut einer aktuellen Studie in der Fachzeitschrift „The Lancet“ ist in Österreich ein Anstieg der Lebenserwartung bei Männern von 77,73 auf 81,40 Jahre und bei Frauen von 83,21 auf 86,22 Jahre zu erwarten.

Die genaue Finanzierung des Gesundheitssystem ist ein Netzwerk aus Finanzierung und Gegenfinanzierungen öffentlicher und privater Geldgeber. Das Bundesministerium für Gesundheit und Frauen gibt für 2015 folgende Aufteilung der Kosten bekannt:

Insgesamt 35,6 Milliarden Euro hat das österreichische Gesundheitssystem 2015 gekostet. Die größten Posten sind laut Statistik Austria die ambulante und stationäre Gesundheitsversorgung, dicht gefolgt von Medikamenten und Material

Sowohl private als auch öffentliche Gesundheitsausgaben sind seit 1990 rapide gestiegen. Im Falle der öffentlichen Ausgaben von 8.457 Millionen auf 27.870 Millionen Euro. Diese Gesundheitsausgaben setzen sich aus den laufenden Gesundheitsausgaben und den Investitionen im Gesundheitsbereich zusammen.

 

Betrachtet man die Gesundheitsausgaben für Fondskrankenanstalten der einzelnen Bundesländer, führt Wien die Liste mit 3075 Millionen Euro an, das Burgenland kommt mit 244 Millionen Euro an letzter Stelle. Fondskrankenanstalten sind öffentliche und private Akutkrankenanstalten, die über die neun Landesgesundheitsfonds (teil)finanziert werden. Sie repräsentieren, mit 88,4 Prozent (2016) aller stationären Patientinnen und Patienten, die wichtigste Gruppe der österreichischen Spitäler.

Bei der Anzahl der Ärzte auf 1000 Einwohner ist Österreich im Ländervergleich ganz vorne dabei. Allerdings gibt die Ärztekammer zu bedenken, dass in Österreich im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern zu der Statistik auch Ärzte in Ausbildung hinzugerechnet würden.

  Auch bei der Anzahl der Krankenhausbetten auf 1000 Einwohner schneidet Österreich gut ab. Noch mehr Krankenhausbetten im Verhältnis zur Bevölkerung gibt es nur Deutschland.

  Etwa zwölf Tage im Jahr ist der durchschnittliche Erwerbstätige in Österreich krank. Mit dem Alter steigt nicht nur die Anzahl der Krankenstandstage, sondern auch die durchschnittliche Dauer eines Krankenstandes.

Eine in den Jahren 2010 bis 2011 durchgeführte Untersuchung des Instituts für Pharmaökonomische Forschung (IPF) zeigte, dass im EU-Vergleich der Verbrauch von Arzneimitteln vergleichsweise gering ist. Pro Person werden in Österreich insgesamt ca. 1.010 „Standard Units“ abgegeben.

Die am häufigsten verschriebenen Medikamente in Österreich sind: Mittel gegen Bluthochdruck, gegen säurebedingte Erkrankungen wie Sodbrennen sowie Psychoanaleptika gegen psychische Erkrankungen.

Die Zahl, der Menschen, die aufgrund von Drogenkonsum verstorben sind, ist seit 2006 merklich zurück gegangen.

  Im Vergleich:

 

Nikotin ist die verbreitetste Droge in Österreich, ca. 1,23 Mio können als süchtig eingestuft werden. Auf dem zweiten Platz liegt Alkohol, weit dahinter Opiate.

 

Etwa fünf Prozent der erwachsenen österreichischen Bevölkerung (ab 15 Jahren) können als alkoholabhängig eingestuft werden, das sind ca. 370.000 Menschen. Der Anteil der alkoholabhängigen Männer ist etwa dreimal so hoch als jener der Frauen.

Österreich macht immer wieder Schlagzeilen damit, dass Impfraten unterhalb des OECD-Schnitts liegen. Gegen gewsse Krankheiten sinken die Impfraten gegen gewisse Krankheiten.

 

Eine 2010 bis 2011 durchgeführte Untersuchung des Instituts für Pharmaökonomische Forschung (IPF) zeigt, dass im EU-Vergleich der Verbrauch von Arzneimitteln in Österreich vergleichsweise gering ist. Pro Person werden hierzulande ca. 1010 „Standard Units“ abgegeben.

Die aktuellste Studie über den Medikamentenkonsum stammt aus dem Jahr 2015. Nach dem Anatomisch-therapeutisch-chemischen Klassifikationssystem der WHO (ATC-System) sind die am häufigsten verschriebenen Medikamente in Österreich: Mittel gegen Bluthochdruck, gegen säurebedingte Erkrankungen wie Sodbrennen und gegen psychische Erkrankungen.

Jungärzte

Österreichs Jungärzte - gefragt und "flüchtig"

Das Interesse am Medizinstudium ist ungebrochen hoch. Zugleich sind die Warnungen vor einem Ärztemangel ungebrochen präsent - denn viele Jungärzte verlassen Österreich. Was sind ihre Beweggründe und wie geht das Land damit um?
von Gregor Pogöschnik

Platz 6 in Sachen Gesundheitsausgaben, Platz 14 bei der Qualität der Behandlung - hier rangiert Österreich im EU-Vergleich.

 

Katrin ist 31 Jahre alt, hat in Wien studiert und arbeitet als Ärztin in Deutschland. Wie viele andere, hat sie es vorgezogen im Ausland zu arbeiten, obwohl Familie und Freunde in Österreich leben. Für ihre Fachrichtung gab es einfach zu wenig Angebot in der Bundeshauptstadt. „Und wenn schon nicht in Wien arbeiten, warum dann nicht gleich im Ausland, wenn die Bezahlung auch noch besser ist?“, lautet ihre Devise. Anders ist es bei Benjamin. Er ist 34 und Arzt in einem Wiener Krankenhaus. Der Deutsche hat einen ungewöhnlichen Werdegang hinter sich: Er studierte in Deutschland, kam dann nach Österreich, um hier zu arbeiten. „Ist das nicht die verkehrte Richtung?“, muss er sich immer wieder anhören. Und sich rechtfertigen:

Medizin – hartes Studium, hoher Andrang

Es gilt nicht nur als eines der schwersten, sondern ist auch eines der beliebtesten Studien: Medizin. Eine Rekordzahl an Anmeldungen hat die Medizinische Universität Wien im Frühjahr 2017 verzeichnet: 8030 Personen haben sich für ein Medizinstudium angemeldet, 6,8 Prozent mehr als im Jahr davor. Auch die medizinischen Universitäten Graz, Linz und Innsbruck konnten einen starken Anstieg an Bewerbungen verzeichnen. Für die insgesamt 1620 zur Verfügung stehenden Plätze haben sich österreichweit 15.991 für den Aufnahmetest registriert. Somit kann sich nur ca. jeder zehnte Interessent für ein Studium qualifizieren.

Gleichzeitig droht ein Ärztemangel, warnt die Ärztekammer. Auch das Gesundheitsministerium sieht Handlungsbedarf: Die ehemalige Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner (SPÖ) hat 2017 eine genaue Untersuchung der Datenlage zu Studienabschlüssen und Ärztemangel angefordert, da derzeit noch unterschiedliche Zahlen aus verschiedenen Quellen eine genaue Beurteilung der Situation nicht zulassen.

Einigkeit besteht aber weitgehend bei nachfolgender Zahl: 20 Prozent der Medizinabsolventen verlassen Österreich kurz nach ihrer Ausbildung. Insbesondere ausländische Studenten ziehen es vor, weg oder zurück in ihre Heimatländer zu ziehen. Das Wissenschaftsministerium ist schon seit Längerem mit Brüssel in Kontakt, um eine Österreicherquote im Medizinstudium durchzusetzen, was nach derzeitigem EU-Recht nicht möglich ist. Besonders umstritten: die deutschen Studenten. Befreit vom Numerus Clausus in Deutschland versuchen viele in Österreich die Aufnahme zum Medizinstudium. In Österreich studieren, in Deutschland arbeiten, ist bei vielen die Devise.

