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Smart City Wien: Von digitalen schwarzen Brettern und Solarbänken als Stadtmöbel

Die Stadt der Zukunft ist smart, soviel ist klar. Das bedeutet aber mehr als technologische Weiterentwicklung, es geht auch um gesellschaftliche Innovation. Beispiele aus Wien.

(c) Getty Images (smartboy10)

Rund 80 von 100 Österreichern im Alter von 60 bis 69 Jahren nutzen in Österreich das Internet. Bei den über-70-Jährigen sind es laut Statistik Austria nur noch 38 von 100. Die Wahrscheinlichkeit, von der Digitalisierung ausgeschlossen zu sein, steigt mit dem Lebensalter. Gerade innovativen Kommunikationstechnologien wird aber das Potenzial zugeschrieben, die Schlüsselfaktoren für Lebensqualität in fortgeschrittenem Alter sicherzustellen.

Speziell im anonymen urbanen Raum könne laut Experten der Vereinsamung entgegengewirkt und der Erhaltung von Sicherheit, Gesundheit und Mobilität Vorschub geleistet werden. „Forschungsprojekte wie WAALTeR, Wiener AAL TestRegion, setzen genau hier an. AAL steht für Active & Assisted Living, also für intelligente Technologie-Unterstützung im Alltag älterer Menschen im Form von Assistenzsystemen und Smart Home Anwendungen“, bringt Julia Sauskojus von der Smart City Agentur ein Beispiel.

Digitales schwarzes Brett

Als digitale Tools fungieren bei WAALTeR ein Tablet und eine Smart Watch, die bestehende Technologien zu einem seniorengerechten System zusammenfügen. Das Kernstück bildet das Nachbarschaftsnetzwerk, das wie ein digitales schwarzes Brett funktioniert und es erlaubt, an Aktivitäten teilzunehmen, sie anzubieten, sich Gruppen anzuschließen oder einfach zu beobachten, was in der Nachbarschaft geschieht. Ein Veranstaltungskalender ist mit dem Terminkalender und dem Routenplaner mit persönlichem Mobilitätsprofil verbunden, etwa um sich für ausgewählte Events den Weg beschreiben zu lassen. In Sachen Gesundheit werden Fitness-Apps und Sturzpräventionsübungen zur Verfügung gestellt oder in einem Telemedizinbereich persönliche Messdaten automatisch an den Hausarzt übertragen. Ein Kalender mit Alarmfunktion erinnert, regelmäßig zu trinken und Medikamente zu nehmen. Drücken die Anwender den Notrufknopf auf ihrer Smart Watch, meldet sich auf der Uhr telefonisch die Notrufzentrale, um im Fall des Falles die Rettungskette zu starten.

Man trifft sich im Netzwerk oder am Stammtisch

Seit Anfang 2018 werden 87 Testhaushalte sowie 63 Vergleichshaushalte ohne Technologien im Rahmen einer Studie für 18 Monate begleitet und die 150 Teilnehmer regelmäßig zu ihren Erfahrungen befragt. „Bisher wird deutlich, dass die Senioren sich gern treffen, um sich auszutauschen. Sie lernen voneinander und erklären sich gegenseitig, wie man mit der Technologie besser zurechtkommt“, zieht Sauskojus Zwischenbilanz. Bewährt habe sich auch die Einführung von WAALTeR-Stammtischen, um das Zusammentreffen in Gruppen zu fördern. Die Ergebnisse aus der Studie sollen ab Ende 2019 in Pflege- und Betreuungsprozessen berücksichtigt werden.

Man trifft die Nachbarschaft im Netzwerk. Oder am Stammtisch.



Als Senior Expertin der Smart City Agentur ist Sauskojus Teil eines Teams, das im Auftrag der Stadt die Aktivitäten der 2011 gestarteten Initiative Smart City Wien koordiniert. „Unser Leitziel ist die Sicherstellung der besten Lebensqualität bei größtmöglicher Ressourcenschonung. Gelingen soll das mit technologischen und sozialen Innovationen in allen Bereichen des urbanen Lebens“, erläutert Agenturleiter Dominic Weiss. Die Bundeshauptstadt, die in den nächsten 25 Jahren zur Drei-Millionen-Metropole expandieren wird, stehe vor großen Herausforderungen.

Solarbänke als Stadtmöbel

Bei einem sich stets verdichtenden Raum sind intelligente Konzepte gefragt, die mit technologischer Hilfe den Menschen in den Mittelpunkt rücken. Ob in Fragen des Wohnraums, der Energieversorgung, der Mobilität oder der Stadtentwicklung – digitale Hightechlösungen sind dann smart, wenn sie das soziale Miteinander lebenswert gestalten.
Wie die intelligente soziale Stadt der Zukunft aussehen kann, wird seit 2016 in Simmering vorexerziert. Smarter together = Gemeinsam g’scheiter lautet der Name der aktuell größten von der EU geförderten Smart City-Stadterneuerungsinitiative in Wien. Von dem auf fünf Jahre anberaumten Projekt sollen rund 21.000 Bewohner zwischen Simmeringer Hauptstraße und Ostbahn (Geiselberg, Enkplatz) profitieren. Umgesetzt wurden und werden mehr als 40 Einzelprojekte. Dazu gehören Wohnhaussanierungen mit innovativen Energielösungen, eine Schulerweiterung einschließlich des ersten Null-Energie-Turnsaals oder Solarbänke als Stadtmöbel mit integrierter Ladestation. Zusätzliche 700.000 kWh Sonnenenergie werden pro Jahr erzeugt und 250 Wohnungen an die Fernwärme angeschlossen. Entstanden ist ebenfalls ein Mobility-Point mit E-Bike- und E-Car-Sharingstation. Insgesamt rechnet man mit einer Einsparung von 2000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr, was rund 2,1 Millionen Autofahrten um die Wiener Ringstraße entspricht.

