Deutsche Expertin: "Ibiza-Video" wird der FPÖ langfristig helfen

Dass die FPÖ bei der EU-Wahl nur leicht verloren hat, zeigt, „wie gut sie solche Geschichten dreht“, sagt Sprachwissenschafterin Elisabeth Wehling.

Symbolbild: SPÖ-Themenplakate am Wiener Ring
Symbolbild: SPÖ-Themenplakate am Wiener Ring
Symbolbild: SPÖ-Themenplakate am Wiener Ring – imago images / Viennareport

Für rund 70 Prozent der Wähler hatte die Regierungskrise - Stichwort „Ibiza-Affäre“ - keinen Einfluss auf ihre Entscheidung bei der EU-Wahl. Spitzenkandidat Othmar Karas war jedoch kein starkes Wahlmotiv für die ÖVP-Klientel - im Gegensatz zu Sebastian Kurz. So lauten zwei Ergebnisse der Wahltagsbefragungen von SORA (für den ORF) und Peter Hajek (für ATV). Allerdings: Geht es nach der Sprachwissenschafterin Elisabeth Wehling, dann wird das Video, das der FPÖ jedenfalls den Rücktritt von Heinz-Christian Strache und das Aus von Türkis-Blau beschert hat, den Freiheitlichen langfristig helfen.

Wie die deutsche Expertin zu diesem Schluss kommt? „Ich halte die Einschätzung, dass dieses Video der Partei mittel- oder langfristig schadet, für eine völlige Fehleinschätzung", sagte sie. „Jetzt ist es für sie hart, aber sie werden es extrem erfolgreich für die Mobilisierung nutzen.“ Zwar setzte es letztlich ein leichtes Minus für die Blauen, doch hätten diese es immerhin schon „innerhalb einer Woche“ geschafft, „die Geschichte derart zu interpretieren, dass sie zu einem Angriff auf Österreich geworden ist", meinte die Forscherin, die im kalifornischen Berkeley arbeitet. Straches Opferrolle sei dafür der erste Schritt gewesen.

Das Narrativ sei nun, dass die Freiheit der Österreicher von „irgendwelchen dunklen Mächten, also (dem ungarischen Milliardär George, Anm.) Soros, Geheimdiensten oder ähnliches, angegriffen wird, die da ein Video gedreht haben". Durch diese vermeintliche Einmischung in die österreichische Demokratie falle die eigentliche Demokratiegefährdung, nämlich die von Strache im Video formulierten Pläne, unter den Tisch.

„Zeigt, wie gut die FPÖ solche Geschichten dreht"

Strache zeige darin ein „typisch autoritäres Weltbild". Konkret: „Die freien Medien, soweit es geht, aufkaufen und mit politischen Interessen ausstatten, die öffentlich-rechtlichen Medien abschaffen, die übrigen Medien als Feinde des Volkes darzustellen - das macht (US-Präsident Donald, Anm.) Trump gerade - und, wenn man sich das noch traut, auch das Fernsehen verstaatlichen", zählte Wehling auf. „Dass diese Gefahr für die Demokratie in diesen Tagen keine größeren Schlagzeilen macht, sondern dass die Gefährdung der Demokratie bei uns durch dunkle Mächte erfolgt, die bei uns Videos drehen, zeigt, wie gut die FPÖ solche Geschichten dreht", schlussfolgerte sie.

Die „Dolchstoßlegende", dass Strache und der ehemalige Innenminister Herbert Kickl (FPÖ), die ja in die Regierung gewählt worden seien, durch vermeintliche Einflussnahme „dunkler, progressiver Mächte" die Regierung verlassen mussten, werde mittelfristig Wähler mobilisieren. „Den FPÖ-Wählern wird also suggeriert, dass ihr Wille mit Füßen getreten wird und sie sich das nicht gefallen lassen dürfen", sagte Wehling.

„Sehnsucht nach ruhigem Familienvater“ - wie Karas

Den Erfolg der ÖVP bei der EU-Wahl führte die auf die Erforschung des politischen Denkens spezialisierte Wissenschafterin drauf zurück, dass die Partei ein großes politisches Spektrum abdeckt. "(Othmar, Anm.) Karas war der sichtbarste Kandidat", sagte sie. (Karoline, Anm.) Edtstadler, die als Abgesandte von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) gelte, sei weniger präsent gewesen und habe eher den rechten Flügel der ÖVP bedient. Karas habe die Regierungskrise zudem geholfen. „Der Mensch wünscht sich in unsicheren Zeiten Beständigkeit und Autorität, also jemand, der schon etwas mehr Lebensweisheit hat, als man selbst. Das ist die ganz stereotypische Sehnsucht nach einem ruhigen Familienvater. Karas konnte das abdecken, da sein Wahlkampf auf seine Erfahrung in Brüssel ausgelegt war", analysierte sie.

Das Problem der SPÖ und der Neos seien hingegen die „schwammigen Themen" gewesen. "Wenn Menschen in Unsicherheit leben, (...) suchen sie etwas Verbindliches und Konkretes und nichts Ungefähres", sagte Wehling. Der EU-Wahlkampf der FPÖ habe hingegen sehr gut funktioniert. „Die FPÖ spricht immer sehr klar über Werte und verwendet eine ideologische Haudrauf-Sprache", so Wehling. Der Partei habe damit geworben, die Österreicher vor zu starker Maßregelung durch Europa zu schützen. "Das ist ein klares Benennen von Werten. Die FPÖ hat die konkreten Dinge auf den Tisch gelegt und eine klare, oftmals polarisierende Stellung gezeigt", bemerkte sie.

(Red./APA/Martin Auernheimer)

Lesen Sie mehr zum Thema
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Deutsche Expertin: "Ibiza-Video" wird der FPÖ langfristig helfen

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.