Die Statistik Austria hat ermittelt, dass 80 Prozent der deutschen Medizinabsolventen in Österreich innerhalb von drei Jahren nach dem Studium das Land verlassen, der Großteil davon sogar im ersten Jahr. Auch bei anderen EU-Bürgern ist die Situation mit 60 Prozent Landflucht nicht viel besser. Dies betrifft übrigens nicht nur das Medizinstudium. Fachübergreifend verlassen im Schnitt 60 Prozent der Absolventen nach ihrem Abschluss das Land, wobei auch hier die Deutschen die Statistik anführen. Im Vergleich dazu bleiben 90 Prozent der Österreicher nach ihrem Studienabschluss im Land.

Österreich - (k)ein lebenswerter Ort?

Was bewegt nun die Mediziner abzuwandern? Angebote, etwa aus Skandinavien, geben Hinweise: In unterbesetzten Kleinorten bekommen Ärzte bezahlte Dienstwohnungen, kostenlose Sprachkurse, Kindergartenplätze und bezahlte Heimflüge geboten. Und nicht zu vergessen: in etwa die doppelte Bezahlung.

Auch in der Schweiz und Deutschland, wohin die meisten österreichischen Absolventen abwandern, sind die Arbeitsbedingungen besser. In der Schweiz verdient ein Absolvent im Schnitt bereits 69.500 Euro im Jahr, in Österreich 37.000 Euro brutto. Die Lebenserhaltungskosten in der Schweiz sind zwar höher, am Ende bleibt einem aber noch immer deutlich mehr übrig als in Österreich. Zudem gibt es in der Schweiz keine Zwangsbeiträge an die Ärztekammer. Auch kann man in der Schweiz über Zusatzleistungen wie Fortbildungen und Dienstwohnungen verhandeln, in Österreich ist die Verwaltung dahingehend deutlich unflexibler.

Ein Medizinstudium ist nicht billig. Ausbildungsräume, lehrende Spezialisten und Lehrmaterial kosten den Staat viel Geld, um die zukünftige Gesundheit des Landes zu gewährleisten. Ein Medizinstudent kostet den Staat 26.000 Euro pro Jahr was bei eine Studiendauer von sechs Jahren 156.000 Euro macht. Inklusive praktischer Ausbildung rechnet der Staat mit einem Verlust von 400.000 Euro pro abgewandertem Mediziner. Die Ärztekammer schätzt den jährlichen Schaden auf etwa 250 Millionen Euro. Um diesem Umstand Herr zu werden, sollen in Österreich neue Gehaltsschemata kommen. Österreich muss wettbewerbsfähiger werden, lautet die Devise.

Ansichtssache: Ärztemangel?

„60 Prozent der Ärzte sind in den nächsten zehn Jahren in Pension", warnt Johannes Steinhart, Vizepräsident der Ärztekammer vor einem Ärztemangel. „Hier gibt es noch kein großes Umdenken in der Politik". Allerdings: Ob und wie drastisch der Ärztemangel ausfallen wird, ist nicht genau beziffert, da die Datenlage noch nicht ausreicht.

Laut Schätzungen muss sich Österreich jedenfalls auf eine deutliche Verschärfung der Situation einstellen. 3000 bis 4000 Ärzte sollen demnach in Wien im Jahr 2030 fehlen, errechnet das Forschungsinstitut für freie Beruf der Wirtschaftsuniversität Wien. Im Jahr 2025 sollen auf einen Allgemeinmediziner 3338 und auf einen Facharzt 2914 Patienten kommen. Grund dafür ist nicht nur die Abwanderung der Jungärzte, sondern auch die hohe zahl an Pensionsantritten der Baby-Boomer Generation. Laut Steinhart sollen mehr als 60 Prozent der Kassenärzte in den nächsten zehn Jahren das Antrittsalter erreichen. In Wien soll es 2030 überhaupt nur mehr 190 Hausärzte mit Kassenvertrag geben.

Nicht ganz so dramatisch bewertet die Wiener Gebietskrankenkasse die Lage: Nach wie vor gebe es breites Interesse an Kassenverträgen und die zunehmende Zahl der Studierenden sollte dem zusätzlich entgegenwirken. Außerdem wurde die Mindestöffnungszeit für Ordination im Jahr 2004 auf 20 Stunden erhöht und niedergelassene Ärzte dürfen bis 70 Arbeiten.

Wie schwierig die Situation zu beurteilen ist, erzählt auch ein Arzt am Wiener AKH. Er sieht in Wien derzeit keinen akuten Ärztemangel, vielmehr liege ein Stadt/Land-Gefälle vor. In den Städten sei die Situation bei weitem nicht so dramatisch wie in den ländlichen Gebieten. So werde für eine Arztstelle in Vorarlberg teilweise das doppelte Gehalt geboten als in Wien, um die Abwanderung in die Schweiz zu verhindern. Auch die Ansprüche hätten sich durch die zusätzliche Exklusivität der Ärzte erhöht. Sie haben heute eine bessere Auswahl und mehr Freiheiten. Das habe sich vor allem nach Beschluss der neuen Ärzteausbildung 2014 bemerkbar gemacht.

Reformen der Medizinerausbildung am Weg

2014 beschloss die damalige Bundesregierung nach langem Tauziehen die neue Ärzteausbildung. Statt wie bisher drei bis vier Jahre Turnusausbildung zum praktischen Arzt, bekommen Jungärzte seither eine neunmonatige Basisausbildung in der sie Grundkenntnisse in Chirurgie und Innerer Medizin lernen. Erst danach kommt es zu einer Spezialisierung zur Allgemeinmedizin oder einer Fachdisziplin. Die Ausbildung zum praktischen Arzt dauert dann zusätzliche vier, bei Fachärzten sechs Jahre. Somit dauert die Ausbildung von der Matura bis zum fertigen Facharzt inklusive Studium zwölf Jahre.

Das Wegfallen der Turnusausbildung ist es, was vielen vor allem kleineren Krankenhäusern auf den Kopf fällt. Früher konnte jeder Medizin studieren und die Arbeitsplätze waren begrenzt. Krankenhäuser hatten die Wahl, sich für besser ausgebildete Ärzte zu entscheiden, was dazu führte, dass viele die schlechter bezahlte Turnusausbildung wählten und die Häuser leichter zu billigen Arbeitskräften kamen. Das ist jetzt anders. Durch die Änderung der Ausbildungsverordnung und den steigenden Bedarf an Ärzten können diese sich zunehmend für bessere Optionen entscheiden und den Häusern fehlen oft schlichtweg die Mittel ihre offenen Stellen attraktiver zu machen.

Freilich: An sich haben Jungärzte im Krankenhaus geregelte Arbeitszeiten von Montag bis Freitag 8 bis 16 Uhr. Diese wird mit etwa 3500 Euro brutto im Monat vergütet. Dazu kommen Nachtdienste, die extra vergütet werden und nicht in die normale Arbeitszeit fallen. Durch diese – meist freiwillige Option - kann es zu erheblichem Mehraufwand kommen, wodurch viele Ärzte eine 55 bis 60 Stundenwoche haben. Maximal sind 60 Stunden pro Woche erlaubt, was den Verwaltungsaufwand bei gleichzeitiger Knappheit an Personal erschwert. Viele Ärzte klagen über Übermüdung und Fahrlässigkeit seitens des Gesetzgebers. Notfälle bedürfen hoher Konzentration und die ist nach über zwölf Stunden Stunden Dienst oder mehr nicht immer gegeben.

Gemischte Zukunft

Um dem Problem nachhaltig Herr zu werden, braucht es Wohl einen Mix an Maßnahmen. Zum Einen, Arztgehälter die im internationalen Wettbewerb bestehen können und zum Anderen ausreichend Ausbildungsplätze, um die bevorstehende Pensionierungswelle abzufedern. Für Arzt Benjamin ist man auf jeden Fall auf dem richtigen Weg. Die Situation für ihn hat sich in den letzten Jahren verbessert, es gibt aber noch Baustellen. Vor allem der Verwaltungsaufwand für die Ärzte sei noch sehr hoch:

Neben fehlender Attraktivität des österreichischen Arbeitsmarktes für Ärzte sieht Ärztin Katrin auch in der fehlenden Gleichschaltung der Systeme ein Problem. Sie würde bei jetzigem Wechsel nach Österreich ein Jahr ihrer Facharztausbildung verlieren. „Ich möchte zurück nach Österreich“, sagt sie. „Aber nicht um jeden Preis.“

Krankenversicherung

Hilfe ohne Krankenschein

von Ornella Luna Wächter

Zwischen 60.000 und 80.000 Menschen in Österreich sind nicht krankenversichert.

