Anrainerkommunikation: Probleme mit dem Baulärm?

Bei Baustellen gibt es immer Lärm. Viele Probleme lassen sich durch frühzeitigen Austausch eindämmen. Am besten für eine gute Nachbarschaft: wenn auch danach weiter miteinander geredet wird.

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Über den Gewinn von Wohnraum freuen sich nicht immer alle: Anrainer fürchten um Einschnitte in ihre Lebensqualität, etwa „zubetoniert“ zu werden oder Grünraum zu verlieren. Proteste sind programmiert – es sei denn, der Dialog zwischen Bauträgern und Anrainern wird frühestmöglich angestrebt und zweitere werden nicht mit unumstößlichen Plänen konfrontiert. An oberster Stelle stehen für Anrainer Transparenz und Ehrlichkeit. Haben alle Parteien die Möglichkeit, Ideen einzubringen, zeigen sie sich eher kompromissbereit. „Optimalerweise arbeiten bei Großbauprojekten die Dienststellen der Stadtentwicklung und die Projektwerbenden an einer guten Kommunikation, um die Anrainer bei einem Vorhaben zu informieren und einbinden zu können“, sagt Alexandra Rupp-Ebenspanger von der Magistratsabteilung 21, Stadtteilplanung und Flächennutzung. Sie ist Leiterin der Stabsstelle für Bürgerbeteiligung & Kommunikation. „Die Stadtplanung hat die Interessen der anwohnenden Bevölkerung zu berücksichtigen.“ Dabei wird seit 2015 ein Masterplan für partizipative Stadtentwicklung angewandt, der die Kommunikation „frühzeitig, direkt und klar“ ermöglichen soll.

Für das Wohnquartier Attemsgasse Ost, Teil des Modellprojekts „Die Stadt“ im Stadterweiterungsgebiet Kagran West, fand beispielsweise Ende vergangenen Jahres ein umfassender Beteiligungsprozess statt. Anrainer konnten ihre Ideen für das Areal einbringen. Das Modellprojekt steht für die räumliche Umsetzung der Idee, gleichwertige Lebensbedingungen für Frauen und Männer zu schaffen. Dass die Anrainer nicht nur in den Dialog eingebunden werden, sondern auch die Macht zu Veränderungen haben, zeigt das Projekt „Zu Hause im Park“ am Kirschblütenpark, wo bis Ende 2020 auf einer Fläche von 11.000 Quadratmetern rund 380 Einheiten entstehen sollen. Ein Wohnturm im Bauplan war den Anrainern ein Dorn im Auge. „Aufgrund der kritischen Stellungnahmen zur Gebäudehöhe wurde der Vorschlag zur Reduktion auf Bauklasse IV, also 21 Meter, anstelle von Bauklasse VI mit 35 Metern vom Gemeinderatsausschuss angenommen“, so Rupp-Ebenspanger.

 

Nachbarschaftspflege

Auf der anderen Seite Wiens, in Meidling, wird derzeit das Stadtentwicklungsprojekt „Der Wildgarten“ umgesetzt. Bis 2022 sollen über 2000 Menschen in die neue Siedlung einziehen. Die ARE Development (auf Projektentwicklung spezialisierte Tochter der ARE Austrian Real Estate der Bundesimmobiliengesellschaft) versuchte dabei, schon vor der Umsetzung mit dem Bau eines Nachbarschaftszentrums einen geeigneten Ort zur Kommunikation zu schaffen. „Bereits mit dem Verfahren zur Festsetzung des Flächenwidmungs- und Bebauungsplanes hat es laufend Gespräche mit den Anrainern insbesondere der angrenzenden Kleingartenanlage gegeben“, sagt Alexandra Tryfoniuk von ARE Austrian Real Estate. Die ersten Informationsveranstaltungen fanden vor vier Jahren statt. „Die Entwicklungsgesellschaft und der Magistrat der Stadt konnten so die Stimmen der Vereinsleitung der Kleingartenanlage, der Informationsveranstaltung und des Fachbeirates aufgreifen und Änderungen am Plan vornehmen.“ Mit dem Nachbarschaftszentrum wurde 2016 auch eine Möglichkeit des Austauschs und der Information für die künftigen Bewohner geschaffen. „Das Zentrum hat auch die Aufgabe, durch laufende identitätsstiftende und bewusstseinsbildende Maßnahmen die Ideen und Visionen des Projektes Wildgarten zu vermitteln“, sagt Tryfoniuk. Darüber hinaus finden Veranstaltungen statt, wie etwa Entdeckungstouren, Kräuterworkshops, Kranzbinden im Advent, Open-Air-Kino und die Aktion „Hol dir deinen Humus“, was besonders gut angenommen wurde. Anders als bei anderen Wohnprojekten konnte damit bisher Ärger auf beiden Seiten vermieden werden, die zum Zentrum gehörende Homepage wird genutzt. Ein Projekt, das Vorbild bei zukünftigen Wohnbauprojekten der Stadt sein könnte.

Worauf es ankommt bei derAnrainerkommunikation

 

Tipp 1

Ängste. Je größer das Bauvorhaben, umso größer die Veränderungen und damit die Unsicherheiten und Befürchtungen der Anrainer: Wird es mehr Lärm und weniger Licht geben? Wer werden die Menschen sein, die hierherkommen? Wie lebt es sich mit ihnen? Aber auch kleine Vorhaben können schwierig werden, wenn sie bestehende Strukturen nachhaltig verändern.

Tipp 2

Umstände. Im innerstädtischen Bereich sind Bauvorhaben grundsätzlich weniger konfliktträchtig, wenn keine üblichen Höhen überschritten werden oder als schützenswert empfundene Häuser abgerissen werden. Auf der grünen Wiese ändert eine neue Wohnsiedlung die Umgebung grundlegend und kann daher, wird das negativ empfunden, zu großem Protest führen.

Tipp 3

Umsetzungen. Frühzeitige Kommunikation und vor allem Einbindung hilft, mit der neuen Situation umzugehen und auch Vorteile erkennen zu können, etwa neue Nahversorger ums Eck, Kinderbetreuungsangebote und bessere Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel. Nachbarschaftszentren können schon vor dem Einzug Kontakt zu den neuen Anrainern ermöglichen.

 

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