Wo Beethoven wohnen wollte

Hausgeschichte. Der rund 450 Jahre alte Othmarhof in der Mödlinger Fußgängerzone ist ein durch und durch musisches Haus. Die Heiligenkreuzer Mönche hatten hier ihre Stadtexpositur.

„Schnell einmal die Fassade zu streichen geht nicht,“ sagt Mechthild Schindler-Hofer.
„Schnell einmal die Fassade zu streichen geht nicht,“ sagt Mechthild Schindler-Hofer.
„Schnell einmal die Fassade zu streichen geht nicht,“ sagt Mechthild Schindler-Hofer. – Meinhard Hofer

Mitten in der Mödlinger Fußgängerzone gelegen, scheint die Natur zum Greifen nahe. De facto sind es wenige Gehminuten Fußmarsch vom Othmarhof zu den Mödlinger Föhrenbergen, deren Szenerie mediterran anmutet. Beethoven hatte in Mödling in sehr vielen verschiedenen Häusern gewohnt, wurde aber wohl ob seiner nächtlichen kompositorischen und wahrscheinlich nicht geräuschlosen Einfälle auch oft sehr schnell wieder gekündigt. Daher wollte er 1820 den zum Verkauf stehenden Othmarhof, damals als Bindersches Haus bekannt, erwerben. Da der Kaufmann Binder dann doch eine zweite Frau fand, mit der er den Kaufmannsladen weiterführen konnte, zerschlug sich Beethovens Wunsch.

Stuckdecke im Shabby Chic

„Das mächtige Haus mit Getreidespeicher und Keller zur Lagerung von Wein und Öl war zuvor auch einmal die Stadtexpositur der Heiligenkreuzer Mönche – inklusive Festsaal und Stuckdecken!“, erzählt Mechthild Schindler-Hofer, die den denkmalgeschützten Othmarhof gemeinsam mit ihren Geschwistern von den Großeltern geerbt hat.

Der Bau ist ein Stück Heimat für die quirlige Architektin, die mittlerweile mit ihrer Familie im Ausland lebt. Aber auch ein großes Stück Verantwortung. „In dem 450 Jahre alten Gebäude gibt es immer eine Menge zu tun. In der Beletage gibt es Stuckdecken, deren Leimfärbelung man erst mühsamst abwaschen müsste, bevor neu gestrichen werden kann. Glücklicherweise sieht eine Stuckdecke auch im Shabby Chic Look großartig aus, vor allem in Kombination mit den strahlend weiss gekalkten Wänden.“

Urkundlich erwähnt wurde das Haus erstmals 1469, und das gotische Erdgeschoß spricht auch eindeutig für diese Epoche. Auf der Fassade erblickt man jedoch zwei andere Jahreszahlen: 1554 und 1556. Diese stehen für die Umbauten der Renaissance, bei denen Dippelbaumdecken die Tonnengewölbe ersetzt haben und insbesondere die zwei getrennt zugänglichen Gebäude mittles einer enormen Blendmauer mit Sgraffittobändern zusammengefasst wurden.

Lebendig, nicht geschniegelt

„Schnell einmal die Fassade zu streichen geht übrigens nicht“, weiss die Miteigentümerin und Fachfrau. „Das Ergebnis einer Renovierung in der Altstadt darf nicht zu geschniegelt aussehen. Es gibt zwar strenge Vorgaben des Denkmalamts, das heißt aber nicht zwingend, dass das Flair erhalten bleibt. Die lebendige und warme Atmosphäre lebt vom Spiel mit den Putzstrukturen und der Patina der kalkbasierten Farben. Der Restaurator Alfred Weiss hat sich hier nach dem Krieg sehr verdient gemacht.“

Der Othmarhof zeichnet sich durch besondere Wohnqualität aus. Dass der Festsaal der Heiligenkreuzer nur mehr in zwei Hälften geteilt ist, ist dem Bruder der zwei Schwestern zu verdanken, der bei der Sanierung 2004 die viertelnden Wände herausgenommen und so zwei großzügige, je 55 Quadratmeter große Räume – beinahe Säle – geschaffen hat. Die Sumpfkalkoberflächen und geölten Holzfußböden im Inneren sind wohnbiologisch top.

Mitten in der Fußgängerzone

Die Stille, die sich den dicken Mauern und der Anordnung um einen baumbestandenen Innenhof verdankt, lässt die zentrale Lage in der belebten Fußgängerzone vergessen. Und doch, kaum tritt man aus dem Tor in die Fußgängerzone, hat man das Gefühl, jederzeit alle Güter des täglichen und sporadischen Bedarfs vor der eigenen Tür zu finden.

Für die Familie birgt der Othmarhof viele Erinnerungen. „Im sogenannten Orgelzimmer befand sich eine Walcker-Orgel, die der Großvater, Franz Müllner, mit einem großen Rucksack inflationär entwerteten Geldes im Jahr 1956 erstand,“ erzählt Schindler-Hofer. Franz Müllners Leidenschaft galt der Musik. Er studierte Komposition bei Franz Schmidt (Komponist des „Buchs mit sieben Siegeln“) und war von 1929 bis 1982 als Organist in der drei Minuten entfernten Kirche St. Othmar bei fast allen Messen, Hochämtern, Trauungen und Konzerten tätig – mit Unterbrechung von 1938 bis 1945.

Derzeit steht eine 147 Quadratmeter große Einheit im ersten Stock frei. Sie wurde frisch renoviert und kann als Büro, Kanzlei, Atelier oder auch als Wohnung angemietet werden. „Das Finanzamt Mödling war auch schon einmal Mieter, bevor es in die Bezirkshauptmannschaft integriert wurde.“ dt

ZUR LAGE

Mödling ist die teuerste Wohngegend in Niederösterreich. Für neue Eigentumswohnungen in sehr guter Wohnlage beträgt der durchschnittliche Quadratmeterpreis hier 4180 Euro. Für gebrauchte Eigentumswohnungen mit gutem Wohnwert muss man im Schnitt 2695 Euro/Quadratmeter berappen. Für Büroflachen zahlt man je nach Nutzungswert zwischen 6,50 Euro und 10,60 Euro Monatsmiete pro Quadratmeter (Quelle: Immobilienpreisspiegel 2016 der WKO).


[MKPTR]

(Print-Ausgabe, 23.07.2016)

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