 

Es ist 10 Uhr morgens, das Wartezimmer von Ambermed ist brechend voll. Etwa 50 Männer und Frauen, darunter viele Paare, haben auf den Holzstühlen Platz genommen. Es ist warm und stickig. Man wartet. Eine junge Frau mit dunklen lockigen Haaren hat ihren Kopf auf den Schoß ihres Partners gebettet und wischt gelangweilt über Display ihres Smartphones. Sie ist schwanger. Bis das junge Paar ins Behandlungszimmer des Frauenarztes gerufen wird, kann es noch dauern.

Ambermed Einrichtungsleiterin Carina Spak – (c) Nadja Meister

Ambermed, eine Einrichtung der Diakonie und des Österreichischen Roten Kreuzes, bietet Menschen ohne Krankenversicherung kostenlos eine ambulant-medizinische Versorgung an. Um dort eine Behandlung zu bekommen, müssen die Patienten an den südlichen Stadtrand Wiens fahren, in die Oberlaaer Straße 300. „Wir haben nur einen kleinen Prozentsatz an österreichischen Patienten, der größte Teil sind Menschen mit Migrationshintergrund. Ein Drittel davon sind Asylwerber, die noch nicht in Grundversorgung sind. Der größte Teil sind Migranten aus anderen EU-Ländern oder Drittstaaten“, zählt Carina Spak, die Leiterin bei Ambermed, auf.

Versicherung ist kein Grundrecht

Ursachen für eine fehlende Krankenversicherung gibt es viele. Es ist ein Mix aus Unwissenheit, Scham vor Behördengängen und fehlender Anspruchsberechtigung. Denn in Österreich ist die Gesundheitsversicherung stark an Einkommen und Vermögen gekoppelt. So sind Arbeitslose nur versichert, die Arbeitslosengeld beziehen, oder über die Mindestsicherung.

Wer nicht über den Arbeitgeber bei einer der 19 gesetzlichen Krankenkassen versichert ist, muss es privat machen. Im Jahr 2016 waren in Österreich nach Angaben der Österreichischen Sozialversicherung (SVA) über sieben Millionen Menschen gesetzlich krankenversichert.

Einige der Patienten kommen nur kurzfristig zu Ambermed, um ihre Zeit ohne Gesundheitsversicherung zu überbrücken. Das betrifft etwa Auslandsösterreicher, die zurückkommen und noch keinen Anspruch auf eine Versicherung haben. Daneben gibt es eine Vielzahl von Patienten, die Ambermed aufsuchen, weil sie sich trotz Arbeit keine Krankenversicherung leisten können. Neben Menschen mit geringfügigen Einkommen sitzen also ehemalige Unternehmer, die in Konkurs geraten sind, oder Studenten, die ihre Zahlungen verabsäumt haben.

Eine andere große Gruppe sind alleinerziehende Frauen, die seit ihrer Scheidung nicht mehr bei ihren Ehegatten mitversichert sind. Auch Obdachlose fallen in die Zahlen der nicht-versicherten Personen in Österreich. Diese gehen jedoch vorwiegend in die Ordination des Neunerhauses und in das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, die speziell Behandlungen für Wohnungslose anbieten.

Kostenlose Ambulanzen gibt es in ganz Österreich. Allerdings zeigt sich laut Sozialexperte Martin Schenk ein Ost-West-Gefälle. Das bedeutet: Im Osten gibt es Einrichtungen vor allem in den Hauptstädten Wien, Graz und Linz. „Im Westen ist die Versorgung schlechter“, meint der Experte. Dort seien es oft Privatpersonen, die Hilfe anbieten würden.

Wachsende soziale Ungleichheit

Seit der Einführung der Grundsicherung dürften die Zahlen auf 60.000 bis 80.000 Betroffene gesunken sein. "Die Asylkoordination hat die Zahl von den ursprünglich 100.000 Nicht-Versicherten heruntergestuft", sagen Schenk und Spak. Vor allem die Zahl von österreichischen Staatsbürgern sei weniger geworden.

Allerdings: Obwohl die Zahl der Nicht-Versicherten zurückgegangen ist, behandeln die Ärzte bei Ambermed immer mehr Patienten. Während es im Jahr 2012 noch 1592 Menschen waren, stieg die Zahl 2016 auf insgesamt 3517 an.

Spak führt diese Zunahmen auf die gestiegene Bekanntheit der Einrichtung zurück. Schenk hingegen führt eine wachsende soziale Ungleichheit in Österreich als ausschlaggebend an. Als Begel hierfür nennt er einer Studie aus dem Jahr 2015 über Lücken und Barrieren im österreichischen Gesundheitssystem. „Zwar sinkt die Zahl insgesamt, aber innerhalb der Gruppen gibt es trotzdem Verschiebungen. Asylwerber oder Migranten aus dem EU-Ausland kommen nun durch die Grundsicherung in das Gesundheitssystem", sagt der Sozialexperte.

Martin Schenk – Nadja Meister
Am österreichischen Arbeitsmarkt gebe es immer mehr befristete Arbeitsverhältnisse und schlecht bezahlte Arbeit, so Schenk, der gerade an in einer Neufassung der Studie arbeitet, die im Laufe des nächsten Jahres veröffentlicht werden soll. Viele der prekär Arbeitenden sind damit nur temporär krankenversichert oder können sich den Beitrag von rund 50 Euro im Monat schlicht nicht leisten.

Spak weist auf ein weiteres Problem hin: Sie erzählt von Patienten, die von ihrem Arbeitgeber an einem Tag angemeldet und am nächsten Tag wieder abgemeldet wurden: „Dann wissen sie oft gar nicht, dass sie gar nicht mehr versichert sind.“

Armut macht krank, Krankheit macht arm

Laut Schenks Studie von 2015 werden gerade Menschen aus unteren sozialen Schichten häufiger krank als der Rest der Bevölkerung. Wer keiner Arbeit nachgeht oder nur sehr unregelmäßig, hat Schwierigkeiten gesund zu bleiben. Demnach geben 56 Prozent mit keinem oder sehr niedrigem Einkommen an, an einer chronischen Krankheit zu leiden. Bei Personen, die Sozialleistungen beziehen, sind es 54 Prozent. „Armut macht krank“, lautet Schenks Fazit. Das liege nicht nur am fehlenden Geld, sondern auch an den damit verbundenen Ressourcen.

Schenks Erhebungen zeigen: Wer in schimmeligen Wohnungen lebt, schlechter Luft ausgesetzt ist oder hohem Stress im Alltag, erkrankt doppelt so häufig als jemand in gesunden Wohn- und Arbeitsverhältnissen.

Menschen, die in prekären Wohnverhältnissen unter der Armutsgrenze leben, haben einen dreimal schlechteren Gesundheitszustand als Menschen mit hohen Einkommen. Wer einen Vollzeit-Job hat, geht öfter zum Arzt und lebt gesünder. Nur 27 Prozent der Vollzeit-Erwerbstätigen geben an, chronisch krank zu sein.

Die Studie von Schenk zeigt weiters einen starken Zusammenhang zwischen dem Bildungsstand und dem Auftreten chronischer Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes, Arthrosen oder Herzinfarkten auf. Je weiter der soziale Status sinkt, desto mehr steigen die Krankheiten an. Die Lebenserwartung in unteren sozialen Schichten ist demzufolge deutlich geringer.

