Mediation auf dem Bau: Mehr Reden, weniger Klagen

Konfliktmanagement gewinnt in der Immobilienbranche immer stärker an Bedeutung – vom Reihenhaus bis zum internationalen Flughafen. Was man dabei beachten sollte.

Wem gehört das Haus? Mediation ist bei "Scheidungshäusern" oft effektiver als der Weg vor Gericht
Wem gehört das Haus? Mediation ist bei "Scheidungshäusern" oft effektiver als der Weg vor Gericht
Wem gehört das Haus? Mediation ist bei "Scheidungshäusern" oft effektiver als der Weg vor Gericht. – pixabay

Wenn es weniger ums Rechthaben als ums Lösungfinden geht, ist Mediation ein guter Weg: Das hat sich auch in der Immo-Branche herumgesprochen, die von Haus aus nicht arm an Konfliktpotenzial ist. Von Genehmigungsverfahren über Baumängel bis zu Nachbarschaftsstreitigkeiten reicht die Palette potenzieller Gerichtsverfahren.

Scheidungshäuser aufteilen

„In der Praxis kommt Mediation immer öfter zum Einsatz", erklärt Valentina Philadelphy-Steiner, die sich als Mediatorin und Rechtsanwältin auf den Bereich Immobilienwirtschaft spezialisiert hat. „Im Privatbereich vor allem bei der Frage, wer im Falle einer Scheidung das Haus behält", so die Expertin. „Zu diesem Thema bekommen wir immer mehr Anfragen, schließlich ist das Haus im Normalfall der Vermögenswert schlechthin, und es müssen schwierige Fragen von ,Wer darf bleiben?‘ über ,Wer zahlt aus?‘ bis zu ,Wie teilt man es auf?‘ beantwortet werden." Was meist leichter, vor allem aber auch schneller und günstiger geht, wenn man mit einem Mediator gemeinsam nach Antworten sucht statt mit zwei gegnerischen Anwälten.

Die Faktoren Kosten und Zeit überzeugen auch immer mehr kleine und große Unternehmen davon, sich auf ein Mediationsverfahren einzulassen. Dazu gehören etwa Großprojekte, bei denen die beteiligten Baugesellschaften bereits im Vorfeld festlegen, dass bei allfälligen Streitigkeiten zunächst ein Mediationsverfahren angestrebt wird, ehe man vor Gericht zieht.

Anrainer ins Boot holen

„Das ist eine Praxis, die in Deutschland bereits sehr viel stärker verbreitet ist, aber auch in Österreich immer üblicher wird", sagt Philadelphy-Steiner. Darüber hinaus kommen die Dienstleistungen der Mediatoren auch bei einer wachsenden Zahl von Vorhaben zum Einsatz, bei denen potenziell Betroffene – beispielsweise Anrainer – bereits im Vorfeld in die Planung einbezogen werden, um zu verhindern, dass das Projekt später durch Einsprüche verzögert wird. „Diese Verfahren finden oft dann statt, wenn Umweltverträglichkeitsprüfungen gemacht werden müssen, beispielsweise bei Windparks oder Flughafenprojekten", sagt die Mediatorin. Da dabei oft mehrere Hundert Beteiligte zusammenkommen, werden Großgruppen-Mediationen durchgeführt, um allen von Anfang an Gehör zu verschaffen. „Grundsätzlich geht es bei Mediationen immer darum, die verschiedenen Stakeholder oder Konfliktparteien an einen Tisch zu holen", betont Patricia Velikay, Mediatorin in Wien. „Und um einen adäquaten Umgang mit Befürchtungen und Interessen."

Chaos strukturieren

Mediatoren sind bei ihrer Tätigkeit dem Grundsatz der Allparteilichkeit verpflichtet. Gesucht werden Lösungen im Konsens, bei denen nicht die Mehrheit die Minderheit überstimmt. „Oft geht es bei unserer Tätigkeit auch darum, Chaos zu strukturieren oder Prozesse systematisiert abzuwickeln", so Velikay. Wird das richtig gemacht, zahlt sich ein Mediationsverfahren für die Auftraggeber meist aus, auch wenn sich die Kosten nicht allgemeingültig beziffern lassen, wie Philadelphy-Steiner und Velikay betonen. Festgelegte Sätze wie bei Anwälten gibt es nicht, vielmehr hängt die Preisgestaltung davon ab, wie viel Vor- und Nachbereitungszeit nötig ist – und diese ist bei einem Scheidungshaus deutlich geringer als bei einem Großflughafen. In Auftrag gegeben werden die Mediationsverfahren zumeist von öffentlichen oder von Bau-Trägern – vor allem jenen, die schon erlebt haben, wie lang erboste Anrainer ein Projekt auf Eis legen können, wie Philadelphy-Steiner berichtet.

Geänderte Rahmenbedingungen bei öffentlichen Ausschreibungen haben das Geschäft ebenso beflügelt, wie Daniela Fiedler von Wohnbund Consult berichtet. „Vor zehn Jahren wurde bei Bauträgerprojekten die soziale Nachhaltigkeit als vierte Säule bei Ausschreibungen eingeführt. Dazu gehören Themen wie Inklusion und Integration, Mobilität oder die Mitbestimmung im Wohnbau", erklärt die Projektleiterin, deren Unternehmen Bauträger dabei berät. Wozu in der Umsetzung immer auch Mediationsverfahren gehören, die allerdings zum Einsatz kommen, noch ehe es Streitigkeiten gibt. „Dabei geht es darum, proaktiv Themen anzugehen und ein frühzeitiges Kennenlernen der Mitbewohner zu ermöglichen oder gemeinsam Nutzungen der Gemeinschaftsräume oder –gärten festzulegen", nennt Fiedler Beispiele, wie Mediation eingesetzt wird, um es gar nicht erst zu Konflikten kommen zu lassen. (sma)

Veranstaltungstipp

Das Thema „Konfliktmanagement in Österreichs Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – Perspektiven der Mediation in Zeiten des Wandels" steht im Mittelpunkt einer Fachtagung des Österreichischen Bundesverbandes für Mediation (ÖBM), die am 5. Juli im Hotel Strudlhof im neunten Wiener Bezirk stattfindet. Anmeldungen sind bis zum 31. Mai möglich.

Web: www.oebm.at

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2019)

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