„Auf Mensch und Ort schauen“

Hausgeschichte. Enge und Großzügigkeit widersprechen einander? Wie man beides unter einen Hut bringt, zeigt sich an einem ganzjährig bewohnten Kleingartenhaus am Wiener Hackenberg.

(c) Ditz Fejer

Auch im „noblen“ 19. Bezirk ist die Bauordnung streng: Nicht mehr als 50 Quadratmeter groß darf die bebaute Fläche bei einem ganzjährig bewohnten Haus in den Wiener Kleingärten sein, die Gebäudehöhe darf 5,5 Meter überschreiten. Die Größe des Grundstücks war mit 270 Quadratmetern überschaubar, groß jedoch der Anspruch des Bauherrn: drei Schlafzimmer, ein Arbeits-/Gästezimmer, zwei Bäder, eine Küche und ein Hobbyraum. „Die minimale Fläche maximal auszunutzen war eine große Herausforderung“, sagt Karin Triendl vom Architekturbüro Triendl und Fessler Architekten in Wien.

Große Fenster, großer Raum

Mit der Strategie, der vorgegeben Enge mit räumlicher Großzügigkeit entgegenzutreten, wurde diese Aufgabe dann bewältigt, der Traum des Hausherrn mit einem fast 130 Quadratmeter großen Eigenheim im Grünen realisiert. Dabei setzten die Architekten zum einen auf übergroße Fenster, durch die der Innenraum nach außen erweitert wird. „Um die Eintönigkeit der Fassade zu unterbrechen, haben wir die großen Glaselemente mit schmalen, nach innen versetzten Öffnungselementen kombiniert“, beschreibt Triendl. Der bauliche Versatz zwischen Öffnungselement und Fixverglasung ermögliche somit das „Bewohnen“ der eigens angefertigten Holz-Alu-Fenster von innen und sorge für mehr Tiefe der Fassade, ist die Architektin überzeugt.
„Das Spiel der Proportionen ist wichtig, um Weite zu schaffen“, erklärt Triendl. Daher habe man unter anderem Knicke erzeugt – so ist etwa jene Wand, an der sich die Küchenzeile befindet, etwas länger als die gegenüberliegende. Dass der leicht geknickte, kompakte Baukörper dazu beiträgt, die Gartenfläche optimal zu nutzen, ist ein weiterer positiver Aspekt.
Das offene Raumkonzept mit vielfältigen Raffinessen auf allen drei Etagen trägt ebenfalls zum Gefühl der Großzügigkeit bei. So unterteilt die zentrale Innentreppe, wie der übrige Fußboden aus Eichendielen, das Erdgeschoß in den offenen Wohn- und Essbereich; die unter der Treppe entstandene Nische wurde quasi zur Bibliothek, ist doch hier das Bücherregal untergebracht. Integrierte Einbaumöbel sparen auch anderen Räumen Platz und bieten Stauraum. Apropos Stauraum: Ein wenig mehr davon gibt es in einem kleinen, fünf Quadratmeter großen Nebengebäude an der Grundstücksgrenze, in dem Gartenmöbel und Ähnliches verstaut werden.

Viel Licht durch Innenhof

Damit das Untergeschoß, in dem sich zwei vollwertige Räume befinden, nicht wie ein Keller wirkt, haben die Architekten dort einen kleinen Patio geschaffen. Er sorgt nicht nur für natürliche Belichtung, sondern kann auch als kleiner Innenhof genützt werden. Noch etwas war dem Bauherrn und den Architekten angesichts der Nähe der Nachbarn wichtig: „Die Wohnräume wurden so konzipiert, dass man nicht in der Auslage sitzt“, beschreibt Triendl. Dementsprechend wurden die Fenster dort angeordnet, wo es kein Gegenüber gibt. „Wir wollten damit vermeiden, dass man sich mit Rollos oder Vorhängen abschotten muss.“
Bei den Baumaterialien fiel die Wahl auf Holz. Das Niedrigenergiehaus, das für den Holzbaupreis 2015 der Stadt Wien nominiert worden war, wurde auf einem betonierten Untergeschoß in Holzriegelbauweise errichtet. Bei Decken und Wänden kamen massive Holzelemente zum Einsatz. „Wir haben diese Bauweise auch deshalb gewählt, um Fläche zu sparen“, erklärt die Architektin. „Normalerweise hat man eine 20 Zentimeter dicke Wand, auf die eine 20 Zentimeter dicke Dämmschicht kommt.“ Bei der Holzriegelbauweise hingegen werde das Dämmmaterial platzsparend zwischen den Holzstehern angebracht. Beheizt wird das Wohnhaus mit Gas, eine Solaranlage auf dem Dach sorgt für Warmwasser.
Gerade bei Gegebenheiten wie am Hackenberg, aber auch generell sei die intensive Auseinandersetzung mit dem Bauplatz und Bauherrn enorm wichtig. „Man muss auf die Menschen, aber auch auf den Ort zugeschnitten planen“, sagt Triendl. Dabei versuche sie nie, jemanden zu bekehren, sondern mit intelligenten Lösungen zu überzeugen. Dass weniger mehr ist, ist ein weiterer Bestandteil ihrer Philosophie. „Aber zu wenig darf es auch nicht sein.“

Zum Haus, zum Ort

Das Kleingartenhaus wurde von den Architekten Triendl und Fessler gebaut, die Wohnnutzfläche beträgt 129 m2 – bei nur 50 m2 nutzbarer Grundfläche eine Herausforderung.
Der 360 m hohe Hackenberg ist ein Teil des Bezirks Döbling, dessen Namen auf das alte Wiesenmaß Haken zurückgehen soll und der zwischen Stadtgebiet und Weingärten liegt. Grundstücke in guter Wohnlage gibt es in Döbling ab 1240 Euro/m2, Einfamilienhäuser kosten zwischen 3432 und 4382,1 Euro/m2.

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