Auch finanzieller Druck schränkt die Behandlungsmöglichkeiten ein: Zudem suchen einkommensschwache Personen bis zu 20 Prozent seltener Fachärzte auf und bekommen durchschnittlich billigere Medikamente verordnet. Die Gesundheit steht oft nicht an erster Stelle, wenn es um das eigene Wohl geht. Ein Arzt wird oft erst dann aufgesucht, wenn die Krankheit sehr weit fortgeschritten ist. „Gerade Patienten, die Angst haben ihren Arbeitsplatz zu verlieren, gehen erst zum Arzt, wenn es gar nicht mehr geht,“ sagt Spak. „Da kann man die Menschen oft nur mit der vollen Chemie-Keule halbwegs schmerzfrei bekommen.“

(Freiwilliger) Verzicht auf Krankenversicherung

Ein weiteres Problem: Laut dem Sozialexperten Schenk hat zwar fast jeder zweite der Nicht-Versicherten Anspruch auf eine E-Card, doch wird der Schutz oft nicht wahrgenommen. „Wir haben gesehen, dass am Land besonders viele auf die Mindestsicherung verzichten und damit auch auf medizinische Hilfe. Da kennt jeder jeden und geht nicht gern mit der Mindestsicherung zum Gemeindearzt“, schildert Schenk. Schlechte Erfahrungen am Amt, Angst vor einer Stigmatisierung in der Dorfgemeinschaft oder sein Eigentum zu verlieren, halten außerdem viele davon ab, die Mindestsicherung in Anspruch zu nehmen.

Selbst die Medikamente der Einrichtung sind gespendet. – (c) Nadja Meister
Zudem haben viele das Gefühl, nur das „Billigste zu bekommen“, zitiert Schenk Befragte in seiner Studie. Als Indiz dafür geben sie u.a. lange Wartezeiten beim Arzt an.

Hilfe dank Hilfsleistungen

Einrichtungen wie Ambermed schwimmen nicht in Geld. Sie finanzieren sich mit einem Budget von knapp 280.000 Euro im Jahr. Miete zahlen sie keine, da sie kostenlos beim Österreichischen Roten Kreuz untergekommen sind. Das neue Ultraschallgerät war eine Sachspende der Ärztekammer. Die Stühle in den Behandlungsräumen wurden über Ikea-Gutscheine gekauft. Zur Hälfte werde Ambermed über Förderungen von der Gebietskrankenkasse, der Stadt Wien und dem Gesundheitsministerium finanziert, so Spak. „Den Rest finanzieren wir über Projektförderungen und Sachspenden.“

Mittlerweile ist es 11 Uhr und das Wartezimmer ist noch immer ziemlich voll. Der Frauenarzt hat alle Hände voll zu tun. Beim letzten Mal haben er und seine schwangere Freundin drei Stunden gewartet, erzählt der junge Mann in einer kurzen Raucherpause draußen. Bis sie drankommen, werden es wohl ein paar Zigaretten mehr werden. Es wird ein langer Tag.

Psychiatrie

Warten auf den Psychiater

von Damita Pressl

138 Kassenpsychiater gibt es in Österreich

Die psychische Gesundheitsversorgung in Österreich hinkt immer noch hinter anderen Bereichen her. 138 Fachärzte gab es in Österreich zum 31.12.2015, für die Psychiatrie zu ihrer Berufsbefugnis gehört und die einen Vertrag mit einer Gebietskrankenkasse haben. Darin inkludiert sind Psychiater und weiters Fachärzte, die das Doppelfach Neurologie/Psychiatrie oder Psychiatrie/Neurologie führen und einen Schwerpunkt in der Psychiatrie haben.

Zum Vergleich: Genau 138 aktive Mitglieder des Orchesters der Wiener Staatsoper führt auch die Website der Wiener Philharmoniker zum jetzigen Zeitpunkt an.

Insgesamt gibt es in Österreich zwar etwa 1500 Psychiater, rund ein Drittel davon in Wien. Die allermeisten sind aber in Spitälern beschäftigt oder arbeiten als Wahlarzt. Die wenigen Kassenpsychiater können Akutpatienten nicht ohne Wartezeit behandeln.

„Natürlich springen die Spitalsambulanzen ein, es bleibt ihnen ja nichts anderes übrig. Somit müssen Akutpatienten in Spitalambulanzen, wo sie eigentlich nicht hingehören. Die Wartezeiten sind je nach Versorgungsregion unterschiedlich, aber man wartet im Schnitt mehrere Monate auf einen Platz beim Kassenpsychiater.“, erklärt Christa Rados, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP).

Johanniskraut und Schulterklopfer

Besonders in akuten Fällen, in der eine möglichst schnelle psychiatrische Untersuchung nötig wäre, wird die niedrige Facharztdichte problematisch. Ella* (25, Name v.d.Red. geändert), erlitt aufgrund einer Erschöpfungsdepression einen Zusammenbruch und wurde ins Krankenhaus gebracht.

„Zwischen meinem Zusammenbruch und dem Termin beim Psychiater vergingen sechs Wochen. So lange verschrieb mir mein Hausarzt einfach weiter jene Tabletten, die ich im Krankenhaus bekommen hatte. Ich bekam also weiter starke Psychopharmaka, ohne dass ein Facharzt das Rezept oder die Dosis überprüft hätte.“

Dass Allgemeinmediziner nicht immer qualifiziert sind, psychische Krankheiten zu behandeln, musste auch Katharina (29) erfahren, als sie mit den Symptomen eines Burn-Outs zu ihrem Hausarzt in Wels kam.

„Ich wurde überhaupt nicht ernst genommen. Als ich mich an meinen praktischen Arzt wandte, meinte der nur ‚Das ist halt so, Sie sind jung, Sie müssen sich erst ans Arbeiten gewöhnen‘. Er hat mich eine Woche lang krankgeschrieben, und mir Johanniskraut empfohlen, mit den Worten ‚Das wird schon wieder‘. Im selben Quartal war ich nochmals dort und habe um eine Krankschreibung gebeten, diese hat er mir nicht gegeben.“

 

Foto von Katharina am Weihnachtsmarkt
Foto von Katharina am Weihnachtsmarkt
Katharina – Foto von Henrik Hulander

Nach Katharinas Umzug nach Wien ging alles deutlich schneller: Sie wandte sich an den psychosozialen Dienst und erhielt nach einem Erstgespräch mit der Psychiaterin direkt einen Therapieplatz bei einer Psychologin. Diesen konnte sie eineinhalb Jahre lang in Anspruch nehmen.

Die ÖGPP fordert eine maximale Wartezeit von drei Wochen auf einen Ersttermin beim Psychiater, dementsprechend müsse die Dichte an Kassenärzten gestaltet werden. Momentan seien bereits die Planstellen zu niedrig bemessen.

135 Personen können die fachärztliche Versorgung in einem 9-Millionen-Land bei der Häufigkeit der Erkrankungen nicht absichern

Christa Rados

Jeder Dritte bis Vierte betroffen

Jeder dritte bis vierte Österreicher leidet im Laufe eines Jahres an einer psychischen Erkrankung. Zumindest lautet so die gängige Schätzung, denn genaue Daten zur Häufigkeit psychischer Erkrankungen in Österreich gibt es gar nicht, erklärt Rados. Es gebe zwar europaweite Studien und Einzeldaten zu bestimmten Erkrankungen; um die Gesamtsituation zu erfassen, müsse man aber zu den Nachbarn blicken.

„Es ist durchaus legitim, die Daten aus Deutschland, die wir aus dem German Health Interview haben, auf Österreich umzulegen. Ich glaube nicht, dass es in Österreich grundlegend anders ist als in Deutschland.“

Stimmt diese Annahme, leidet etwa jeder Zehnte an Depressionen – von dieser Zahl geht auch die österreichische Arbeiterkammer aus. Ebenso jeder Zehnte gibt, zumindest in Deutschland, eine starke Stressbelastung an. An Angststörungen leiden im Laufe eines Jahres sogar 15% der Bevölkerung. 

Was psychische Erkrankungen kosten

Eine Studie des Hauptverbands der österreichischen Sozialversicherungsträger aus dem Jahr 2011 geht davon aus, dass in Österreich jährlich zwischen 790 und 850 Mio. Euro für psychisch erkrankte Menschen ausgegeben werden. In diesen Kosten inbegriffen sind Medikamente, Psychotherapie, psychiatrische Behandlung, ärztliche Leistungen, Diagnostik, Krankengeld sowie Ausgaben für Spitäler. Etwa 900.000 Menschen sind es, die wegen psychischer Diagnosen jedes Jahr das Gesundheitssystem in Anspruch nehmen.