Schwerpunkt lernende Stadt


Wie Projektleiterin Julia Girardi-Hoog betont, setzt die gesamte Initiative den Schwerpunkt auf ein gemeinsames Gestalten des Lebensumfelds: „Wir wollen die Menschen vor Ort für smarte Themen begeistern und haben die Stadtteilbewohner von Anfang an aktiv eingebunden.“ Als Kommunikationsplattform dient das SIMmobil, das seit drei Jahren durch das Projektgebiet tourt. Außerdem gibt es eine neu geschaffene Datenplattform, die Echtzeitdaten der Initiative, etwa zum Energieverbrauch oder E-Fahrzeug-Betrieb, sammelt und visualisiert. Einen weiteren Eckpfeiler bildet das Wissensmanagement mit dem Schwerpunkt der lernenden Stadt. Peer-to-Peer-Learning steht hier für den Austausch zwischen Wirtschaftsakteuren, Forschungs- und Bildungseinrichtungen sowie den Smarter Together-Partnerstädten Wien, München und Lyon. Man denke groß, so Girardi-Hoog: „Simmering versteht sich als intelligentes Vorzeigeprojekt, nicht nur für Wien, sondern für Städte in ganz Europa.“

Vernetzen, Türen öffnen, Ideen kreieren und diese dorthin bringen, wo sie gebraucht werden – das ist auch die Leitidee hinter der Initiative Social City Wien. „Wir bringen Menschen aus den Bereichen Bildung, Soziales, Wirtschaft und Arbeitsmarkt zusammen und versuchen dabei, die soziale Szene Wiens vor den Vorhang zu holen“, erklärt Geschäftsführer Richard Vrzal. Als Impulsgeber und Drehscheibe für soziales Engagement vereine das Netzwerk Denker und Praktiker, „um einen nahrhaften Boden für gesellschaftliche Innovationen zu schaffen“.

Teilen und mitteilen

Zu den Projekten der Social City Wien mit digitalem Input zählt etwa MOOCs Vienna. Massive Open Online Courses verbinden die Vorteile multimedialer Mittel mit jenen der klassischen Wissensvermittlung. Neue Technologien werden genutzt, um Lernmaterialien zu schaffen, die die Möglichkeiten der Online-Welt ausschöpfen. Interessierte können vorspulen, anhalten, zurückspulen, bereits Verstandenes überspringen und Inhalte, die noch Unklarheiten bereiten, vertiefen. Angeboten werden Videos und ergänzende Texte, Testfragen und Diskussionsforen, die weltweite Interaktionen zwischen Lernenden und Lehrenden erlauben. Für Studierende bedeutet es eine Chance, sich ort- und zeitungebunden weiterzubilden. Universitäten erhalten die Möglichkeit, ihr Angebot zu erweitern. „Gemeinsam mit Wienweit Medien hat sich die Social City Wien darauf spezialisiert, MOOCs im sozialen Konnex professionell aufzubereiten und zu produzieren“, so Geschäftsführer Ionut Emil Diaconu.

Analog smart

Dass ein partnerschaftliches Netzwerken an vorderster Front auch ohne Digitalisierung auskommt, zeigt wiederum das Social City Wien Projekt Stadtmenschen. „In Wien gibt es ein vielfältiges und reichhaltiges Sozialangebot. Viele Hilfesuchende sind allerdings von den zahlreichen Möglichkeiten und der Unkenntnis, welche die richtige Anlaufstelle für ihr Problem ist, überfordert“, sagt Diaconu. Die ehrenamtlich tätigen „Stadtmenschen“ geben hier Orientierung – in wöchentlichen Sprechstunden an sechs Standorten. „Sie stehen dabei nicht in Konkurrenz zu bestehenden Sozialberatungen und Experten, sondern dienen als niederschwellige und kostenlose Erstanlaufstelle. Stadtmenschen fungieren als Drehscheibe zwischen den Wienern und sozialen Angeboten der Stadt.“

Digitalfreie Grätzloase

Wie den Bewohnern der Stadt öffentlicher Raum zurückgegeben werden kann, zeigt ein anderes, weitgehend digitalfreies Projekt der Smart City Wien. „Mit dem Aktionsprogramm Grätzloase wollen wir Orte mit Leben füllen, die bisher noch wenig für gemeinsame Aktivitäten genutzt wurden“, skizziert Johannes Kellner vom Verein Lokale Agenda 21 Wien die Grundidee. Ob Wohnzimmeratmosphäre auf Parklets in der Parkspur, eine weißgedeckte Dinnertafel im Straßenraum, eine Stiege als Ort eines Nachbarschaftsfestes – wer eine Idee für sein Grätzel hat, kann sie einreichen. Wird die Aktion ausgewählt, gibt es finanzielle und organisatorische Unterstützung. Es gilt: Smart ist, was den Stadtraum lebenswert macht.

 

 

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