Von der „Urmappe“ zum Infosystem

Der 1817 eingeführte Kataster hatte entscheidenden Einfluss auf das Immobilienwesen. Ein Blick auf 200 Jahre.

(c) Clemens Fabry

Ein sonniger Morgen auf einem Feld in Österreich, ein Zug fährt vorbei. Einige Leute diskutieren, einer scheint etwas zu suchen. „Einen Grenzstein“, erklärt Matthias Takacs von den ÖBB, der das Unternehmen bei Grenzverhandlungen vertritt, „das ist bei Unklarheiten ein guter Anhaltspunkt, um sich zu einigen.“

Als Kaiser Franz I. am 23. Dezember 1817 das Grundsteuerpatent unterzeichnete, legte er damit die Basis für den Franziszeischen Kataster in der damaligen Monarchie. So konnte jedes Grundstück einem Eigentümer – sprich Steuerpflichtigen – zugeordnet werden. Bis 1861 wurden 800.000 km2 und 50 Millionen Grundstücke in rund 30.000 Katastralgemeinden vermessen und in der „Urmappe“ auf 165.000 Mappenblättern festgehalten. Eine für die damalige Zeit sehr bemerkenswerte Datensammlung.

 

Plan statt Tabelle

Bereits lange vor diesem Grundsteuerkataster gab es Bemühungen, die Eigentümer gleichberechtigt zu besteuern. Die Versuche scheiterten am Widerstand des Klerus und der Stände, die im Gegensatz zu den Bauern so gut wie keine Steuern zahlten. „Außerdem existierten die Grundstückbesitze nur als tabellarische Aufzählung und ohne grafische Unterlage“, erzählt Wernher Hoffmann, Präsident des BEV (Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen). „Mit der Vermessung kam es zu einer Struktur, einer modernen Verwaltung.“ Über die Grundstücke wurden Gemeinden definiert und eine Verwaltungshierarchie erzeugt, die als Wurzeln des modernen Staats gelten. Die Vermessung aller Grundstücke war auch Geburtshilfe für das Grundbuch 1871. Es ermöglichte eine Kapitalisierung von Grund und Boden – und kurbelte die Immobilienwirtschaft an.

 

Fixe Grenzen

Richtig spannend wurde es 1969 mit Inkrafttreten des Vermessungsgesetzes und des Grenzkatasters. Denn betreffend Eigentumsrecht sind alle Daten im Grundbuch rechtssicher, nicht jedoch die Angabe der Flächengröße. „Die Vermessung der Monarchie bedurfte keiner genauen Grenzzeichnungen“, erklärt Hoffmann. Alte Grenzsteine sind also wichtige Hinweise, aber nicht rechtsbindend. Seit 1969 werden alle neuen Messungen mit haargenauer Grenzziehung und Rechtssicherheit im Grenzkataster eingetragen.

Die Aufgabe zur Führung des Katasters obliegt den Vermessungsämtern, die die Daten aktuell halten. Würde man die Vermessungen jedoch nur ihnen überlassen, käme das dem Staat teuer. So dürfen auch Ziviltechniker im Vermessungswesen eigenständig Urkunden erstellen, deren Kosten der Auftraggeber übernimmt. Seit der Jahrtausendwende existiert ein grundbuchtaugliches Hochsicherheits-Urkundenarchiv der Ziviltechniker. Bei Neuvermessungen, Grundteilungen und Grenzermittlungen treten Ziviltechniker als Urkundspersonen in Aktion, wie Rudolf Kolbe, Vizepräsident der Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten. „Wir sind für das Leben des Katasters verantwortlich und pflegen all das, was in der Natur passiert, in den Kataster ein.“ Verhandelt wird vor Ort mit allen Beteiligten, die Einigung beurkundet. „Damit kommt der Grenzverlauf in den Kataster und ist rechtskräftig.“ Klarerweise auch bei Streitigkeiten. „Meist kann eine Einigung erzielt werden“, so Kolbe.

Selten kann es vorkommen, dass jemand einen Zaun errichtete, der nicht der Grenze entspricht. Kann nachgewiesen werden, dass der Zaun im besten Glauben, dass hier die Grenze verläuft, aufgestellt wurde (etwa durch private Urkunden), obwohl sie im Grundkataster nicht existiert, ist eine Neuverhandlung der Grenze möglich. Grenzen im Grenzkataster sind hingegen unumstritten. Dennoch sind im Grenzkataster gerade einmal 16 Prozent aller österreichischen Grundstücke erfasst. „Überall dort, wo nach 1969 Bautätigkeiten stattfanden“, sagt der Ziviltechniker. Theoretisch könnte der Staat eine allgemeine Neuanlegung des Grenzkatasters durchführen. Allerdings auf Kosten des Steuerzahlers. Hoffmann rechnet vor: „Österreich hat rund zehn Millionen Grundstücke. Eine Vermessung könnte bis zu 80 Milliarden Euro betragen. Bei einzelnen Neuvermessungen dagegen bezahlt der Auftraggeber.“

Neben der Rechtssicherheit beflügeln Grund- und Grenzkataster durch ihre öffentliche Zugänglichkeit vor allem als Infosystem die Immobilienwirtschaft. „Wir verzeichnen in unserem BEV-Portal steigende Datenabfragen aus der Wirtschaft, die nicht mit der Frage der Eigentumssicherung einhergehen“, sagt Hoffmann. Jeder Eigentumswechsel wird automatisch in Grundbuch und Kataster aktualisiert – ein System, das weltweit Anerkennung genießt. Hoffmann: „Kataster bedeutet permanente Innovation, Erneuerung und Anpassung.“ (scherl/dm)

LEXIKON UND TIPP

• Franziszeischer Kataster(Grundsteuerkataster): Am 23. Dezember 1817 als Kartensammlung von Grundstücksflächen eingeführt, um faire Grundsteuern einheben zu können.

• Grundbuch: Verzeichnis aller österreichischen Grundstücke samt Besitzverhältnissen bei den Bezirksgerichten.

• Grenzkataster: Öffentliche Datensammlung seit 1969, in dem alle neu vermessenen Grundstücke als grenzsicher eingetragen werden.

Tipp: Das Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen (BEV) hat einenFilm und die Festschrift „200 Jahre Kataster“ herausgegeben, beides ist online zu sehen. Die Festschrift kann auf Wunsch auch zugesandt werden:www.bev.gv.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.12.2017)

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