 

Zusätzlich entgehen der Wirtschaft durch Krankenstände und Frühpensionen produktive Arbeitskräfte, wobei die Kosten hier schwer zu objektivieren sind, da sie nur mit Modellrechnungen geschätzt werden können. Klar ist allerdings: die Krankenstände bei psychischen Krankheiten sind mit durchschnittlich 40 Tagen deutlich länger als jene bei somatischen Krankheiten, die 11 Tage dauern. Einige Erkrankte scheiden auch ganz aus dem Erwerbsleben aus.

„Betrachtet man die Pensionsneuzugänge an Berufs- bzw. Erwerbsunfähigkeitspensionen des Jahres 2016 nach Krankheitsgruppen, so lässt sich feststellen, dass an der Spitze Erkrankungen aus der Gruppe „Psychische und Verhaltensstörungen“ mit 34,9 % stehen.“, heißt es im diesjährigen Handbuch der österreichischen Sozialversicherung. Im Jahr 2016 waren damit knapp 60.000 Personen betroffen.

Allerdings sei die Problematik teils auch eine systemische, gibt Rados zu bedenken. Der Arbeitsmarkt biete für einen Teil dieser Personengruppe kaum Chancen mehr und es könne sich daher eine derartige Verzweiflung und psychische Belastung ergeben, dass eine Frühpensionierung naheliege. „Das ist oft ein Henne-Ei-Problem. Ist jemand depressiv, weil er keinen Job hat, oder hat jemand keinen Job, weil er depressiv ist?“ 

„Psychisch Kranke haben keine Lobby“

Trotz der Häufigkeit solcher Krankheiten und deren Auswirkungen auf das Sozialsystem in Österreich werden Betroffene immer noch stigmatisiert, erzählt Rados.

„Es ändert sich, aber sehr langsam. Ich bin jetzt mehr als 30 Jahre ärztlich tätig. In der Zeit hat sich schon was getan in der Einstellung, aber da ist noch viel zu erledigen. Jeder glaubt, das kriegen nur die anderen. Die, die irgendwie schwächer oder lebensuntüchtiger sind. Es gibt auch in jeder Region eine Beschimpfung für die lokale Psychiatrie. Ich glaube schon, dass das auch eine Rolle spielt.“

Diese Stigmatisierung hat teils sehr reale Konsequenzen: es herrschen für psychische Erkrankungen merklich schlechtere Behandlungsbedingungen.

Psychotherapie: etwa die Hälfte des Bedarfs gedeckt

Knapp zwei Prozent der österreichischen Bevölkerung ist derzeit in psychotherapeutischer Behandlung, es sei davon auszugehen, dass bei etwa drei bis fünf Prozent der Bevölkerung eine solche Behandlung sinnvoll wäre, erklärt Heinz Laubreuter, Vorstand der Wiener Gesellschaft für Psychotherapeutische Versorgung: „Ungefähr die Hälfte der Personen, für die eine Psychotherapie tatsächlich das erste Behandlungsmittel der Wahl wäre, bekommen eine solche Behandlung. Das ist aber, so komisch es klingt, im europäischen Vergleich sehr gut.“

Aber auch hier sind die Wartezeiten oft lang. „Über Wartezeiten gibt es leider keine verlässlichen Zahlen, wir gehen in Wien im Schnitt davon aus, dass die Wartezeit auf einen ambulanten kassenfinanzierten Therapieplatz über die Jahre gesehen irgendwo zwischen zwei und fünf Monaten liegt.“, so Laubreuter.

Versorgung nach Gießkannenprinzip

Die Patienten auszuwählen, denen ein Kassenplatz zugestanden wird, ist heikel. Denn der Übergang zwischen Gesundheit und Krankheit ist im psychiatrischen Bereich bei weitem nicht so klar wie in der somatischen Medizin. Es ist nicht nur auf Patientenseite schwieriger, festzustellen, wer krank ist, sondern auch auf Dienstleisterseite fraglich, ob jeder Psychotherapeut tatsächlich qualifiziert ist, psychiatrische Krankheiten zu behandeln. Laut dem Psychotherapeutengesetz können sich in Österreich Lehrer, Philosophen oder Theologen zum Psychotherapeut ausbilden lassen. Die Ausbildung beinhaltet zwar einen theoretischen Teil zu Psychiatrie und Psychopathologie, entscheidet sich ein angehender Therapeut aber, den praktischen Teil etwa in einer Beratungsstelle zu absolvieren, kann er es durchaus zum ausgebildeten Therapeuten schaffen, ohne jemals mit psychiatrisch erkrankten Menschen in Kontakt zu kommen.

„Im Zuge der Ausbildung muss man nicht unbedingt etwas über psychiatrische Erkrankungen lernen oder klinische Erfahrung haben, um Psychotherapeut zu werden. Dazu kommt, dass viele den Beruf „nebenher“ betreiben, ihn also ein paar Stunden pro Woche betreiben. Aber wie oft etwas gemacht wird, ist ein ganz wichtiger Qualitätsindikator“, sagt Rados. Der Patient hat also die Qual der Wahl: die beinahe 10.000 Psychotherapeuten in Österreich bieten 23 verschiedene gesetzlich anerkannte psychotherapeutische Methoden an – so viele wie in keinem anderen Land. Zum Vergleich: in Deutschland sind es zwei. 

„Österreich hat im internationalen Vergleich ein liberales Therapiegesetz. Das ist ein Unikum, ich kenne kein anderes solches Gesetz. Es würde heute wohl auch nicht mehr so beschlossen werden. Das hat vor allem historische Gründe.“

Heinz Laubreuter

Was wirklich als Krankenbehandlung gilt und was nicht, müsste viel genauer diskutiert werden, meint Rados. „Psychotherapie auf Krankenschein sollte es nur dann geben, wenn es wirklich eine Krankenbehandlung ist. Darum sollte sich die Diskussion drehen. Derzeit haben wir ein Gießkannenmodell: Alle kriegen ein bisschen was. Davon sind manche krank, manche wahrscheinlich wiederum eher nicht so sehr.“

Von der Diagnose abgesehen gibt es bei der Verteilung der Kassenplätze auch administrative Unklarheiten. Tina (36) leidet unter einer schweren Traumastörung, wohnt in Wien, und erzählt: „Meine Therapeutin hat einige Kassenplätze, die von der WGKK bezahlt werden. So lange da Personen bei ihr sind auf Kosten der WGKK, kann sie für neue Leute keinen Antrag auf Kostenübernahme durch die WGKK stellen. Erst wenn wer aufhört. Aber es war überhaupt kein Problem, einen Antrag bei der StGKK zu stellen. Bei mir ist das deshalb gegangen, weil ich noch in Graz gemeldet und versichert war. Es gibt also ein Kontigent der StGKK in Wien für Psychotherapie, das logischerweise nicht ausgeschöpft wird.“

Zweitdiagnose als Auflage für Kassenplätze

Die Unschärfen im System gehen vor allem auf Kosten jener Patienten, bei denen ganz klar eine schwere psychiatrische Erkrankung vorliegt, die aber trotzdem um ihren Kassenplatz bangen müssen. Von Tina verlangt die Gebietskrankenkasse nach 70 Therapiestunden einen Krankheitsbeweis – für die Patientin erst der Anfang, für die Krankenkasse offenbar mehr als genug. „Die von der GKK meinen, nach 70 Stunden muss ich eh gesund sein. Wenn ich dann immer noch nicht gesund bin, muss ich es beweisen. Es reicht nicht, wenn meine Therapeutin oder/und mein Arzt das bestätigen, sondern ich muss eine „Zweitdiagnose“ machen.“

