Wie ein Tischler den Rothschild-Wald kaufte

Heimische Industrielle und internationale Investoren stehen Schlange, wenn große Waldgebiete zum Verkauf stehen. Wald ist für sie Geldanlage und Rückzugsort. Den Preisen tut es gut: Sie stiegen in zehn Jahren um 50 bis 100 Prozent.

Georg Schöppl, Vorstand der Österreichischen Bundesforste, bewirtschaftet flächenmäßig ein Vielfaches des Rothschild-Areals.
Georg Schöppl, Vorstand der Österreichischen Bundesforste, bewirtschaftet flächenmäßig ein Vielfaches des Rothschild-Areals.
Georg Schöppl, Vorstand der Österreichischen Bundesforste, bewirtschaftet flächenmäßig ein Vielfaches des Rothschild-Areals. – (c) Bloomberg (Lisi Niesner)

Wien. Klaus Bischof stand tief im Wald und kämpfte eine Stunde lang mit seiner Mobiltelefonverbindung zu Rothschild-Beratern in New York. Drei Monate später schrieb der auf Wälder spezialisierte Immobilienmakler „100 Millionen Euro“ in die Verkaufsunterlagen für ein riesiges Waldgebiet, das die Bankiersdynastie vor fast 150 Jahren in Niederösterreich erworben hatte.

Der Käufer, Cord Prinzhorn, Papierunternehmer und Absolvent einer höheren Schule für Holztechnik, erhielt den Zuschlag für das Gut, nachdem er sich gegen acht andere Interessenten durchgesetzt hatte. Die Gelegenheit, einen so großen Wald zu kaufen, ergebe sich vielleicht alle zehn Jahre, sagt Bischof. Prinzhorn wiederum wollte diesmal nicht leer ausgehen, nachdem er beim letzten großen Verkauf im Jahr 2009 überboten wurde. „Eigentlich bin ich ja Tischler“, sagt Prinzhorn, 45, in einem nüchternen Konferenzraum seiner Prinzhorn Holding in einem Wiener Außenbezirk, „und auch Waldbesitzer und Jäger, für mich gehört das zusammen. Ein Wald ist ja keine Jacht oder ein schnelles Auto, da braucht man Geduld, aber die Wertsteigerung ist nachhaltig.“ Den Forst bei Gaming im niederösterreichischen Mostviertel sieht er als Quelle für die langfristige Rohstoffversorgung seiner Verpackungsunternehmen und als nachwachsende Ressource, die Holz, Wild, Fische und Strom liefert.

Prinzhorn musste keine Kleinanzeigen studieren, um als möglicher Bieter angesprochen zu werden. Bei dieser Größenordnung gebe es keine Internet- oder Zeitungsanzeigen, sagt Bischof in seiner Kanzlei in der Wiener Innenstadt. Der Markt laufe nur über persönliche Gespräche, die in Privathäusern oder bei diskreten Anwälten geführt werden.

Der 47-jährige Sohn eines Landwirts ist heute bei allen großen Transaktionen in Österreich dabei. Fünf Jahre lang präsentierte er dem Forstdirektor der Rothschilds Ideen für einen Verkauf – ohne Erfolg. Im April 2017 brauchte es nur einen Satz des Försters am Rande eines Treffens: „Wir sollten über den Rothschild-Wald reden.“ Telefonkonferenzen, Bieteransprache und Anbote folgten, im Dezember war man sich handelseinig. Derzeit wird der Kauf ins Grundbuch eingetragen, über den finalen Kaufpreis ist Stillschweigen vereinbart.

Mit 5400 Hektar ist das Areal rund zwei Stunden westlich von Wien etwa 16-mal so groß wie der Central Park in New York. Die Rothschild-Erben Nancy Clarice Tilghman und Geoffrey R. Hoguet hatten die Ländereien angeboten, nachdem sie vor Jahren ihren Lebensmittelpunkt in die USA verlegt hatten.

