Neuer Flughafen braucht einen langen Atem

Airport-Bau. Ob neu gebaut, erweitert oder saniert: Der Flughafen als Bauprojekt ist eine komplexe Angelegenheit, die nicht nur eine gewissenhafte Planung voraussetzt, sondern auch klare Entscheidungen. Einige Beispiele.

IGA

Es wird mehr geflogen denn je, und der stärker werdende Flugverkehr verlangt nach moderneren Flughäfen – eine große Herausforderung. „Bei diesen Großprojekten sind riesige Flächen betroffen“, sagt Sepp Frank, Gesellschafter der Wiener Architektengemeinschaft F+P Architekten. „Fragen der Landablöse und der Umweltverträglichkeit kommen dazu, die Umweltschutzstandards werden immer strenger und der Bedarf an nachhaltigen Gebäuden steigt.“ Das erfordere sehr lange Realisierungsfristen. Zudem locken größere Airports mehr Passagiere und ziehen einen Ausbau der Straßen- und öffentliche Verkehrsnetze in der Umgebung nach sich. „Die rein bauliche Realisierung sollte nach der gründlichen Planung keine große Schwierigkeit darstellen. Vorausgesetzt, das sie gut gemanagt ist.“ Der letzte Satz spielt auf die seinerzeitige Vergabe des Skylink-Baus am Flughafen Wien an, an dem sich F+P Architekten bewarb, aber nicht zum Zug kam. Laut Frank mangelte es an einem Baumanager im Vorstand oder Aufsichtsrat. „Großbauprojekte wie ein Flughafenbau gehen nur gut, wenn es klar definierte Entscheidungsteams und persönliche Verantwortung gibt, damit stringente Entscheidungen möglich sind“, sagt Frank.

 

Teure Dauerbaustelle

Obwohl der Bedarf an größeren Flughäfen gegeben ist, lassen Umsetzungen oft auf sich warten. Für das französische Flughafen-Neubauprojekt „Notre-Dame-des-Landes“ kam Anfang des Jahres sogar das endgültige Aus. Stattdessen sollen bestehende Airports ausgebaut werden. Prominentes Beispiel ist auch der Berliner Flughafen – obwohl nun neue Hoffnung besteht, dass der Flugbetrieb des Großflughafens in Berlin Brandenburg im Herbst 2020 aufgenommen werden kann: Mit dem neuen Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup sitzt ein ehemaliger Stadtplaner am Steuer und treibt die Fertigstellung offenbar erfolgreich voran. Am Ende wird das Projekt statt der ursprünglich erwarteten Kosten von 2,2 Milliarden Euro wohl mehr als sieben Milliarden Euro verschlungen haben. Damit mutierte das Airport-Bauprojekt in Berlin, dessen Spatenstich 2006 erfolgte, zur teuersten Dauerbaustelle Europas.

 

Rekordverdächtiger Plan

Die Türkei will das ganz anders angehen, mit fixem Businessplan, klaren Entscheidungen und Verantwortlichen und schnell vorangehenden Bauphasen: In rund zehn Jahren soll am Nordrand von Istanbul statt einer stillgelegten Kohlemine der größte Flughafen der Welt stehen – mit einer Gesamtfläche von 76 Millionen Quadratmetern sieben Mal größer als der aktuelle Atatürk-Airport in Istanbul. Vollständig fertiggestellt, soll er jährlich bis zu 200 Millionen Passagiere bewältigen. Dazu werden bis 2028 sechs Start- und Landebahnen planiert – die ersten drei plus dazugehörendes Terminal sollen noch heuer betriebsbereit gemacht werden, samt dem rund 90 Meter hohem, vom italienischen Designstudio Pininfarina entworfener Tower mit Panoramarestaurant. Die Kosten: zwischen zehn bis 30 Milliarden Euro. Finanziert nicht vom türkischen Staat, sondern über ein BOT-Modell mit Investment der Betreiberfirma IGA Istanbul New Airport. BOT steht für Build, Operate, Transfer. Nach 25 Jahren läuft die Konzession aus und der Flughafen wandert in den Besitz des Staates. Auf dem Flughafenareal entsteht zudem ein Business-Gelände mit 200.000 m2 Büro-, 100.000 m2Apartment- und 45.000 m2 Shoppingfläche.

Von der Attraktivität her hält der Flughafen Wien als Gewerbestandort mit. Cargo-Unternehmen und Industriebetriebe siedeln sich an und ein großes Bürozentrum ist geplant. Dazu haben Architektur-Studierende der TU Wien heuer im Wettbewerb „tarp“ (the airport city research project) Lösungen für den Office Park 1 für das Jahr 2050 präsentiert. „Die Gewinnerprojekte werden nicht 1:1 umgesetzt, sind aber Planungsgrundlage und Ideenlieferant für die Airport City, um ihre Weichen in die Zukunft zu stellen“, sagt Anton Kottbauer von der Abteilung Raumgestaltung und Entwerfen der TU Wien.

 

Sanierung mit Totalsperre

Dass sich auch vergleichsweise kleine Maßnahmen groß auswirken können, zeigt der Salzburg Airport – in einem Jahr steht die Generalsanierung der mittlerweile sechzig Jahre alten Piste an. Seit 2015 bereitet man sich auf diese bauliche Maßnahme intensiv vor, nachdem sich die Geschäftsführung entschieden hat, statt der jährlich anfallenden Ausbesserungsarbeiten gleich eine Komplettsanierung vorzunehmen. Von Ende April bis Ende Mai 2019 ist der Flugverkehr damit lahmgelegt.

AUF EINEN BLICK

Der Flugverkehr nimmt stetig zu: von 1,3 Milliarden Passagieren 1995 stieg die Zahl auf 4,1 Milliarden 2017, der Flughafen Wien verzeichnete in diesem Jahr 24,4 Mio. Reisende. Der Airport Berlin soll in Zukunft als zusätzliche Drehscheibe den Flughafen Frankfurt entlasten, der neue Airport Istanbul soll als Umsteigeplatz den asiatischen und zum Teil auch afrikanischen Raum mit Europa verbinden und die Destinationsmöglichkeiten vervielfachen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2018)

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