Bei einer Zweitdiagnose ist der Grundgedanke der Krankenkasse jener, dass bei andauernden Behandlungen sichergegangen werden soll, ob eine Psychotherapie das geeignetste Behandlungsmittel ist. Davon soll sich ein Zweitbegutachter in einem einstündigen Gespräch überzeugen. „Psychotherapie kann aufgrund vieler Therapiestunden eine teurer Leistung sein. Die Kassen müssen sich daher davon überzeugen, dass nach langer Therapiedauer noch eine Krankheit vorliegt, für die sie leistungszuständig sind. Hier werden natürlich Gutachterinnen herangezogen“, so eine Sprecherin des Hauptverbands der österreichischen Sozialversicherungsträger. Wenn der Gutachter allerdings nicht qualifiziert ist, mit dem jeweiligen Krankheitsbild umzugehen, kann das desaströse Folgen haben, weiß Tina. „Ich musste alles, was mir passiert war, nochmals im Detail durchgehen und mich rechtfertigen. Die Zweitdiagnose war so arg und hat mich so retraumatisiert, dass ich mich drei Wochen lang jeden Tag umbringen wollte. Jetzt habe ich natürlich noch mehr Angst und will nicht mal mehr eine Therapie machen, was natürlich kein rationaler Gedanke ist, sondern ein völlig panischer.“

Fehlender Durchblick bei Vereinsangeboten

Das Angebot an Vereinen und Organisationen, die Patienten eine Psychotherapie vermitteln können, ist nur schwer überschaubar. Neben den Spezialangeboten für bestimmte Störungen und Erkrankungen gibt es Vereine wie TIRAM, der sich speziell an sozial schwächere Betroffenere wendet, die psychologische Studierendenberatung, den Verein für ambulante Psychotherapie, die Wiener Gesellschaft für Psychotherapeutische Versorgung – die Liste könnte fortgesetzt werden.

 „Ich sehe die Problematik. Mir ist sehr bewusst, dass aus Patientensicht das psychologische Angebot nicht leicht zu eruieren ist. Das muss man als Konsumentenschutzproblem sehen. Wir haben aus diesem Grund vor über einem Jahr eine Telefonnummer gekauft, 310210 – 0, wo jeder anrufen kann, egal was er oder sie hat, und wir schauen. Wir haben Zeit und Personal darin investiert, unsere Hotline ist vier Tage die Woche besetzt.“, sagt Laubreuter. Die Hotline erhalte etwa 30 Anrufe am Tag, und man sei bemüht, für jeden Anrufer eine passende Lösung zu finden.

Die Abteilung für Sozialpsychiatrie der Medizinischen Universität Wien führt momentan die erste umfassende epidemiologische Studie zu psychiatrischen Erkrankungen in Österreich durch. Auf Anfrage der Presse hieß es, man könne noch keine Auskunft zu den Ergebnissen geben. Jedenfalls ist eine solche Studie lang überfällig, empfohlen wurde eine repräsentative Erhebung zu Prävalenz psychischer Störungen bereits 2013 vom Beirat für psychische Gesundheit des Gesundheitsministeriums. Ist der Versorgungsbedarf einmal sinnvoll erhoben, kann die Politik ableiten, wie gut er gedeckt ist und die Gesundheitsplanung entsprechend anpassen.

Magersucht

"Alles war extremer": Der Weg einer Wienerin aus der Essstörung

Der Mangel an krankenkassenfinanzierten Psychotherapieplätzen in Wien erschwert oftmals Menschen die Suche nach Hilfe. Vor allem für junge Betroffene ist es oft nicht möglich, eine private Psychotherapie finanziell zu stemmen.
von Lena Hemetsberger

400 Kalorien - und keine mehr, nahm Sarah pro Tag zu sich.

 

"Ich weiß noch, mir war immer kalt, von innen und von außen kalt. Man sag ja, jeder hat so ein Feuer in sich, eine Art Energie, bei mir war das aus. Wenn ich auf der Straße gegangen bin, hab ich das Gefühl gehabt, ich werde nicht wahrgenommen, wie ein Gespenst." Sarah, 28, litt jahrelang unter einer Essstörung. 200.000 Österreicher sind laut Gesundheitsministerium einmal in ihrem Leben von diesem Krankheitsbild betroffen. Oft beginnt es harmlos, mit zwei Freundinnen, die gemeinsam abnehmen wollen. Bei Sarah war es der Umgang mit ihren alkoholkranken Eltern. So lange sie sich auf das Essen und Nicht-Essen konzentrierte, so lange traten die Probleme in den Hintergrund. Dann aber, als sie auszieht, bricht alles über ihr zusammen. Sie isst weniger als 400 Kalorien am Tag, zieht sich immer mehr zurück. Schließlich gesteht sie sich ein, dass sie Hilfe braucht.

Kein Diätwahn, sondern psychologischer Ernstfall

Seit 2001 werden jährlich um die 2000 Personen im Jahr verzeichnet, die wegen der Diagnose Essstörung (unterschieden werden die klassische Magersucht, die Bulimie, die Ess-Brech-Sucht und die atypischen Essstörungen) einen Spitalsaufenthalt benötigten - wobei dies nur jene Extremfälle abbildet, die stationär aufgenommen wurden. Die größte Gruppe bilden hier junge Frauen im Alter von 15 bis 19 Jahren.

In der gesellschaftlichen Diskussion werden Essstörungen allzu oft halbherzig als übertriebener Diätwahn abgetan. tatsächlich sind sie meist ein Symptom einer viel tiefergehenden psychologischen Problematik. Junge Menschen sehen im Abnehmen eine Möglichkeit, Kontrolle über einen Aspekt ihres Lebens zu gewinnen, es sind "Erfolgserlebnisse", während andere Lebensbereiche negativ konnotiert sind. 

Auch Sarah fand schließlich Hilfe in jenem Krankenhaus, das sie heute noch als "kleines Zuhause aus Watte" bezeichnet. Im sechsten Bezirk betreibt das Barmherzige Schwestern Krankenhaus Wien die III. Medizinische Abteilung für Innere Medizin und Psychosomatik. Hier werden Menschen behandelt, deren psychische Krankheiten körperliche Auswirkungen haben. Sarah wurde aufgrund ihres schlechten Zustandes stationär aufgenommen. Da sie stabil genug war, konnte sie an dem dort angebotenen achtwöchigen Therapieprogramm teilnehmen. Damit begann für sie eine Zeit intensiver Psychotherapie, ärztlicher Betreuung, der Arbeit mit sich selbst und mit anderen kranken Menschen.

Erster Schritt: Überleben sicherstellen

Nicht bei allen Patienten ist jedoch die Eingliederung in das achtwöchige Intensivtherapie-Programm dieser Station ohne weiteres möglich. Alwin Hockl, der ärztliche Leiter der dortigen stationären und tagesklinischen Programme, muss mit seinen Kollegen für jeden Patienten das richtige Behandlungsformat finden. Denn Personen, die sich bereits in einem sehr stark untergewichtigen Stadium befinden, müssen zuerst medizinisch versorgt und ihr Überleben gesichert werden. "In einem besonders kritischen Zustand geht es da erst einmal darum, dass bei diesen Menschen keine schweren medizinischen Komplikationen auftreten", betont Hockl.

Sarahs Body Mass Index (BMI) lag bei der Aufnahme bei 14,7. In anderen Worten: Mit ihren 45 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,75 Meter war sie bereits im stark untergewichtigen Bereich, musste aber noch nicht künstlich ernährt werden. Zum Vergleich: Das Normalgewicht liegt bei jungen Frauen zwischen einem BMI von 18,5 und 25.

Obwohl Sarah bereits stark untergewichtig war, traf sie auf der Station immer wieder Frauen, die weitaus dünner waren als sie. Mit einem Schlauch in der Nase, der zu einem Tropf mit Flüssignahrung führt, tauchten sie an den Türen der Krankenzimmer auf. "Ich hab, bevor ich dort war, noch nie so dünne Menschen gesehen, obwohl ich selber auch sehr abgemagert war", erzählt Sarah heute. "Es hat mich erinnert an diese Bilder, die wir in der Schule gesehen haben, von Leuten in KZs."

Body Mass Index

Der BMI errechnet sich aus Körpermasse (in Kilogramm) durch Körpergröße (in Metern) zum Quadrat. Es handelt sich nur um einen Richtwert.

Auch für das Team aus Ärzten, Therapeuten und Diätologen stellen die Extremfälle eine Herausforderung dar. "Das Bewusstsein für die Erkrankung ist bei Essstörungspatienten nicht überall gegeben. Daher ist es wichtig, große Erfahrung und Kompetenz in der Zusammenarbeit mit den Patienten zu haben", sagt Hockl.