 

Anlagehorizont: 124 Jahre

Heimische Industrielle, internationale Investoren und wohlhabende Familien stehen Schlange, um die Lücke zu füllen und Alternativen zu volatilen Aktien- und Anleiheinvestments zu finden. Laut Georg Schöppl, Vorstand der Bundesforste, sind die Preise für Wälder in Österreich in den vergangenen zehn Jahren um 50 bis 100 Prozent gestiegen, der Trend zeige weiter nach oben. Schöppl bewirtschaftet zehn Prozent des österreichischen Staatsgebiets und verwaltet damit öffentliches Vermögen im Wert von 24 Milliarden Euro. „Mein Anlagehorizont sind 124 Jahre – von der Pflanzung bis zum Fällen“, sagt Schöppl, 51, auf dem Firmensitz in Purkersdorf bei Wien. „Die jährliche Waldrendite beträgt vielleicht nur ein Prozent, aber die Preise steigen, und es gibt eine große emotionale Dividende. Waldbesitzer lieben in der Regel die Natur und das Jagen.“

Dietrich Mateschitz, die Familien Porsche/Piëch oder Mayr-Melnhof, Immobilienmogul René Benko oder der Pistolenproduzent Gaston Glock besitzen große Waldgebiete oder haben Jagden gepachtet. Neben der Diversifizierung ihrer Vermögenswerte erhalten sie auch Zugang zu persönlichen Rückzugsgebieten abseits von Jahresbilanzen und 24-Stunden-Erreichbarkeit.

 

Ein Anfänger-Set um 300.000 Euro

„Wenn du es nicht schaffst, auf dem Hochsitz das Handy oder iPad auszuschalten, wirst du kein guter Jäger werden,“ sagt Josef Pröll, vormals Finanzminister und nun Vorstand der Beteiligungsgesellschaft Leipnik-Lundenburger Invest in Wien und gleichzeitig Niederösterreichs Landesjägermeister. „Zeit bei der Waldarbeit oder beim Jagen bringt Ruhe und Stille.“ Für Pröll reichen „ein paar Tausend Euro“ und die anspruchsvolle Jagdprüfung für den Anfang. Andere geben Hunderttausende Euro im Jahr für ihr Hobby aus, das auch gesellschaftliches Ansehen bringt. Seit die Habsburger und der Hochadel sich zur Jagd trafen, gehören großzügige Einladungen über mehrere Tage zu den gesellschaftlichen Höhepunkten in Österreich.

Für ein Anfänger-Set an Waffen, Optik und Bekleidung gäben Menschen ohne fixes Budget auch einmal zwischen 200.000 und 300.000 Euro aus, sagt Christian Johann Springer, der ein entsprechendes Geschäft im Zentrum von Wien führt. Bei einem Jagdwochenende im exklusiven Segment gehe es „nicht ums Geld, es geht darum, Freunden eine schöne Zeit zu ermöglichen“, betont er. Eine Einladung für zehn oder 20 Personen könne jedoch schnell 30.000 Euro kosten. „Da fragt man dann die Gäste, ob sie vielleicht 200 oder 300 Euro fürs Personal oder die Förster als Trinkgeld auf den Tisch legen wollen, aber das ist es dann auch.“

Einige Neulinge entwickeln schnell Leidenschaft für die Jagd, andere hören gleich wieder auf, weil sie „ein langweiliges Wochenende draußen in der Kälte verbracht haben“, wie Pröll es nennt.

Rothschild-Käufer Prinzhorn weiß noch genau, wann seine Liebe zu den Wäldern erwachte. „Mit acht durfte ich vor unserem Haus Holz stapeln, danach Paletten schichten, und dann die Motorsäge, es war Schritt für Schritt.“ Nachdem er mit den Gewinnmargen der Verpackungsbranche fertig ist, holt er sein Tablet hervor und zeigt ein Foto mit einem seiner Söhne in orange-grüner Schutzkleidung und einer kleinen Motorsäge. „Letztes Wochenende hat er mir das erste Mal geholfen, das Gestrüpp aus dem Wald zu entfernen. Er kann das jetzt. Das macht mich stolz.“ (Bloomberg)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2018)

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