Ein weiteres Problem ergibt sich daraus, dass durch den starken Abmagerungsgrad und das Hungern die kognitiven Fähigkeiten der Betroffenen eingeschränkt werden. Es ist für jemanden, der kaum etwas zu sich nimmt, nur noch schwer möglich, komplexe Zusammenhänge zu verstehen, die Dramatik der eigenen Situation zu erkennen oder sich in Therapiesitzungen zu konzentrieren. Davon weiß auch Sarah zu berichten: "Ich weiß noch, ich bin damals am ersten Tag in den Gruppentherapieraum rein und da saßen schon zwei andere magersüchtige Frauen und ich hab mir gedacht: 'Na wenn das die Therapeuten sind, kann ich gleich wieder gehen.'"

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Nach der Beendigung eines Therapieprogramms wird mit den Patienten besprochen, wie es weitergehen soll. Manchmal gibt es Personen, die schon frühzeitig die Behandlung abbrechen wollen, da sei das Team besonders bemüht, sie zu halten, so Hockl. "Unser Ziel ist eine Besserung des Zustandes, sodass der Alltag wieder alleine bewältigt werden kann."

Unabdingbar, so der Experte, ist nach dem Krankenhausaufenthal eine medizinische und psychotherapeutische Nachbehandlung, um einen Rückfall zu verhindern. Hockl: "Hier sind ambulante Einrichtungen, wie 'sowhat', ganz wichtig."

Hilfe ab einem BMI von 14,5

Das Ambulatorium sowhat ist als Kompetenzzentrum für Menschen mit Essstörungen die wohl bekannteste und größte Anlaufstelle in Wien. In St. Pölten und Mödling gibt es weitere Niederlassungen. Sowhat hat mit bis zu 1000 Patientenkontakten pro Jahr und über 300 Personen in Behandlung ein vergleichsweise großes Programm. Das Angebot wird von den Gebietskrankenkassen und anderen Kassen übernommen und ist somit vor allem für junge und finanzschwache Menschen eine gute Möglichkeit, Hilfe zu bekommen. Angeboten werden wöchentlich eine Einzeltherapie und unterstützende Gruppentherapie, sowie Ernährungsberatungen und Entspannungsgruppen an. Um bei sowhat einen Platz zu bekommen, muss der BMI mindestens 14,5 betragen, also im stabilen Bereich liegen.

Für die Therapieplätze gibt es in Niederösterreich und Wien eine Wartezeit von wenigen Wochen. In der Regel gewährt die Kassa - abhängig vom konkreten Bedarf und Standort - zwischen acht und zwölf Quartalen Therapie. Während der Behandlung arbeiten bei sowhat mehrere Experten interdisziplinär zusammen, um Patienten ganzheitlich zu betreuen. "Sehr häufig haben die Patienten körperliche Störungen, die dann gleich hier bei uns behandelt werden. Zusätzlich erfolgt eine psychiatrische Untersuchung, insbesondere dann, wenn es Hinweise auf Angststörungen oder eine schwerere Depression, als sie üblicherweise bei den Essstörungen vorkommt, gibt. Auch starke Stimmungsschwankungen oder schwere Ess-Brech-Anfälle, die mehrmals pro Tag auftreten, werden psychiatrisch genauer untersucht", erläutert Christine Tretter, die ärztliche Direktorin von sowhat. In diesen Fällen sei es auch sinnvoll, mit entsprechenden Psychopharmaka zu arbeiten.

Außerdem, so Tretter, ist die Früherkennung essentiell. Denn je früher eine Essstörung behandelt wird, umso größer sind die Chancen, die Person wieder vollständig davon zu heilen. Viele Patienten würden aber "lange nicht einsehen, dass sie eine krankheitswertige Störung haben; sie scheuen sich deshalb in Kliniken zu gehen", schildert die Expertin "Wenn eine Patientin Ess-Brech-Anfälle hat und nach ein paar Monaten kommt und sagt 'Irgendwie, das geht mir auf die Nerven und ich schäm mich und mir geht’s nicht gut', dann kommen wir mit dieser Therapie, die wir jetzt anbieten, meist gut aus. Hingegen bei einer anorektischen Patientin, die 15 Jahre unbehandelt unter Anorexie leidet, ist die Wiederherstellung eines gesunden Essverhaltens schwer zu erreichen."

Zwischen 60 und 150 Euro pro Therapieeinheit

Sowhat ist im Moment im Gespräch mit anderen Krankenkassen, um noch mehr Patienten helfen zu können. Aber der Bedarf auch an weniger intensiven Angeboten im niedergelassenen Bereich ist hoch. Ohne Kassenrefundierung ist eine Therapie für junge Betroffene oft nicht leistbar. Eine Therapiestunde kann zwischen 60 und 150 Euro kosten, und sollte, wenn möglich, wöchentlich besucht werden. Selbst wenn der Kassenzuschuss von 20 Euro abgezogen wird, handelt es sich immer noch um monatliche Kosten im Bereich von 300 bis 500 Euro. Für eine Studentin oder Schülerin ein laufend kaum zu bewältigender Betrag.

Von der Wiener Gebietskrankenkassa werden für ihre 1.280.000 Versicherten und deren etwa 450.000 mitversicherten Angehörigen pro Jahr etwa 15.000 kostenlose Psychotherapieplätze im niedergelassenen Bereich und in verschiedenen Einrichtungen finanziert.

Für viele Menschen ist es schwer, einen dieser kassenfinanzierten Plätze zu ergattern. Vor allem jene Betroffenen, die ohnehin in einem labilen Zustand sind, bedeutet die Suche nach einem niedergelassenen Therapeuten einen enormen Stressfaktor - wie Sarah zu schildern weiß. Sie konsultierte gut acht Psychotherapeuten in verschiedenen Einrichtungen und am freien Markt: "Du musst tausende Anfrage-Mails schreiben oder anrufen. Natürlich ist das Ganze auch peinlich. Dann kriegst du Absagen, weil sie keine freien Kassenplätze haben. Das zieht sich wochenlang. Wenn ich schon so überfordert davon bin, welches Brot ich im Supermarkt kaufen soll und deswegen fast einen Zusammenbruch bekomme, wie soll ich da einen Therapeuten auswählen und suchen?"

Angesprochen auf die Kritik, dass zu wenig kassenfinanzierte Plätze vorhanden seien, antwortet die WGKK, dass sie bemüht sei, das Angebot laufend auszubauen und dass vor allem in den letzten Jahren viel in die psychotherapeutische Behandlung von Kindern und Jugendlichen geflossen sei.

Gute Erfolgsaussichten bei rascher Behandlung

Seit der Geburt ihrer ersten Tochter 2015 hat sich Sarahs Essverhalten normalisiert. Das Essen in der Schwangerschaft und in der Stillzeit fiel ihr plötzlich leicht, da sie wusste, dass sie nun für jemand anderen essen musste. Auch nach dem Abstillen erlitt sie keinen Rückfall und schätzt sich heute als stabile, wenn auch immer noch empfindliche Person ein. Mittlerweile ist die 28-Jährige auch nicht mehr in therapeutischer Behandlung.

Dass Sarah kein Einzelfalls ist, sondern ein guter Ausweg aus der Essstörung grundsötzlich möglich ist, davon sind auch Hockl und Tretter überzeugt. "Eine Therapie kann erfolgreich verlaufen," betont Hockl, "wenn die Essstörung früh erkannt wird und die Therapie früh beginnt. Wichtig ist immer die Mitarbeit des Patienten, denn letztlich geht es darum, ein selbstbestimmteres Leben führen zu können."

Auf einen Blick: Akuthilfe

Hotline sowhat:
Tel. 4065717-0
info@sowhat.at
www.sowhat.at

Notfallpsychologischer Dienst Österreich
Telefon:0699 / 18 85 54 00m www.notfallpsychologie.at

Psychologische Beratungsstelle für Studierende Wien
1080 Wien, Lederergasse 35, 4. Stock, www.studierendenberatung.at

Barmherzige Schwestern Krankenhaus Wien
III. Med. Abteilung für Innere Medizin und Psychosomatik
Tel. 01 / 599 88- - 2105

Akutambulanz des AKH Wien (Psychiatrie und Psychotherapie)
1090 Wien, Währinger Gürtel 18-20, http://www.akhwien.at/default.aspx?pid=2935

Essstörungshotline
Tel. 0800 20 11 20, http://www.essstoerungshotline.at/hotline/

Kriseninterventionszentrum
Lazarettgasse 14A, 1090 Wien, http://www.kriseninterventionszentrum.at/

Rat auf Draht
Tel. 147 (ohne Vorwahl), http://rataufdraht.orf.at/beratung

Volkskrankheiten

Von Cholera bis Krebs: Volkskrankheiten im Wandel

von Hannah Richlik

38.000 Menschen erkranken jedes Jahr in Österreich an Krebs.

Noch nie waren die Österreicher so gesund wie heute. Dennoch: Wenig Sport, schlechte Ernährung, erhöhter Alkohol- und Zigarettenkonsum lassen die Bevölkerung erkranken. Volkskrankheiten sind ein Spiegel der Gesellschaft. Waren es vor 150 Jahren noch Cholera und Tuberkulose, die aufgrund der schlechten medizinischen Versorgung und fehlender Impfstoffe die Haupttodesursache in Österreich darstellten, sind es heute Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs.

„Volkskrankheiten bzw. Zivilisationskrankheiten sind entweder danach zu beurteilen, ob sie zum Tod führen oder ob sie chronischer Natur sind, wie etwa Rückenschmerzen oder Allergien“, erklärt Michael Kunze, Universitätsprofessor an der Medizinischen Universität Wien. Derzeit zählen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Diabetes in Österreich zu den häufigsten Todesursachen in der österreichischen Bevölkerung. Gründe für die Entstehung dieser Krankheiten sind sowohl ungesunde Ernährung, wenig Bewegung, Stress als auch ein erhöhter Alkoholkonsum und Rauchen.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen:

Bluthochdruck, Schlaganfälle und Herzinfarkte - die häufigste Todesursache im Jahr 2016 machten Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Österreich aus. Rund 33.200 Personen starben 2016 infolge von Herz-Kreislauferkrankungen. Männer sterben dabei in früherem Alter an Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Frauen. Dennoch ist die Anzahl der Sterbenden an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sinkend: Im Jahr 1970 starben laut Statistik Austria rund 46.700 Menschen in ganz Österreich aufgrund dieser Erkrankungen.

Krebs:

Die zweit häufigste Todesursache in Österreich ist Krebs: Jährlich erkranken rund 38.000 Menschen an einer Form. Laut dem Bundesministerium für Gesundheit und Frauen (BMGF) sterben rund 51 Prozent der österreichischen Bevölkerung aufgrund von Krebs, bevor sie das 70. Lebensjahr erreichen. Die häufigsten Krebsarten bei Frauen im Vorjahr waren Brust- und Lungenkrebs, die bei Männern Lungen- und Prostatakrebs. Sieht man sich die Krebsprävalenz an, also die Anzahl der Personen, die an Krebs erkrankten und zu einem späteren Zeitpunkt am Leben sind, sieht man, dass diese seit 2000 steigend ist. Laut der Statistik Austria fielen im Jahr 2000 rund 200.000 Personen in die Krebsprävalenz, 2016 waren es schon mehr als 300.000 Personen.

Auch die Krebsinzidenz bei Lungenkrebs, also die Anzahl der Neuerkrankungen, ist steigend: Waren es 1983 rund 3560 Personen, die an Lungenkrebs erkrankten, waren es 2014 bereits mehr als 4700 Personen. Bei Frauen lag die Anzahl derer, die an Lungenkrebs starben, erstmals vor Brustkrebs als Todesursache: Das Krebssterberisiko lag bei 32,9 Prozent auf 100.000 Frauen.

Diabetes:

Zu viel Zucker, schlechte und unausgewogene Ernährung, wenig Bewegung – die Gründe für Diabetes sind vielen Menschen bekannt, dennoch sterben im Jahr rund 10.000 Menschen an den Folgen von Diabetes. Rund 600.000 Menschen leiden derzeit in Österreich an Diabetes, die Zahl der Neuerkrankungen ist steigend. Bereits 41 Prozent der untersuchten Erwachsenen in Österreich, fast jeder zweite, sind laut der Cosi-Studie (Childhood Obesity Surveillance Initiative) der WHO Europa übergewichtig bzw. adipös.

Der Westen Österreichs lebt gesünder

Betrachtet man die Gesundheit der österreichischen Bevölkerung von Westen nach Osten, zeigt sich, dass Österreichs Bevölkerung im Westen gesünder ist als im Osten, erklärt Kunze. Das liege etwa daran, dass die Bevölkerung im Westen Österreichs öfter in die Natur oder wandern gehen würde als im Osten. Regionale Vergleiche bei Herz-Kreislauferkrankungen verdeutlichen ein Ost-West-Gefälle: Am höchsten war die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit in den Bundesländern Wien und Burgenland, am geringsten in Vorarlberg und Tirol.

Auch beim Thema Übergewicht lässt sich ein starkes Ost-West-Gefälle beobachten: Laut einer aktuellen Cosi-Studie ist bereits bei acht- bis neunjährigen Schulkindern eine Prävalenz zu Übergewicht gegeben. Während österreichweit etwa 30 Prozent der achtjährigen Buben als übergewichtig oder adipös eingestuft wurden, gibt es bei den gleichaltrigen Mädchen deutliche regionale Unterschiede: circa 29 Prozent im Osten und etwa 21 Prozent im Westen/Süden sind übergewichtig.

Auch Geschlechterunterschiede lassen sich bei den Volkskrankheiten erkennen. Die Leiterin der Gender Medicine Unit der MedUni Wien, Alexandra Kautzky-Willer, berichtet, dass sowohl biologische Unterschiede (genetische Prädisposition, Ethnizität, Sexualhormone, Fettverteilung, begleitende Entzündungsprozesse und Spätkomplikationen) als auch psychische, soziale und kulturelle geschlechts-spezifische Einflussfaktoren wesentlich zur Krankheitsentstehung, Symptomwahrnehmung, Diagnose und Therapie chronischer Erkrankungen beitragen können. Diese Einflussfaktoren reichen von der Wirkung unterschiedlicher Sexualhormone über Unterschiede im Lebensstil, Geschlechterrollen und das unterschiedliche Sozialverhalten. Frauen leiden laut Gesundheitsministerium häufiger an Arthrose, Männer häufiger an Schlaganfällen und Herzinfarkten.

"Je höher die Bildung, desto mehr Bewusstsein"

Neben Zivilisationskrankheiten, die zum Tod führen, leidet Österreichs Bevölkerung auch unter den chronischen Erkrankungen. Zu den häufigsten zählen Rückenschmerzen mit rund 1,76 Millionen erkrankten Menschen und Allergien mit rund 1,75 Millionen erkrankten Menschen. Seit 2006/2007 ist der Anteil von Allergien laut Auskunft des Gesundheitsministeriums betroffener Österreicher deutlich gestiegen (um acht Prozentpunkte). Ein besonders deutlicher Anstieg ist bei der 15- bis 59-jährigen Bevölkerung zu erkennen: Sie leidet häufiger an Allergien (25 bis 29 Prozent) als die Bevölkerung ab 60 Jahren (18 Prozent).

„Je höher die Bildung ist, desto mehr ist das Bewusstsein und das Wissen über Krankheiten da“, sagt Kunze. Menschen mit geringer Bildung, geringerem Einkommen sowie Menschen mit Migrationshintergrund sind etwa deutlich häufiger von Übergewicht und Adipositas betroffen als Menschen mit höherer Bildung.

Um dem entgegenzuwirken und die gesamte Bevölkerung über die Zivilisationskrankheiten aufzuklären, bedarf es der gesamten Bandbreite über die Lebensmittelkette hinweg bis zum Politikbereich. Bei der Ernährungsumstellung, Rauchen und Alkoholkonsum ist jedoch jede Österreicherin und jeder Österreicher selbst gefragt.